Der Neue Merker

BERLIN/ Philharmonie: THIELEMANN UND KREMER mit Gubaidullian und Bruckner

Berlin/ Philharmonie: Christian Thielemann und Gidon Kremer, 08.12.2016

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Christian Thielemann. Copyright: Matthias Creutziger

2015 war der weltbekannte Geiger Gidon Kremer bei den Festtagen der Staatoper in Berlin zu hören, nun – nach fast zehnjähriger Pause – konzertiert er unter der Leitung von Christian Thielemann wieder mit den Berliner Philharmonikern.

Er bringt, wie es seine Art ist, etwas Besonderes und ziemlich Neues: das Violinkonzert „In tempus praesens“ von Sofia Gubaidulina. Beim Lucerne Festival wurde es unter der Leitung von Simon Rattle uraufgeführt, mit Anne-Sophie Mutter als Solistin. Für sie hatte Frau Gubaidulina den Solopart geschrieben.
Jetzt also Gidon Kremer, der Spezialist für Außergewöhnliches. Den Anfang muss die Geige alleine bestreiten. Immer wieder und immer höher bis ins Haarfeine, kaum mehr Hörbare schraubt sich Kremers Violine empor, muss sich aber bald gegen das tief grummelnde Orchester behaupten.

Die Komponistin hat auf die ersten und zweiten Geigen verzichtet, und das ergibt starke Kontraste. Mal flirrt das Orchester, mal mischt es sich leicht dissonant ein. Danach produzieren die Kontrabässe ein Donnergrollen. Dieses und auch eine wahre Bläser-Attacke muss die filigrane Geige, von der Höhe in die Niederungen herabsteigend, überleben.

„Verzweifelt schön“ klinge sie, äußerte der Kritiker Robert Jungwirth nach der Uraufführung. Auch beim Spiel von Gidon Kremer stellt sich dieser Eindruck ein. Sofia Gubaidulina will eine „andere essenzielle Zeit“, die im Alltag verdrängt wird, wieder bewusst in der Gegenwart ansiedeln. Der Werkname „In tempus praesens“ steht für dieses Bemühen.

Mir kommen noch andere Gedanken: die zerbrechliche Geige als ein Individuum, das sich vor dem Ansturm der Massen immer höher hinauf flüchtet, sich aber auch hinunter zu ihnen begeben muss, um sich zu verteidigen. Das Werk endet, wie es begonnen hat. Wieder allein und hoch hinauf schwingt sich der Geigenton, den Kremer lange aushalten muss. Starker Beifall belohnt den großen Künstler.

Nach diesem feinsinnig-modernen Aufschwung in höhere Sphären wirkt Anton Bruckners „Messe Nr. 3“ f-Moll mit ihren Klangmassen wie eine Überwältigungsstrategie, sind doch vier Gesangssolisten und ein großer Chor mit von der Partie. Hier sind es Anne Schwanewilms (Sopran), Wiebke Lehmkuhl (Alt), Michael Schade (Tenor) und Franz-Josef Selig (Bass) sowie der stimmstarke  Rundfunkchor Berlin, einstudiert von Gijs Leenaars. Eine Luxusbesetzung, die nicht den geringsten Zweifel aufkommen lässt, diese mächtige Messe sei unsingbar, wie die Wiener Hofkapelle zunächst meinte. Anne Schwanewilms und Franz-Josef Selig überzeugen sogleich bei ihren in den Chorpart eingestreuten Kyrie-Bittrufen.

Diesem Kyrie in f-Moll, erst verhalten, dann drängend, folgt ein gleißendes Gloria, beginnend in jubelndem C-Dur. Thielemann dirigiert es, genau wie das nachfolgende Credo, sehr Rhythmus betont, fast militärisch. Bruckners Gottesgewissheit erlaubt keine Zweifel. Genau so musizieren es die Berliner Philharmoniker und singt es der Rundfunkchor. Nur das zarte „ex Maria Virgine“ macht eine deutliche Ausnahme und wird von Michael Schade feinfühlig dargeboten.

Beim Sanctus kann Thielemann allmählich umschalten und den Streichern danach eine innigen Gestaltung des Zwischenspiels vor dem Benedictus entlocken. Ein musikalischer Höhepunkt. Dann aber wieder eine erstaunliche Klangballung im Agnus Dei. Zuletzt ein sehr zurückhaltendes „dona nobis pacem“. Ganz leise verklingt das „pacem“, so wie Bruckner es wollte, und wie es heutzutage angebracht ist. Umso lauter gleich danach der Jubel.                  

Ursula Wiegand

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