Der Neue Merker

BERLIN /Philharmonie: ROBERTO DEVEREUX mit Edita Gruberova. Konzertante Premiere

Berlin/ Philharmonie: „ROBERTO DEVEREUX“ mit Edita Gruberová, konzertante Premiere, 05.11.2014

Edita Gruberova und Celso Albelo, Foto Bettina Stoess
Edita Gruberova als Elisabetta, Celso Albelo als Roberto, Foto: Bettina Stoess

Die Deutsche Oper Berlin muss umbaubedingt erneut ausweichen und hat die Premiere von Gaetano Donizettis lyrischer Tragödie „Roberto Devereux“ in die Philharmonie verlegt. Nachteilig ist das nicht. Der große Saal mit seiner fabelhaften Akustik ist der perfekte Rahmen für diese Aufführung und vor allem für „Edita, die Große“.

Sie kam, sah und siegte, tat und tut es in bewundernswerter Weise. Edita Gruberová, die Koloratur-Königin, trumpft nicht auf. Stattdessen bietet sie als Elisabetta (Elisabeth I von England) eine Charakterstudie der alternden Königin, die ihren geliebten Roberto, Earl of Essex, nicht zurückgewinnen kann. Die schließlich, rasend vor Eifersucht, das Todesurteil der Ratsversammlung für den des Hochverrats Angeklagten, unterschreibt und ihn, das eigene Herz brechend, dem Henker ausliefert. Ein Seelendrama sondergleichen.

Das darzustellen gelingt allein mit ihrer Stimme, die alle Facetten von Zärtlichkeit, Enttäuschung, Verzweiflung, Wut, Rachsucht und Reue plastisch heraushören lässt. Also die genau passende „Altersrolle“ für diese Belcanto-Diva? Nein, das trifft es nicht. Die Gruberová bringt ihre ganze Lebenserfahrung in diese Partie hinein. Die ist ihr jetzt auf den Leib geschneidert. Überzeugend artikuliert sie sich als machtbewusste Herrscherin, die ihr mitunter weiches Herz hinter der Staatsräson verstecken muss. Optisch ist sie eine nach wie vor königliche Erscheinung in sommerhimmelblauer, strassbesetzter Robe mit langer Schleppe.

In den ersten beiden Akten wählt sie eher die leiseren Töne, färbt sie aber ständig neu ein. Dass die „unfreundlichen“ Gesangssprünge dieser Partie eine Herausforderung sind, ist gelegentlich wahrzunehmen. Doch durch die nuancenreichen Abstufungen im Piano, das Schillernde, Schwebende, werden sie mehr als wettgemacht. Und Pietro Rizzo, der jugendliche Dirigent, trägt nicht nur sie – zusammen mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin – förmlich auf Händen und überwacht alle Einsätze.

Am Ende des 2. Aktes, als sie lodernd vor Eifersucht den treulosen Geliebten durch ihre Unterschrift aufs Schafott schickt, brilliert sie mit Power, schleudert beim „Va´! Va´, la morte sul capo ti pende“ die Hass-Koloraturen nur so heraus und erntet sofort die verdienten Bravos.

An der Seite einer solchen „Prima donna assoluta” müssen sich die Partner beweisen. Das gelingt Veronica Simeoni als Sara nicht so ganz. Ihr Mezzo erscheint beim anfänglichen Auf und Ab klangarm, kann sich sozusagen nur auf einem Level entfalten. Erst später rundet sich ihre Stimme, bringt auch die erforderliche Dramatik, als diese Sara die ganze Scala von Liebe, Verzweiflung und Angst hören lassen muss. Ihr Pluspunkt: soweit möglich spielt sie ihre Rolle mit Gesten und Mimik. Die Angst um den zum Tode verurteilten Geliebten ist ihr ins Gesicht geschrieben.

Herzog von Nottingham als Saras Ehemann, aber auch Freund Robertos, ist bei Davide Luciano in bester Kehle. Eher ein profunder Bassbariton als „nur“ ein Bariton, der den Wandel vom treuen Freund und liebenden Gatten zum sich entehrt Fühlenden und Rachsüchtigen stimmlich eindrucksvoll schildern kann. Auch er erhält den verdienten Zwischenapplaus und zuletzt nach der Gruberová den meisten Applaus.

Den Roberto, der Mann zwischen zwei Frauen, der seinen Freund so sehr enttäuscht, gibt Celso Albelo mit zunächst weichem, wenig Kriegsheld gemäßem Tenor. Seine Darbietung lässt jedoch noch die frühere Liebesbeziehung zur Königin ahnen. Dass er nicht stärker hervortritt, ist auch Donizetti zuzuschreiben, der ihm erst im 3. Akt die entsprechenden Kantilenen komponierte. Jetzt kann er zeigen, wie viel Kraft und Wohlklang er bringen kann, so in der Arie „Bagnato il sen di lagrime“.

Ohnehin wird dieser 3. Akt zum Höhepunkt für die vier Hauptpersonen mit ihren widerstreitenden Gefühlen, hier nun ganz besonders für Edita. All’ ihre Zerrissenheit macht sie ergreifend deutlich, ihr Schwanken zwischen Zorn, Rache, Liebe und Reue. Die Bereitschaft zum Verzicht kommt bekanntlich zu spät. Doch nicht nur Roberto ist das Opfer ihrer maßlosen Eifersucht, sie selbst ist es ebenso. Mit „Qual sangue versato al cielo“ bricht sie innerlich zusammen und tritt als Königin zurück (was geschichtlich nicht den Tatsachen entspricht). Eine atemberaubende gesangliche Leistung, bei der sie sich in dieser konzertanten Version auch nicht die Perücke vom Kopf reißen muss.

Gute Gesangsleistung in den übrigen Rollen bieten Gideon Poppe als Lord Cecil, Marko Mimica als Sir Gualtiero Raleigh, Carlton Ford als Page und Stephen Bronk als Vertrauter des Herzogs.

Zuletzt Riesenjubel für alle, selbstverständlich auch für die von William Spaulding einstudierten Chöre, und „standing ovations“ für Edita, die Große.

Nächste und letzte Aufführung am 11. November.

Ursula Wiegand

 

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