Der Neue Merker

BERLIN/ Philharmonie: EIN DEUTSCHES REQUIEM – ein Klangerlebnis mit allen Facetten

Berlin/Philharmonie: Brahms’ „Ein deutsches Requiem“, ein Klangerlebnis mit allen Facetten. 20.10.2017

Rundfunkchor-Berlin, Foto Jonas-Holthaus
Rundfunkchor Berlin. Copyright: Jonas Holthaus

Drei Tage lang ist die Philharmonie ausverkauft, geht es doch um „Ein deutsches Requiem“ op. 45 von Johannes Brahms mit den Berliner Philharmonikern und dem Rundfunkchor Berlin, dirigiert von Yannick Nézet-Séguin, Leiter des Philadelphia Orchestra.
Der ist ein Garant für Rhythmus, doch ebenso für sensibles Ausmalen von Klangbildern. 2010 dirigierte er, 35 Jahre jung, zum ersten Mal die Berliner Philharmoniker und das so überzeugend, dass sie ihm hinterher Beifall zollten. Eine sehr seltene Ehre.

Der jetzt 42-jährige Kanadier kann aber auch Oper, wie er in den vergangenen Jahren an führenden Häusern bewiesen hat, und ist designierter Nachfolger von James Levine an der Met. Und so passt es, dass er nun Brahms’ Requiem gestaltet, ist es doch in gewissem Sinne ebenfalls große Oper. Eine mit Gruseleffekten und Angstbeben beim viermal, zuletzt donnernd vom Chor wiederholten „Denn alles Fleisch es ist wie Gras“.

Schon in jungen Jahren hatte sich Brahms mit dem Gedanken an ein Requiem beschäftigt, nahm als Text jedoch Psalmen der Propheten und Passagen u.a. aus den Apostelbriefen. Die wählte er so aus, dass er der Todes-Düsternis viel Tröstendes und Hoffnungsvolles gegenüberstellen konnte. Brahms war erst 33, als die ersten Teile 1866 aufgeführt wurden.

Der Rundfunkchor, einstudiert von Gijs Leenaars, singt das Requiem im Konzertsaal erstmals ohne Notenblätter, doch spätestens seit 2012  kennt er es in- und auswendig. Die  „Human Requiem“ genannte Version – kombiniert mit Tänzern von Sasha Waltz & Guests – die im Radialsystem Premiere hatte, ist vielen unvergesslich geblieben und wurde ein weltweiter Erfolg.

Nézet-Séguin hat das Stück ebenfalls im Kopf, im Körper und im Herzen. Mit angenehmer Ruhe beginnt er das „Selig sind, die das Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“. Der schon erwähnten Todes-Dramatik folgt die Prophezeiung von Jesajas, dass die Erlösten wiederkommen und ewige Freue haben werden. Exemplarisch werden solche Stimmungs- und Harmonieschwankungen von allen Mitwirkenden realisiert. Beim Siebenzeiler „Wie lieblich sind Deine Wohnungen, Herr Zebaoth!“ fängt das Orchester leicht an zu swingen.

Die beiden Solisten stehen zwischen dem Orchester und dem Chor. Während sich der Mann – Markus Werba, Bariton – noch vor dem Tode fürchtet und um Hilfe bittet, darf die Frau – eine von Brahms später hinzukomponierte Partie – schon Zuversicht und Freude verbreiten. Hanna-Elisabeth Müller tut es mit strahlendem Sopran und singt ein schönes Legato.

Ganz ausgespart ist das Jüngste Gericht auch bei Brahms nicht. Er hat es vor allem dem Bariton und dem Chor anvertraut. Die Posaune bläst, nun wird’s heftig. Nézet-Séguin dirigiert mit vollem Körpereinsatz, singt auch öfter mal mit. „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg?“ schleudert Brahms den Dies-irae-Anhängern trotzig entgegen, und genau so ist es in der Philharmonie zu hören.

Danach eine Fuge (mit „Herr, du bist würdig“), anschließend das „Selig sind die Toten“, entnommen aus der Offenbarung des Johannes und wohl auch Brahms persönliche Quintessenz. Fast überirdisch beginnen die Sopranstimmen, gefolgt vom gesamten volumigen Chor. Nach dem letzten Ton steht Nézet-Séguin lange bewegungslos mit dem Rücken zum Publikum. Es muss mit dem Beifall warten, und der ist dann umso heftiger.
Erwähnt sei noch das recht unbekannte Eingangsstück: Heilig, Kantate für Altsolo, doppelten gemischten Chor und Doppelorchester Wq 217, von Carl Philipp Emanuel Bach. Dem lag das Kurzstück offenbar am Herzen, und er meinte, dafür„den meisten und kühnsten Fleiß“ bewiesen zu haben. Das muss Wiebke Lehmkuhl, die nur wenige Zeilen zu singen hat, nicht tun. Dennoch haben sich Yannick Nézet-Séguin, die Berliner Philharmoniker und der Rundfunkchor auch dafür in die Bresche geworfen.

Wäre ja okay gewesen, wenn sich sogleich das Brahms-Requiem angeschlossen hätte. Stattdessen gab es nach diesen acht (!) Minuten eine halbstündige Pause. Die dient nur als Umsatzbringer für die Gastronomie und ärgert Besucher/innen, die der Musik wegen in die Philharmonie strömen.

Ursula Wiegand  

Die letzte Aufführung ist ausverkauft.

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