Der Neue Merker

BERLIN/ Philharmonie: TON KOOPMAN DIRIGIERT BACHS H-MOLL-MESSE

Berlin/Philharmonie: Ton Koopman dirigiert Bachs h-Moll-Messe, 28.10.2017

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Ton Koopman. Copyright: Eddy Posthuma de Boer.

 

Bachs h-Moll-Messe – das ist sein opus magnum und sein sorgsam gearbeitetes Vermächtnis an die Nachwelt – an die Komponierenden, die Singenden und die Hörenden. Stets bildet diese Messe den Abschluss beim Bachfest Leipzig. In vielen Ländern wird sie aufgeführt, nun endlich auch wieder in der Berliner Philharmonie unter der Leitung des holländischen Alte-Musik-Spezialisten und Leiters des „Amsterdam Baroque Orchestra & Choir“ Ton Koopman.

Ihn und Bachs h-Moll-Messe hat man/frau in diesem außerkirchlichen Rahmen lange vermisst. An drei Abenden ist die Philharmonie ausverkauft. Das Timing passt, sei es per Zufall oder nicht. Gerade hat die UNESCO das 99-seitige Autograph zum Weltdokumentenerbe erklärt. Die Musikabteilung der Staatsbibliothek Berlin hütet diesen kostbaren Schatz.

Erst kurz vor seinem Tod im Jahr 1750 beschäftigte sich Johann Sebastian Bach nochmals mit der noch unvollendeten h-Moll-Messe. Eine Urfassung mit nur zwei Sätzen – dem Kyrie und dem Gloria – hatte er schon 1733 als „geringe Arbeit“ an den sächsischen Kurfürsten Friedrich August II gesandt, in der Hoffnung, dass er daraufhin zum Hofkomponisten ernannt würde. Das war zunächst nicht der Fall.

In den Jahren 1748/49 widmete sich Bach nochmals und mit voller Kraft dieser Messe, baute die bestehenden Teile aus, schloss Fehlendes an und vollendete das Gesamtwerk. Sein ganzes Können legte er in diese Partitur hinein, und die verlangt ebenfalls Könner, um das Werk adäquat und in Bachs Sinn darzubieten.

Dass Bach bei der h-Moll-Messe Teile aus seinen anderen Werken verwendete, tut ihrer herausragenden Qualität keinen Abbruch. Auch die erhebliche Zeitdifferenz zwischen der Ur- und der Endfassung macht sich nicht bemerkbar. Bachs einzige (katholische) Messe ist ein Kunstwerk aus einem Guss, schafft es doch auch die Verbindung von der Gregorianik bis über die Barockmusik hinaus.

Anders als die Bach-Passionen geriet die h-Moll-Messe – dank einer Teilaufführung durch seinen in Hamburg als Musikdirektor tätigen Sohn Carl Philipp Emanuel – nicht in Vergessenheit. Er dirigierte 1786 bei einem Benefiz-Konzert zwar nur den Credoteil, ließ aber zahlreiche Abschriften anfertigen. Der Schweizer Musikpädagoge Hans Georg Nägeli bezeichnete sogleich die h-Moll-Messe als „größtes musikalisches Kunstwerk aller Zeiten und aller Völker“.

Ton Koopman, der quicke 73-Jährige, dirigiert die Messe lebhaft und mit Aufmerksamkeit für jedes Detail. Bach ist sein Lebenselixier, das ist unverkennbar. Im Benedictus bedient er auch die Orgel. Dass es ein großer Abend wird, ist insbesondere dem (schon mit vielen Preisen bedachten) RIAS Kammerchor unter seinem neuen Leiter Justin Doyle zu verdanken. Die 36 Damen und Herren transportieren Wohlklang und Stilgefühl, sie leisten Außerordentliches, und doch klingt alles locker. Überzeugend gelingen auch die Tempowechsel, und ohne jegliches Forcieren entwickeln sich die Crescendi.

Auch die Solisten/innen sind bachgerecht gewählt, Yetzabel Arias Fernandez mit ihrem klaren vibrationsfreien Sopran, Wiebke Lehmkuhl mit sattem Alt, Tilman Lichdi mit gut geführtem, gelenkigen Tenor und der gestandene Bach-Bass Klaus Mertens.

Beginnen wir mit dem intensiv ausgemalten Kyrie, und das singt der RIAS Kammerchor so gewaltig drängend, dass Gott die Bitte um Vergebung eigentlich nicht verweigern kann. Auch das Duett der beiden Solistinnen jubelt beim „Christe eleison“ schon voller Gottvertrauen. Ein schlechtes Gewissen und Angst vorm Jüngsten Gericht hat Bach nicht hineinkomponiert.

Das Gloria ist eine wirkliche Verherrlichung, unterstützt von strahlenden Trompeten. Es besitzt aber auch nachdenkliche Passagen, siehe den ruhigeren Friedenswunsch „et in terra pax“. Wunderschön umrankt jetzt die Geige von Konzertmeister Noah Bendix-Balgley den ausdrucksreichen Sopran von Yetzabel Arias Fernandez.

Bach muss  Sängerinnen und Sänger geliebt haben. Fast immer umspielt ein zur Stimme passendes Soloinstrument die Interpreten. Der schneidige Bass von Klaus Mertens bekommt einen Hornisten als Kameraden. Alle diese Begleiter aus den Reihen der Berliner Philharmoniker machen ihre Sache sehr gut, doch beim Zusammenwirken von Chor und Orchester hapert es trotz Koopman mitunter bei der Koordination.

Beim Credo beginnen die starken Männerstimmen des Chores, und der zelebriert bald eine flotte Glaubensfeier. Dem Duett der beiden Damen, deren Stimmen gut zueinander passen, schließt sich ein geheimnisvolles „Et incarnatus est“ an, gefolgt vom tragischen „Crucifixus etiam pro nobis“ und begleitet von weinenden Geigen. Berührend das Chor-Pianissimo „et sepultus est“. Bachs Meisterwerk hier meisterlich umgesetzt.

Den Vers „Et in Spiritum Sanctum“ hat der Lutheraner Bach dem robusten Bass anvertraut, muss der doch auch den Glauben an die katholische Kirche bekennen. Mertens tut es eindrucksvoll. Nach den jubelnden Chor-Damen im „Osanna in excelsis“ und dem gefühlvollen „Agnus Dei“, gesungen von Wiebke Lehmkuhl, ist es erneut der Chor, der das „Dona nobis pacem“ als Bitte aller Menschen mit drängendem Wohlklang gen Himmel schickt. Großartig! Brausender Jubel für Bachs zeitlos gültige Weltmusik erfüllt nun die Philharmonie.

Ursula Wiegand

 

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