Der Neue Merker

BERLIN/ Philharmonie: „L’ENFANCE du CHRIST“ von Hector Berlioz, halbszenisch

DSO, Jacques Imbrailo als Joseph und Sasha Cooke als Maria, copyright KaiBienert
DSO, Jaques Imbrailo (Joseph), Sasha Cooke (Maria. Copyright: Kai Bienert

Berlin/ Philharmonie: „L’ENFANCE du CHRIST“ von Hector Berlioz, halbszenisch, 17.12.2017

Maria und Josef wandern durch die Philharmonie. Sie trägt das Baby Jesus im Arm, Er schleppt das Notwendigste zum Überleben bei der Flucht durch die Wüste nach Ägypten. Beide  wollen den winzigen Sohn retten, hat doch Herodes, um seine Macht fürchtend, die Tötung aller Neugeborenen angeordnet.

Auf ihrem strapaziösen Weg werden sie von dem hilfreichen Erzähler begleitet, musikalisch jedoch von Hector Berlioz und seinem romantischen Oratorium L’Enfance du Christ“ für Soli, Chor und Orchester op. 25. In drei Etappen hat Berlioz dieses opernähnliche Stück komponiert. Teil I, das Hirtenstück, wurde 1853 in Paris uraufgeführt, Teil II in Leipzig, und das Gesamtwerk mit großem Erfolg am 10. Dezember 1854 in Paris unter der Leitung von Berlioz.

Nie habe ich dieses Oratorium im Konzertsaal gehört oder gar gesehen. Bachs wunderbares Weihnachtsoratorium hat stets den Vortritt. Der Blick in die fast ausverkaufte Philharmonie zeigt jedoch, wie groß die Neugier auf fast Unbekanntes von einem wohlbekannten Komponisten ist. Dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO) gebührt Dank, dass nun auch der Franzose Berlioz vor dem Christfest zum Zuge kommt.

DSO, Robin Ticciati dirigiert das DSO, copyright Kai Bienert
Robin Ticciati dirigiert das DSO. Copyright: Kai Bienert

Seine volltönende Musik begleitet die junge Familie mit innigen, auch mal aufschwingenden und dramatischen Klängen. Robin Ticciati, der junge Maestro des DSO, dirigiert das knapp 100minütige Werk flüssig, mit weit schwingenden Armen und sensiblen Bewegungen. Statt Tanz auf dem Podium ein feinfühliges Ausmalen dieser oft lyrischen Musiklinien, inspiriert vom Stil französischer Weihnachtslieder, die zumeist heiterer klingen als die deutschen.

Die von Fiona Shaw erdachte halbszenische Darbietung wirkt manchmal etwas rührselig, aber so ist halt die von den Evangelisten überlieferte Weihnachtsgeschichte. Für weniger Bibelfeste ist eine solche Inszenierung ein Pluspunkt, ebenso für die anwesenden Kinder und Jugendlichen. Ganz Auge und Ohr ist meine 14jährige Begleiterin und hinterher total begeistert.

Eines ist Fiona Shaw hoch anzurechnen: der Josef (Jaques Imbrailo) ist kein alter Mann mit Krückstock, wie er zumeist auf Gemälden zu sehen ist. Hier agiert ein schlanker 39-Jähriger, einer der heutigen „neuen Männer“, die ihrer Frau zur Seite stehen und das von ihr mit in die Ehe gebrachte Kind umsorgen, als wäre es ihr eigenes.

Fürsorglich hält dieser Josef seine Maria beim Auf- und Ab durch die Philharmonie an der Hand, damit sie in ihrem langen Gewand nicht stolpert. Sein schöner Bariton, mal zärtlich, mal voller Power, passt genau zu diesem sympathischen Josef.

Ebenso berührend spielt Sasha Cooke die liebevolle und tapfere Maria, die ihrem Söhnchen die Liebe zu den sanften Lämmern ans Herz legt. Nach der Wüstendurchquerung bricht sie vor Hunger und Erschöpfung zusammen. Ihr klarer, kraftvoller Mezzo, der mühelos in die Höhe klettert, füllt den ganzen Saal, doch fehlt ihrer Stimme mitunter das Weiche, das von der Maria ebenfalls erwartet wird.

Den schon erwähnten Erzähler singt Allan Clayton mit wohlklingendem Tenor, zunächst beim Prolog von hoch oben nach dem Motto: Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Auf Erden macht er sich in Jeans und Pullover als Handwerker nützlich, als einer, der auf der anfangs dunklen Bühne für etwas Licht sorgt, den Teppich in Josefs Haus zusammenrollt und ihm beim Packen der Habseligkeiten hilft.

Bezüglich Durchschlagskraft der Stimme und Bühnenpräsenz übertrifft jedoch Christopher Purves alle anderen. Sein volumiger Bassbariton füllt mühelos den Großen Saal, und auch als Darsteller zweier unterschiedlicher Rollen überzeugt er vollauf.

Zuerst gibt er den römischen Stadthalter Herodes, der von Angstträumen geplagt, aus dem Bett am Bühnenrand springt. Ein Mächtiger, dem im Schlaf immer wieder seine Entmachtung angedeutet wird. Wenn er dann gnadenlos die Ermordung aller Neugeborenen anordnet, läuft es sensiblen Menschen kalt über den Rücken. Herodes geht, wie im Neuen Testament beschrieben, zwecks Machterhalt über Baby-Leichen.

Später verkörpert Purves den Sanftmütigen, den die Not der Familie rührt. Während die Bevölkerung – der RIAS Kammerchor, einstudiert von Justin Doyle – in der ägyptischen Stadt Sais Maria und Josef als verhasste Juden beschimpft und sich ihnen drohend entgegenstellt (Choreographie: Kim Brandstrup), ist es für einen andersgläubigen Ismaeliten (Araber) trotz eigener Armut selbstverständlich, diese jüdische Familie bei sich aufzunehmen. Hier ist die Bibel nah an der Gegenwart.

Christopher Purves verändert nun total Spiel und Stimme. Freundlich wäscht er Maria die wunden Füße, ebenso freundlich klingt jetzt sein voller Bassbariton. Erfreut hört er, dass Josef wie er ein Zimmermann ist. Sie werden zusammenarbeiten, und das wird mit einem Trio, bestehend aus 2 Flöten und Harfe, nach des Gastgebers Sitte gefeiert. Konzentriert lauscht das Publikum dieser sanften, leicht orientalisch eingefärbten Weise.

In dieser Gastfamilie wächst der kleine Jesus auf (Jonathan Mücke) und bastelt als erstes ein hölzernes Kreuz, nachdem er vorher schon Zweige zu einer Dornenkrone gewunden hatte. Zwei frühe Hinweise auf seinen Tod, die seiner Mutter Angst machen.

DSO, Christopher Purves als Herodes, copyright Kai Bienert
Christopher Purves als „Herodes“. Copyright: Kai Bienert

Der Epilog mit Solostimmen und dem Chor singt diese Ängste schnell hinweg und erfüllt die Philharmonie mit festlichem Glanz. Wie im Flug sind die 100 Minuten vergangen, und da sich jeder und jede zu Weihnachten eigentlich etwas wünschen darf, sei hier ein Wunsch geäußert: Diese gelungene Aufführung von Berlioz’ „L’Enfance du Christ“ sollte keine Eintagsfliege bleiben. Gemessen am heftigen Schlussjubel würden sich wohl viele darüber freuen.

  Ursula Wiegand

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