Der Neue Merker

BERLIN/ Philharmonie/ Kammermusiksaal: MOZART-REQUIEM / HAYDNS „HARMONIEMESSE“. Freiburger Barockorchester / RIAS-Kammerchor

Berlin/ Philharmonie, Kammermusiksaal: René Jacobs, Freiburger Barockorchester, RIAS Kammerchor, 27.11.2016

Freiburger Barockorchester ©Annelies van der Vegt
Freiburger Barockorchester © Annelies van der Vegt

Unvollendetes reizt oft zur Vervollständigung, insbesondere Mozarts berühmtes „Requiem d-Moll” KV 626. Die Versuche, darin die bewusst komponierte eigene Totenmesse zu erkennen oder den zunächst unbekannten Auftraggeber zu dämonisieren, sind ebenso zahlreich. Die Forscher wissen es jedoch inzwischen besser: es war ein Auftragswerk, und Mozart erkrankte während des Komponierens.

Leider ist es nicht üblich, nur die Teile darzubieten, die Mozart noch selbst aufs Notenpapier oder auf Zettelchen geschrieben hat. Schon gleich nach Mozarts Tod hat sich bekanntlich sein Assistent und Mitarbeiter Franz Xaver Süßmayr, der seinen Stil in etwa kannte, an die Arbeit gemacht, um das Requiem zu komplettieren. Aber nicht als Einziger.
Constanze hatte mehrere Mozart-Schüler und befreundete Komponisten mit der Fertigstellung beauftragt, neben Süßmayr u.a. auch Joseph Eybler. Das Requiem musste innerhalb von zwei Monaten dem anonym bleibenden Kunden, dem Grafen von Walsegg-Stuppach, zur Verfügung stehen, sonst hätte sie als Erbin kein Honorar erhalten. Der Graf nahm die Süßmayr-Fassung für das Gedenken an seine verstorbene Frau am 14.12.1793 in der Stiftspfarrkirche der Wiener Neustadt und gab sie sogar als sein eigenes Werk aus.

Der Drang, dieses Requiem zu vollenden, recht bis in die Gegenwart. Fünf Jahre lang hat sich der junge französische Komponist Pierre-Henri Dutron auf die Spurensuche begeben und nun zwei Varianten erstellt: eine mit eigenen Kompositionen für die fehlenden Teile, eine andere, die Süßmayrs Version nur verbessert. Letztere ist an diesem Abend – nach Aufführungen in Paris und Essen – im ausverkauften Kammermusiksaal der Philharmonie zu erleben.

Die Darbietung überrascht vor allem durch das Fehlen der oft zu hörenden Süßlichkeiten. Kein melancholischer Zuckerguss, stattdessen das stringente, engagierte und stets intonationsreine Musizieren des Freiburger Barockorchesters unter der Leitung von René Jacobs.
Ungemein präsent, stimmschön und sicher in allen Lagen zeigt sich der RIAS Kammerchor und mit ihm die perfekt passende Solistengruppe. Leider sehe und höre ich sie alle nur von hinten, ein Manko, das durch die gute Raumakustik des Kammermusiksaals gemildert wird. Als Ausgleich beobachtete ich René Jacobs von vorne, beim Dirigieren und beim Mitsingen!

Prägnant dennoch der sich empor schwingende Sopran von Sophie Karthäuser mit dem profunden Bass Johannes Weisser an ihrer Seite, der beim „Tuba mirum“ selbst wie die Tuba klingt, die die Toten aus den Gräbern ruft. Beim 2. Paar gesellt sich zum warmen Tenor von Maximilian Schmitt der ungemein strahlende und ausdrucksstarke Mezzo von Marie-Claude Chappuis. Auch in den von Mozart offenbar bevorzugten Quartetten klingen die Stimmen tadellos zusammen und bringen die dramatischen Gegensätze des „Confutatis“ greifbar nahe: hier die mit voller Power Verfluchten, die in den Höllenflammen landen, und als Kontrast die Guten, die zart und schüchtern um Errettung flehen. Schließlich das weltbekannte „Lacrymosa“ mit einer sanft daherkommenden, kraftvollen und zu Herzen gehenden Steigerung.

Wohlklang pur, sinfonische Prachtentfaltung und fast große Oper bei der „Messe B-Dur“ Hob. XXII:14 von Joseph Haydn, der die damaligen Hörer das Etikett Harmoniemesse anhefteten. Doch mit Melodik allein hat sich Haydn in seinem letzten vollendeten Werk, uraufgeführt am 8. September 1802 in der Bergkirche zu Eisenstadt, nicht begnügt.

Dem Fürsten Nikolaus II musste er alljährlich eine Messe zum Namenstag von dessen Gemahlin komponieren, Die „Harmoniemesse“ war die sechste. Leicht ist das dem schon Kränklichen nicht gefallen, schrieb er doch an den Fürsten: „bin an der neuen Messe sehr mühsam fleissig“. Auch fürchtete er, dafür wohl keinen „beyfall“ mehr erhalten zu können. Das war übertriebene Sorge, starb er doch erst 1809.

Nicht mehr erlebt hat er glücklicherweise die Geringschätzung, die später gerade seinen Messen, u.a. von Richard Wagner, entgegen gebracht wurde, während Beethoven sie noch als „unnachahmliche Meisterstücke“ gerühmt und zum Vorbild genommen hatte.

René Jacobs gibt jetzt deutlichere Zeichen als beim Mozart-Requiem und holt mit all’ den großartigen Instrumentalisten, dem grandios  singenden Chor und den jubelnden Solisten die Raffinessen aus Haydns Werk heraus. Welch eine aufwändig durchkomponierte Fuge hat sich der „mühsam Fleissige“ für die letzten Teil des Credo einfallen lassen.

Und wie zeigt er seine Glaubensgewissheit, wenn er das „Kyrie“ nicht als furchtsames Flehen, sondern als geruhsames Andante komponiert, das „Benediktus“ locker flockig als „Molto Allegro“ musizieren lässt und das „Agnus dei“ nicht in Moll, sondern in freudvolles G-Dur kleidet.
Dass seinen eigengläubigen Nachfolgern vieles zu simpel gestrickt, zu melodienselig und manches zu volkstümlich erschien, ist irgendwie auch verständlich. Harmonie mögen nicht alle, doch wie geistreich triumphiert sie nun hier.

Großer Jubel für alle, die den „neuen“ Mozart und den Harmonie-Haydn so exemplarisch vorgestellt haben. 

Ursula Wiegand

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