Der Neue Merker

BERLIN/ Philharmonie: Blechbläser der Berliner Philharmoniker mit Werken von Widor, Franck, Puccini, Vierne, Pirchner, Bach und Mendelssohn

BERLIN / Orgel, Blechbläser der Berliner Philharmoniker, Philharmonie, 5.11.2017 mit Werken von Widor, Franck, Puccini, Vierne, Pirchner, Bach und Mendelssohn

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Foto: Hermann Willers

Ich kam wegen der Orgel und verließ die Philharmonie als Bewunderer des brillanten Blechbläserensembles der Berliner Philharmoniker: Sonntag, 11h in der Philharmonie, Großer Saal: Arvid Gast, renommierter Titularorganist der St. Jakobi-Kirche Lübeck und der Konzerthalle „Georg-Philipp Telemann“ in Magdeburg, gibt wieder einmal eines seiner Stelldicheins in Berlin. Die Orgel auf Hochglanz, musiziert er diesmal mit dem Blechbläserensemble der Berliner Philharmoniker, unterstützt von Jan Schlichte an der Pauke und am Schlagzeug.

Die Orgel in der Philharmonie hat ihre eigenen Geschichte: Anders als in herkömmlichen Konzertsälen, wo sie ihren Platz an der Stirnseite des Podiums hat, steht sie in der Philharmonie an die rechte Peripherie.Von der Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke konzipiert, wurde sie in den Jahren 2011 und 2012 renoviert und klanglich erweitert: die Windanlage erhielt ein zweites Gebläse, es kamen drei “romantische“ Register hinzu sowie die „Tuba en chamade“ mit horizontal aus dem Prospekt herausragenden Schallbechern. Außerdem stehen dem Organisten heute insgesamt 88 Register zur Verfügung, und all das selbstverständlich auf dem aktuellsten Stand der digitalen Technik. Das bietet zwar nicht die Atmosphäre einer Kirchenorgel im nass-feuchten gotischen Gemäuern mit Weihrauchduft und harten Kirchenbänken, aber dennoch einen beeindruckend differenzierten Klang mit bisweilen (zu) stark gedämpften dynamischen Ausschlägen. Musik mit Partnern, die auch gehört werden wollen, ist mit so einem modernen Koloss natürlich leichter möglich.

Der besondere Reiz des Konzerts lag aber im Zusammenwirken Orgel & Blechbläser. Fungierte Charle-Marie Widors Allegro aus der Sinfonie Nr. 6 in g-Moll, Op. 42/2 in der Bearbeitung von Johannes M. Michel noch ein wenig als Aufwärmübung, so führte Arvid Gast bei César Francks Prélude, Fugue et Variations Op. 18 bei aller polyphoner Meisterschaft die intimeren, lyrisch-meditativen Klangmöglichkeiten der philharmonischen Orgel solo vor. Der musikalisch unergiebigen Bearbeitung von Puccinis „Preludio sinfonico“ durch Matthias Gromer folgte mit den Six Pièces de Fantaisie von Louis Vierne mit dem Titel „Carillon de Westminster“ Op. 54/6 ein erinnerungswürdiger Marker des Konzerts. Basierend auf dem Glockenspiel des Westminster Palastes (die alle Viertelstunden in den vier Noten in E-Dur: G, F, E und B in allen möglichen Varianten erklingen), erfreut sich der Hörer an einem wunderbaren Stück französischer Romantik.

Den Höhepunkt des Konzertes bildete (nicht nur für mich) die grandiose „Firewater- Music“ des Tirolers Werner Pirchner. Dieser Jazzvibraphonist des Oscar-Klein Quartetts, ist vielen vielleicht unbewusst als Komponist der Jingles (=Erkennungsmelodien) des Klassik-Radiosenders Ö1 bekannt. Das hochmusikantische, mitreissende Werk mit u.a. den Teilen „Ich wendete mich nicht“, „Angekettet Wie Ein Vieh“ und „Das Geheimnis“ ist für die zehn Blechbläser und Jan Schlichte am Schlagzeug/Marimba ein gefundenes Fressen. Nach der Katastrophe von Tchernobyl geschrieben, ist diese Musik ein Manifest der Lebensfreude von jazzig verspieltem Choral, festlich mächtiger Fanfare bis hin zu schalkhaft dissonanter Ironie. Im zweiten Satz müssen die gerade nicht beschäftigten Musiker sogar ihre (mäßigen) vokalen Summkünste unter Beweis stellen. Zum Schluss dürfen sie alle ins „leere Horn blasen“, da kommt nur noch heiße Luft.

Hier können die zehn außerordentlichen Musiker der Berliner Philharmoniker an ihren goldglänzenden Trompeten, Hörnern, der Tuba und den Posaunen so richtig auftrumpfen. Ohne den kleinsten „Patzer“ verströmen auch noch die hohen B-Trompeten balsamischen Wohllaut. Ereignishaft!

Klassischer gehts es ins Finale des Konzerts mit einem von Arvid Gast sensationell gespielten Präludium und Fuge in a-Moll, BWV 543, von Johann Sebastian Bach und der diesmal eindringlicheren Bearbeitung der Reformationssinfonie in d-Moll, Op.107, von Felix Mendelssohn-Bartholdy, gegliedert in Introduktion, Choral, Variationen und Finale für Blechbläser, Orgel und Pauke. Der Schwerpunkt dieser Bearbeitung liegt allerdings wieder bei den Blechbläsern, die Orgel wirkt vor allem zu Beginn des Stücks eher begleitend, bis sich ein höheres Gleichgewicht mit wunderschönen Soli von Trompete und Horn einstellen will. Der heftige Applaus des Publikums wurde mit einer effektvollen Zugabe belohnt: dem Grand Choeur Dialogué von Eugène Gigout, frz. Organist und Komponist (Lehrer von Gabriel Fauré).

Dr. Ingobert Waltenberger

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