Der Neue Merker

BERLIN/ Philharmonie: KIRILL PETRENKO dirigiert Mozart und Tschaikowsky

Berlin/Philharmonie: Kirill Petrenko dirigiert Mozart und Tschaikowsky, 23.03.2017

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker, Foto Monika Rittershaus
Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker. Copyright: Monika Rittershaus

In Wien an der Hochschule für Musik wurde er zum Dirigenten ausgebildet, ab 1997 war er Assistent und Kapellmeister an der Wiener Volksoper. Gemeint ist Kirill Petrenko, den die Berliner Philharmoniker nach einigem Hin und Her zum Nachfolger von Simon Rattle gewählt haben. Nun leitet der künftige Chefdirigent erstmalig die Berliner Philharmoniker, und selbst an diesem zweiten Abend – mit gleichem Programm wie am Vortag – liegt noch Spannung in der Luft, obwohl das Programm – bis auf das kurze Mittelstück – konservative Züge trägt.

Doch Wien scheint bei Mozarts festlicher „Haffner-Symphonie“ („Symphonie Nr. 35 D-Dur“ KV 385) ziemlich weit weg zu sein. Da fehlt es hier an der Leichtigkeit des Seins. Petrenko bringt alles sehr exakt, mal auch knackig und betont das Rhythmische. Doch selbst das Andante wirkt irgendwie nüchtern.
Im Menuett schwingt er selbst, öfter auf den Zehenspitzen, tänzerischer auf dem Podium, als es die Noten tun. Von Mozarts leichtfüßigem Charme ist nur gelegentlich etwas zu spüren. Das Presto wird nach Wolfgang Amadeus’ Wunsch sehr geschwind musiziert. Sind sie alle – auch die Berliner Philharmoniker – bei diesem ersten Miteinander noch etwas verkrampft? Der Applaus ist dennoch stark.

Danach „The Wound-Dresser“ für Bariton und Orchester von John Adams, und das müsste zumindest diejenigen ratlos lassen, die das im Programmheft abgedruckte Gedicht gelesen haben, geschrieben 1862 von Walt Whitman nach seinen Eindrücken als Lazaretthelfer im amerikanischen Bürgerkrieg.

Adams, der es vertont hat, ist gerade „Composer of Residence“,  und für Petrenko ist dieses 19-minütige Stück vermutlich eher eine Verpflichtung. Tief steckt er den Kopf in die Noten, doch die vor allem anfangs dahinplätschernden Melodien, begleitet von leisem Trommelklang, wirken fast wie Lounge-Musik und lassen kaum ahnen, was in dem Gedicht geschildert wird. Das liegt nicht an Petrenko, das liegt an dieser Komposition, um die sich der Bariton Georg Nigl mit viel Engagement bemüht. Nur in einigen grellen Passagen werden Schmerz, Verzweiflung und Tod hörbar. Dennoch gehöriger Beifall.

Doch dann, bei Peter Tschaikowskys „Symphonie Nr. 6 h-Moll“ op. 74, „Pathétique“ genannt, wird alles ganz anders und ganz außerordentlich. Sie Seele Russlands in Reinkultur? Wahrscheinlich, und von Petrenko, geboren in Sibirien, erfühlt und mit Leben erfüllt. Dumpf und tragisch der Beginn, und diese Takte sagen all’ das, was an Trauer und Schmerz im vorangegangenen Gedicht von Walt Whitman enthalten war und musikalisch kaum verwirklicht wurde.

Nach dem Tschaikowsky-Aufschrei dann das weich Schmelzende, das Hüpfende, das fast Operettenhafte, gefolgt von Farbe und Feuer. Bei den Blechbläsern glänzen nicht nur die Instrumente, die Tuba dröhnt. Petrenko lebt diese Musik mit jeder Faser seines Körpers, in jeder einzelnen Geste. Nun ist er, der in den Jahren 2002-2007 als GMD an der Komischen Oper Berlin nicht besonders auffiel, plötzlich der Magier, wie er inzwischen oft genannt wird.

Allegro con grazia hat Tschaikowsky den 2. Satz genannt, und genau so wird er dirigiert und gespielt, mit federndem Charme und trotz seines Hit-Charakters keineswegs süßlich. Schelmisches und Choralartiges schließen sich an, und wieder das Auftrumpfen der Bläser, später eine „Sinfonie“ der Streicher. Konzertmeister Daishin Kashimoto habe ich noch nie so lebhaft, so ganzkörperlich mitschwingend erlebt. Altbekanntes so neu, so aufregend.

Erschütternd der letzte Satz, das Adagio lamentoso. Die ganze Symphonie sei „von der Stimmung eines Requiems durchdrungen,“ sagte Tschaikowsky vor der Uraufführung. Ahnte er seinen baldigen Tod? Acht Tage danach starb er unter nach wie vor nicht gänzlich geklärten Umständen.
Petrenko lässt den Taktstock sinken, verharrt lange in dieser Position, ehe er sich zum Publikum umdreht. Das tobt und erhebt sich zu „standing ovations“, will ihn kaum weglassen. Jetzt haben sie sich gefunden, die Berliner Philharmoniker und ihr künftiger Maestro. Und der weiß jetzt sicherlich auch, dass er mit seinem „Ja“ zur Wahl alles richtig gemacht hat und mit diesem Orchester seine Intentionen ab 2019 verwirklichen kann.    

Ursula Wiegand

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