Der Neue Merker

BERLIN/ Philharmonie: DEUTSCHES SYMPHONIE-ORCHESTER BERLIN UND ISABELLE FAUST

Isabelle Faust (c) Felix Broede
Isabelle Faust. Copyright: Felix Broede

Berlin/ Philharmonie: Deutsches Symphonie-Orchester Berlin und Isabelle Faust, 11.11.2017

Dieser Abend wird zum Konzert der jungen Künstler und gelingt bestens, um es gleich vorweg zu sagen. Auf dem Programm stehen sämtlich Werke von jung Vollendeten. Johann Sebastian Bach, Robert Schumann und Wolfgang Amadeus Mozart waren sämtlich Anfang dreißig, als sie die nun zu hörenden Musikstücke komponierten. Allerdings galten sie nach damaligen Maßstäben schon als ausgereifte Männer. Ein Künstlerleben begann und endete zu ihrer Zeit früher, zumindest bei Mozart und Schumann.

Aber bleiben wir beim Jungsein, hat doch das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) ab dieser Saison mit Robin Ticciati einen 34jährigen Chefdirigenten und Künstlerischen Leiter. Der war zuvor schon auf den internationalen Parketts zu Hause und ist es als „Nebenjob“ weiterhin.
Leider musste er an beiden Abenden krankheitsbedingt absagen, doch kurzfristig konnte ein Einspringer gefunden werden: der 32jährige Brasilianer Eduardo Strausser. Auch der betätigt sich nicht nur in Südamerika, sondern auch in Europa. Er übernimmt sogar das angekündigte Programm und dirigiert es präzise und mit schwungvollem Körpereinsatz. Schnell überzeugt er das erfahrene DSO und das Publikum in der voll besetzten Philharmonie.

Den Anfang macht Bachs „Orchestersuite Nr. 4 D-Dur” BWV 1069, ein Prachtstück, dessen Eröffnungssatz Johann Sebastian nach Ansicht der Bachforscher etwa 1716, also gegen Ende seiner Weimarer Zeit, komponierte. Die Pauken und Trompeten, die diesem nicht gar so tiefsinnigen Werk viel Glanz verleihen, hat er später hinzugefügt, als er das Orchesterstück um 1725 für den Eingangschor seiner Weihnachtskantate „Unser Mund sei voll Lachens“ verwendete. Dem gesamten Werk wohnt eine gewisse Fröhlichkeit inne, vor allem, versteht sich, in den Tänzen Bourrée, Gavotte und Menuett.

Wie gerne das DSO diese Bachsuite in kammermusikalischer Besetzung auch unter unerwarteter Leitung spielt, ist deutlich zu hören und zu sehen. Das Blech kommt knackig und fehlerfrei, die Instrumentalisten schwingen mit der Musik. „Bach muss man tanzen,“ habe ich mal vor Jahren im Bachhaus Eisenach gelernt, und bei dieser 20-minütigen Orchestersuite wird das weitgehend verwirklicht.

Die drei Oboen – einfach wunderbar. Die junge Fagottistin, die Streicher, die sich ins Zeug legen – ja, so passt es. War das für Strausser Neuland?  Wenn ja, hat sich der junge hochmusikalische Dirigent diese Bachsuite ganz schnell angeeignet.
Danach Isabelle Faust in Schumanns „Konzert für Violine und Orchester d-Moll“. Sicherlich sind viele ihretwegen gekommen, auch ich. Schon ihr erster kraftvoller Bogenstrich  entspricht der Namensgebung des ersten Satzes: in kräftigem, nicht zu schnellen Tempo.

Weiteres kommt bei Isabelle Faust hinzu, was sie von vielen anderen, ebenfalls renommierten Interpreten/innen unterscheidet: fast jeder Strich wirkt auch bei bestem Legato farbig, wechselt mit dem Schwung des Körpers die Couleur, aber ohne jede Effekthascherei, ganz allein aus der Musik heraus. Und die beginnt bei Isabelle Faust besonders schillernd zu leben. Von meinem Platz aus kann ich genau sehen, wie sie jede Passage und alle Soli auf ihrer „Dornröschen“-Stradivari von 1704 – einer Leihgabe – ausformt. Fabelhaft!

Das DSO bietet dazu den klangvollen, fein austarierten „Background“. Strausser und das DSO  widmen sich mit Hingabe diesem 1853 fertig gestellten Werk und den darin enthaltenen deutlichen Bezügen zu Bach. Bach sei sein „täglich Brot“, seine „tägliche Bibel“ und sein ständiger Begleiter, so Schumanns Bekenntnis, und das ist hier zu vernehmen.

Ausdrucksstark wird der 2. Satz – schlicht langsam genannt, musiziert. Dann ein spürbares Umschalten zum letzten Satz, der mitunter eine Mazurka zum Vorbild hat. Nach dem energischen Beginn hat der etwas Trotzig-Tänzerisches, von der Geigerin nun mit Charme und manch kleinem Lächeln vortrefflich gestaltet.

Sofortiger Jubel für Isabelle Faust, die nach diesem auch technisch anspruchsvollen Konzert als Zugabe ein ganz stilles Stück spielt. Es wirkt wie ein uraltes Kirchenlied oder ein Sterbegesang, ein letzter Hauch endend im allerfeinsten Pianissimo. Ein Gedenken an Schumann, dessen Leben in einer Nervenheilanstalt in totaler Einsamkeit endete?

Noch folgendes sei hinzugefügt: Erst 1907 wurde die Partitur an die Preußische Staatsbibliothek verkauft mit der Bedingung, das Konzert erst 100 Jahre nach Schumanns Tod (1856) aufzuführen. Spätere Nachverhandlungen senkten das Datum. Am 26. Nov. 1937 wurde es vom Berliner Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Karl Böhm uraufgeführt.

Oft ist es allerdings nicht in den Konzertsälen zu hören. Schade, denn es steckt voller Kraft und Raffinesse. Übrigens war Schumann nach neuen ärztlichen Forschungen zwar ein Alkoholiker, aber keineswegs geisteskrank. Vergeblich bemühte er sich um seine Freilassung und verbrachte seine letzten Lebensjahre grundlos in der Psychiatrie.

War schon das Schumann-Konzert dem jungen Einspringer und allen Beteiligten sehr gut gelungen, so zeigten sich alle bei Mozarts „Jupiter-Symphonie“ (Nr. 41, C-Dur) in Hochform. Offensichtlich hat Strausser die schon öfter dirigiert und agiert voller Temperament. Immer wieder feuert er das Orchester beim Allegro vivace, dem 1. Satz, an und ebenso beim kontrapunktisch durchsetzten Finale.

Auch Mozart hat den strengen Kontrapunkt studiert und beherrscht. Die „Jupiter-Symphonie“ beweist es, blieb jedoch einmalig in ihrer Art und ist ihm nicht vom Himmel in den Schoß bzw. auf die Notenblätter gefallen. Anschließend nochmals vehementer Beifall und Bravi. Strahlend und staunend schaut der junge brasilianische Dirigent nach allen Seiten. Soviel Anerkennung hat er wohl nicht erwartet, aber vollauf verdient.

Ursula Wiegand

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