Der Neue Merker

BERLIN/ Philharmonie: ROBERTO DEVEREUX – konzertant. Standing ovations für die Queen

BERLIN/ Deutsche Oper Berlin ROBERTO DEVEREUX – Konzertante Aufführung in der Berliner Philharmonie, 11.11.2014

 Standing Ovations für die Queen: Edita Gruberova berührt einmal mehr als Donizettis Elisabeth

Roberto Devereux
Sichtlich glücklich nach der Vorstellung: Edita Gruberova. Foto: Bettina Stoess

 Fast könnte man meinen, dass Donizetti seine Donizetti Tragödinnen Lucia, Elisabeth und Lucrezia Borgia der Gruberova auf den Leib geschrieben hat. Nicht immer ganz in die Kehle, weil unsere „Grubsi“, wie sie liebevoll von den Fans genannt wird, die tiefen Lagen in den dramatischen Belcanto Partien in Wirklichkeit nie richtig bewältigen konnte. Die gesamte Tessitura etwa der Elisabeth ohne Registerbruch hat ohnedies nur Leyla Gencer beherrscht. Aber wie die absolute Ausnahmekünstlerin Gruberova Wort, Klang, dynamische Kontraste, Schwell- und Kuppeltöne, Gestik, Mimik und Körperspannung zu einem nicht nur tönenden, sondern greif- und erlebbaren tragischen Charakter formt, das ist ganz große Kunst. Und in einzelnen Momenten geht von dieser nicht nur kultisch verehrten, sondern in Berlin auch geliebten Sängerin jene Magie aus, die das Publikum kollektiv beim Schopf packt und innehalten lässt. Das sind die Augenblicke, wo Alltagssorgen abfallen und alles unwichtig wird, weil man von der Gruberova quasi an der Hand auf das künstlerische Seil mitgenommen wird. Und in schwindelerregenden Höhen der Gesangskunst auf bebenden Flügeln einem delikaten und atemberaubenden Flug mutiger künstlerischer Selbstentäußerung miterleben darf. Für mich liegt genau darin der Sinn und die Lust auf Oper, und nicht in einem wenn auch noch so schön rein technisch eine Partitur nachzeichnenden Vokalakt.

 Insgesamt war Donizettis Roberto Devereux – das Libretto stammt wie dasjenige der Lucia aus der Feder des Salvatore Cammarano – bei der Uraufführung in Neapel im Oktober 1837 ein rauschender Erfolg. Allerdings hielt das Interesse an dieser Oper nicht lange an. Von 1882 bis 1961 verschwand sie ganz von der Bildfläche. Nicht ganz ohne Grund wie ich meine: Im Roberto Devereux liegen Banalstes (später hinzu komponierte Ouvertüre, Chöre, manche Rezitative und Tenorarien) neben großartigstem Belcanto knapp nebeneinander. Die mit Abstand beste Musik hat Donizetti nicht für den Titelhelden, den der Königin ungetreuen Roberto, geschrieben, sondern für die alternde, einer verlorenen Liebe zwischen  cholerischer Herrschsucht und an Wahnsinn grenzenden Liebesschmerz nachhängenden Frau. Da ist jedes Detail vom kammermusikalisch stillen Detail bis zur großen Emphase in der Schlussszene gekonnte musikalische Charakterzeichnung. Das Erlebnis stellt sich aber nur ein, wenn eine ideale Titelinterpretin zur Verfügung stellt, die das Abenteuer Gesang hörbar auf die Belcanto-Spitzen treiben kann. Wenn nicht die Gruberova, wer dann? Bis heute gibt es in diesem Fach weit und breit keine Nachfolgerin auf Augenhöhe.

 Rund um die Gruberova ein sympathisches junges Ensemble. So schön, elegant und stilsicher der eine (Davide Luciano als Herzog von Nottingham) oder die andere (Veronica Simeoni als Elisabeths Rivalin Sara) auch singen mögen, sie bleiben doch letztlich Stichwortgeber und vokale Statisterie. Mit guter Technik und in den lyrischen Teilen auch wohlklingenden hellem, etwas weißem Tenor verkörpert Celso Albelo den Roberto. Als Figur bleibt er mehr als blass. Ich verstehe nicht ganz, warum es den Veranstaltern so selten gelingt, an die Seite der Belcanto Queen Gruberova exzeptionellere (Tenor-) Partner zu stellen. Die kleineren Rollen werden von Gideon Poppe (Lord Cecil), Marko Mimica (Sir Gualtiero Raleigh), Carlton Ford (Page) sowie Stephen Bronk (ein Vertrauter des Herzogs) gesungen. Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin wurden von Pietro Rizzi geleitet. Der musikalische Leiter hat die schwierig zu realisierende Partitur teils mit Schwung und Verve, aber leider nicht immer mit der nötigen Spannung und Differenzierung Klang werden lassen. Manch rhythmische Ungenauigkeit und Inhomogenität haben aber einen final insgesamt positiven orchestralen Gesamteindruck nur wenig geschmälert.

 Das Publikum applaudierte der großen Diva Gruberova am Ende stehend und lautstark in Dank und im Wissen um den Ausnahmerang des Erlebten. 

 Dr. Ingobert Waltenberger

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