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BERLIN/ Philharmonie: SILVESTERKONZERT mit Sir Simon Rattle und Joyce DiDonato

Silvesterkonzert mit Joyce DiDonato, Foto Monika Rittershaus
Silvesterkonzert mit Joyce DiDonato. Copyright: Monika Rittershaus

Berlin/ Philharmonie: Silvesterkonzert mit Sir Simon Rattle und Joyce DiDonato, 29.12.2017

Starker Applaus gleich zu Beginn, als Simon Rattle zum Podium eilt. Wohl alle wissen es, letztmalig dirigiert er das Silvesterkonzert mit den Berliner Philharmonikern, bevor er in London weiter arbeitet. Als Gastdirigent wird er noch in Berlin zu erleben sein, aber – wie vorab zu hören ist – wird er nicht das Silvesterkonzert 2018 leiten. Also heißt es, diese drei Konzerte zu genießen. Das letzte, am 31.12. nachmittags, wird in viele Kinos übertragen.

Das diesjährige Jahresschlussereignis erhält durch den Stargast Joyce DiDonato eine deutliche und höchst sympathische Aufwertung. Auch das Programm, zu Silvester immer ein Potpourri, bietet mehr an Überraschungen als in den Vorjahren und wird so insgesamt zum Jahresabschied mit Niveau.
Das beweist sogleich das erste Stück, die Konzertouvertüre „Karneval“ op. 92 von Antonín Dvořák. Die haben die Berliner Philharmoniker erst einmal aufgeführt, und zwar am 16. Februar 1936 (!), also garantiert nicht mit den Damen und Herren, die jetzt an den Pulten sitzen.

Auch wenn wir nicht mitten im Karnevalstreiben sind, das immerhin am 11.11. beginnt, passt das Stück dennoch, da es mit einem Überschwang an Lebensfreude daherkommt und auch so gespielt wird. Es beginnt rasant und recht laut, besitzt aber auch schmelzende, folkloristische und naturnahe Passagen. Am Ende erneut ein Dvořák-Caracho, ein Mutmacher fürs kommende Jahr, von Rattle und den Seinen mit Verve dargeboten und vom Publikum sogleich mit donnerndem Applaus gewürdigt. Ein echter Silvesterknaller.
Als zarter Kontrast ein Pas de deux aus „Apollon musagète“ von Igor Strawinsky, der sich in diesem Werk (in der revidierten Fassung von 1947) ganz ohne Dissonanzen auf das klassische Ballett konzentrierte, das er selbst sehr liebte. Nur Streicher setzte er ein und unterstrich mit dieser fragilen Musik die ebenso fragile Schönheit der Tänzerinnen.

„Apollon musagète“ gehört zu Strawinskys neoklassischen Kompositionen und ist somit meilenweit entfernt von seinem „Le sacre du printemps“ oder vom „Feuervogel“. Im Vorjahr hat Sir John Eliot Gardiner die Berliner mit einer konzertanten Variante wachgeküsst, erstmals seit 1952. Nun ist ein 4-minütiges Stücklein zu hören, der Tanz Apolls mit der Muse Terpsicore. Freundlicher Beifall.

Und nun kommt die US-Mezzosopranistin Joyce DiDonato, auf die wohl alle warten. Ein Star am Opernhimmel, doch ganz ohne Starallüren. Eine schöne, schlanke Frau im schulterfreien langen schwarzen Kleid mit Glitzereffekten. Mindestens ebenso schön strahlt alsbald ihr Mezzo durch den großen Saal und ist aller Nuancen fähig.

Sie singt nicht nur, sie formt die Töne, und das kommt den „Fünf Liedern“ von Richard Strauss ungemein zugute. Zu hören sind sie in der Fassung mit Orchesterbegleitung, die zwischen 1897 und 1906 entstanden. „Zueignung“ wurde erst 1929 orchestriert, nicht von Strauss, sondern von Robert Heger. Komponiert hatte es Strauss schon 1885 als Hochzeitsgabe für seine Frau, der Sopranistin Pauline de Ahna. Die Lieder von 1899 und 1900 illustrieren das Glück der Eltern nach der Geburt des Sohnes Franz.

Joyce DiDonato findet für jedes Lied den richtigen Klang, und das begeisterte Publikum applaudiert auch nach jedem. Die „Zueignung“ gestaltet sie mit Intensität. Da hat sich einer – Richard Strauss – für die Ehe entschlossen und sagt gerne Ade zum Junggesellendasein. – Das Wiegenlied kleidet sie in ein zärtliches, liebevolles Legato, setzt mit kundiger Vorsicht die Höhen an. Stolz, munter und schillernd interpretiert sie die „Muttertändelei“, lässt eine fast euphorische Mutter hören.

Beim sanft wiegenden „Morgen“ sind die Wellen zu vernehmen und das schwärmerische Miteinander zweier Menschen. Wunderschön und passend das Zusammenwirken von DiDonatos Mezzo mit dem Geigenspiel von Konzertmeister Noah Bendix-Balgley.
Echt lustig ist und gerät das letzte Strauss-Lied „Die heiligen drei Könige“. Die tiefen Streicher verdeutlichen das Stapfen der Kamele durch den Wüstensand. Strauss vertonte, vermutlich amüsiert, den Text vom Spötter Heinrich Heine, und der ist realitätsnah.
Das Öchslein brüllte, das Kindlein schrie, die heil’gen drei Könige sangen“, lauten die letzten Textzeilen. Prima gelingt das, und während das Orchester weiter spielt, guckt sich Joyce DiDonato locker und lächelnd um, blickt auf die Instrumentalisten und, sich drehend, im ausverkauften Saal um. Sie scheint ihren Auftritt zu genießen. Nach dem heftigen Applaus bekommt auch Noah Bendix-Balgley von ihr einen Kuss. Das guckt überrascht und lächelt erfreut. So etwas passiert ihm sicherlich nicht alle Tage.

Im zweiten Teil – nach Leonard Bernsteins“ schmissigen, rhythmisch vertrackten „3 Dance Episodes aus On the Town“ – tritt Joyce DiDonato nochmals auf. Nun wird es ernst und gegenwartsnah, nicht nur weil Bernsteins „White House Cantata“, eine Premiere für die Berliner Philharmoniker ist. Der Song  „Take care of this house“ aus diesem 1996 umgearbeiteten Musical ist ja bestürzend aktuell.

Rattle sagt vorab in etwa: „Bernstein war ein politisches Tier, und er würde sich sicher sehr darüber freuen, dass wir heute diese Cantata spielen.“ Gemeint ist das dem Weißen Haus gewidmete Lied „Take care of this house“. Joyce DiDonato beginnt es energisch wie eine Forderung an den jetzigen Präsidenten. Diese mahnende Zeile wiederholt sich mehrere Male und endet mit „it’s the hope of us all“. Das singt sie sehr leise, so als sei die weltweite Hoffnung auf dieses mächtige Weiße Haus zur Zeit fast geschwunden. Mit einem  herzlichen Händedruck bedankt sie sich hinterher bei Rattle, dass dieser Song im Silvester-Programm steht.
Die Orchestersuite „Das goldene Zeitalter“ aus dem gleichnamigen Ballett op. 22a von Dmitri Schostakowitsch verspricht allerdings Supergutes, und das Publikum klatscht animiert nach jedem der 4 Sätze, insbesondere nach der Polka und dem stürmischen Russischen Tanz als Rausschmeißer.

Silvesterkonzert, Simon Rattle applaudiert Joyce DiDonato, Foto Monika Rittershaus
Rattle applaudiert Joyce DiDonato. Copyright: Monika Rittershaus

Aber so lässt Rattle das Publikum nicht vondannen ziehen. Wie jeden Silvester bringt er als Zugaben Dvořáks Slawischen Tanz in e-Moll, gefolgt von Brahms Ungarischem Tanz Nr. 1 g-Moll, und die Berliner Philharmoniker fluten mit diesen Klängen den ganzen Saal. Tosender Beifall.

Wiederholungen am 30. abends und am 31. Dezember nachmittags in der Philharmonie und am Silvestertag mit einer live-Übertragung in zahlreichen Kinos.

Ursula Wiegand

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