BERLIN/ Neue Werkstatt: RIVALE – Kammeroper für Frauenstimme von Lucia Ronchetti

by ac | 12. Oktober 2017 17:00

Berlin/ Staatsoper, Neue Werkstatt: „RIVALE“ von Lucia Ronchetti, 11.10.2017

Rivale, Amira Elmadfa als Stimme der Clorinde, Foto Thomas Jauk, b
Amira Elmadfa. Copyright: Thomas Jauk

Da steht sie, Amira Elmadfa auf einem von Eisenstäben an den Ecken abgegrenzten Stück Boden. Es ist das Gefängnis der Sarazenin Clorinde, die die Sängerin verkörpert. Mit ihren Truppen hat sie die Schlacht gegen Tancrede, den Befehlshaber der Kreuzritter, verloren. Doch gleich beim ersten Blick haben sich die beiden ineinander verliebt.  

Kein Wunder. Mit ihren tiefbaunen Augen und einem charmanten Lächeln schaut sie in der Neuen Werkstatt der Staatsoper Unter den Linden dem Publikum voll ins Gesicht. Nur auf Armlänge ist sie von den vorne Sitzenden entfernt, kann nichts verbergen und will es auch nicht. Schonungslos gegen sich selbst gibt sie nach und nach ihre Gefühle preis.

In der ersten Szene geht sie hin und her, ist wütend auf Tancrede, der sie besiegt hat, und bewundert ihn dennoch. Das Lärmen der Menge draußen ignoriert sie. Tancrede selbst ist nie zu sehen. Clorinde allein lässt die Ereignisse Revue passieren. Nur eine Figur mit Ritterrüstung steht nahebei für den geliebten Feind.  

Mit einem weißen Seil fesselt sie sich selbst die Hände auf dem Rücken. Die Regisseurin Isabel Ostermann lässt sie so die Gefangenschaft andeuten. Ihre augenblickliche Situation und die kommende tragische Entwicklung verdeutlicht Amira Elmadfa nur mit klangreichem Mezzo und staunenswertem Körpereinsatz in dieser Kammeroper für Frauenstimme von Lucia Ronchetti. Ein Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden.

Den Text nach Antoine Danchets  „Tancrède“ hat Frau Ronchetti ebenfalls geschrieben. Auf Französisch.
Begleitet werden das Geschehen und die Sängerin von Solo-Viola, Blechbläserensemble und metallischem Schlagwerkensemble. Mitglieder der Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Max Renne sorgen für einen magischen Sound. Die Musik oszilliert zwischen Barock und Moderne, auch Verdi klingt an. Einfühlsam malen die Instrumentalisten die Umgebung aus, so in der Zauberwaldszene. Doch wenn die Gongs erklingen, ahnen alle, dass Kampf und Tod näher rücken.

Clorinde ist schicksalhaft gefangen zwischen der Liebe zu Tancrede, ihrem Rivalen, und der Verantwortung für ihr Volk. Sie muss ihren Truppen ein Vorbild sein und mit ihnen doch noch die Kreuzritter besiegen. Es geht um ihre Ehre. An diesem Zwiespalt zerbricht sie, da bleibt als Wunsch nur der Tod.  
Wie sehr sie Tancrede liebt, zeigt sich im düsteren Zauberwald (Licht: Irene Selka). Zuerst lassen die Instrumentalisten die Vöglein singen, doch bald wird die Stimmung gefahrvoll. Clorinde fürchtet sich sehr, doch tapfer sucht sie dort nach Tancrede, um ihn vor dem mächtigen Magier Ismenor zu retten. Ein geheimnisvolles, psychologisch zu deutendes Geschehen, von Amira Elmadfa mit allen Variationen gesungen.

Insgesamt handelt es sich um eine enorm anspruchsvolle Partie, doch ihre Stimme kann in dem rd. 60-minütigen Alleingang alles und mehr als Singen, kann schnarren und gleiten, schreien und tönend flüstern, auch Koloraturen singen und wird nie unschön. (Mit Mozarts Cherubino hat Amira Elmadfa in der Saison 2016/17 an der Volksoper Wien debütiert).

Liebe und Hass, Angst und Entschlossenheit werden nun hörbar. Was geschieht und wie sie es fühlt, verstehen alle, auch ohne den übersetzten Text auf einer schwarzen Tafel. Überdies kann niemand einen Blick von ihr wenden, so überzeugend zeichnet sie darstellerisch das kommentierte Geschehen nach.

Aus dem Wald zurück fasst sie den Entschluss zum finalen Zweikampf. Den Helm und die Handpanzerung, die sie vorher der geharnischten Tancrede-Figur entrissen hatte, dienen ihr als Schutz. Statt ihres anfangs langen Kleides trägt sie Hosen, Brustpanzer und Springerstiefel und ergreift ein Schwert (Ausstattung: Stephan von Wedel). Sie will Tancrede schlagen und dabei sogleich selbst den Tod finden.

Aufrührerisch wird jetzt die Musik. Mal sprechen die Instrumentalisten nur und schlagen sich rhythmisch aufs Herz. Zuletzt ist Clorinde tödlich getroffen und legt Panzer, Helm und Schwert ab. Tancrede hat sie in der fremden Rüstung nicht erkannt und war der Stärkere. Gefasst und irgendwie glücklich sinkt sie zu Boden. Sie hat ihre Ehre gerettet, und der Geliebte lebt, so wie sie es wollte. Der Tod ist für sie die angestrebte Erlösung.

Starker, anhaltender Applaus belohnt diese außergewöhnliche Leistung. Auch die Musiker, die anwesende Komponistin und die Regisseurin erhalten herzlichen Beifall. Dieser Abend wird wohl bei vielen lange nachhallen.   

Ursula Wiegand

Weitere Termine: 14., 16., 17., 19., 20. und 22. Oktober

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