Der Neue Merker

BERLIN/ Philharmonie: 3 x 8 BRINGT GLÜCK – beweisen Sir Roger Norrington und das DSO

Berlin/ Philharmonie: 3 x 8 bringt Glück beweisen Sir Roger Norrington und das DSO.  20.11.2016

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Sir Roger Norrington. Copyright: Manfred Esser

Die „8“ ist in Fernost eine Glückszahl und bei allen wichtigen Anlässen ein Muss. „3 x 8“ wäre also dreifaches Glück, und das bewahrheitet sich an diesem Abend, als Sir Roger Norrington in der Philharmonie das Deutsche Symphonie Orchester Berlin (DSO) dirigiert.

Tatsächlich stehen drei 8. Sinfonien auf dem Programm, und sofort ist zu merken, wie freundlich die Beziehungen zwischen Norrington und den Instrumentalisten sind. Ab und zu grinst er schelmisch, auch ins Publikum. Die Musikerinnen und Musiker spielen mit Verve, die meisten aber mit einem Lächeln im Gesicht. Sie wirken ebenfalls glücklich.
Vielleicht auch, weil sie mal etwas anderes spielen als gewohnt oder das Gewohnte mit ihm zusammen neu und spannend wird. Norrington muss auch nicht „herumzappeln“, um seine Intentionen zu vermitteln. Der 82-Jährige dirigiert auf einem Stuhl sitzend, und es genügen kleine Handzeichen, die sogleich verstanden und umgesetzt werden.

Mozarts „Symphonie Nr. 8 D-Dur“ KV 48 ist das 1768 komponierte Werk eines knapp 13-Jährigen, hat also –  kaum zu glauben – sieben jüngere Geschwister. Norrington dirigiert das kammermusikalisch verkleinerte DSO auswendig und lässt das Publikum hören, wie der kleine Wolfgang Amadeus musikalisch bereits mit allen Wassern gewaschen war und sich auch schon den damaligen Trend, die „Wiener Moderne“, angeeignet hatte.
Der 1. Satz, Allegro, kommt volumig und farbenprächtig daher, der 2. Satz, das nur von den Streichern gespielte Andante, sanft und tänzerisch. Im folgenden Menuetto wird der Tanzrhythmus prägnanter. Da wippt  Norrington schon mal auf seinem Stuhl, als reite er durch die Partitur, um im letzten Satz, Molto Allegro, Mozarts Opern-affine Knaller entsprechend leuchten zu lassen. Erstaunlich.
Noch erstaunlicher ist es, wie uns Norrington – nun mit Taktstock – seinen Landsmann Ralph Vaughan Williams (1872-1958) und dessen „Symphonie Nr. 8 d-Moll” nahe bringt. Eine britische Antwort auf Mahler, ein Spätwerk mit allen Musik- und Lebenserfahrungen, komponiert von einem mehr als Achtzigjährigen.

Das alles nun in großer Besetzung, u.a. mit 6 Kontrabässen, 4 Celli, 2 Harfen, Glocken und Gongs, Vibraphon, Xylophons, Celesta sowie Pauken und Trompeten. Das stellt im Verlauf, allein durch manche Rhythmus-Verschiebungen, weit höhere Anforderungen an die Instrumentalisten als die Mozart-Symphonie. Doch viele lächeln weiterhin, denn solche Noten liegen nicht alle Tage auf ihren Pulten.

Der 1. Satz Fantasia, beinhaltet Variationen ohne Thema, die sich nur durch die Tempobezeichnungen unterscheiden. Lieder ohne Worte sozusagen. Williams wollte die Musik für sich sprechen lassen, und das wird an diesem Abend eindrucksvoll und abwechslungsreich realisiert, auch bei der Cavatina, die Johann Sebastian Bachs „O Haupt voll Blut und Wunden“ anklingen lässt. Dass Williams, der Bach-Bewunderer, in seinen Schlusssatz eine Fuge einbaut, wundert nicht und zeigt die Bandbreite seines Könnens.

Ein überzeugendes Stück Musik ist das, mit teils deutlichem Bezug zur Moderne. Warum sind Ralph Vaughan Williams’ Werke – abgesehen von Norringtons nun beendetem Zyklus – in den Berliner Konzertsälen eher Mangelware? Warum nur immer wieder Beethoven?
Der aber kommt auch noch zu Worte, in seiner „Symphonie Nr. 8 F-Dur“ op. 93. Die ist seine kürzeste und angeblich humorvollste. Norrington, nun lebhaft die Arme schwingend, zeigt auf, dass es wohl ein trotziger Dennoch-Humor ist, traf Beethoven doch im Jahr des Komponierens zum letzten Mal seine „Unsterbliche Geliebte“.

Auch das Ticken der verrinnenden Zeit, die schon der 41-jährige spürte, arbeiten Dirigent und Orchester heraus. Darüber hinaus wird Beethovens „ungebändigte Persönlichkeit“ fassbar, die Goethe ihm zum Vorwurf machte. Das Ergebnis: Beethovens Achte nicht zum schläfrigen Zurücklehnen, sondern neu dargeboten und neu gehört. 3 x 8 – ein bejubelter, echt glücklich machender Abend. Auch die Musikerinnen und Musiker haben Norrington zuletzt herzlich applaudiert.   

Ursula Wiegand

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