Der Neue Merker

BERLIN/ Konzerthaus: JOVEM ORQUESTRA PORTUGUESA, 1.9. YOUNG EURO CLASSIC – Hier spielt die Zukunft!

BERLIN / Konzerthaus: JOVEM ORQUESTRA PORTUGUESA, 1.9.2017  YOUNG EURO CLASSIC – Hier spielt die Zukunft!

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Copyright: Kai Bienert

Die wunderbaren Konzerte dieses seit vielen Jahren das Berliner Musikleben, die Völkerverständigung und nicht zuletzt die europäische Idee befördernden Festivals sind nicht mit normalen Maßstäben zu messen. Besonders dann, wenn es sich um das jüngste aller Jugendorchester handelt, dem Jovem Orquestra Portuguesa, das außerdem das einzige ist, das nicht staatlich subventioniert wird. Die vor Leidenschaft glühenden jungen Leute des Orchester sind „nur“ 14 bis 23 Jahre alt! Da wird schon der einen oder dem anderen beim anschließenden Empfang in den Räumen der Kreditanstalt für Wiederaufbau, die als Hauptpartner des Festivals fungiert, aus Altersgründen das Bierchen verwehrt…

Als Pate des Abends fungierte der überaus sympathische Andreas Wunn, Leiter des ZDF Morgenmagazins, der selbst für sechs Jahre Auslandskorrespondent in Rinde Janeiro war. Es ist wohl dem Idealismus des Pedro Carneiro, Dirigent und Solist an der Marimba zu verdanken, dass dieses Orchester überhaupt Bestand hat. Vor drei Jahren wollte ein kleines Kammerorchester an der Young Euro Classic teilnehmen, wurde aber von Frau Gabriele Minz, der die Gesamtleitung obliegt, darauf hingewiesen, dass da schon ein ganzes Sinfonieorchester antreten muss. Gesagt, getan. Und so sind die Portugiesen schon zum zweiten Mal mit von der Partie, 80 Mann/Frau hoch.

Auf dem Programm: Zuerst gibt es die obligate Festivalhymne, ein musikalischer Spaß, bestehend aus einem melancholischen Marsch (weil junge Leute so oft melancholisch sind), gefolgt von einem tänzerischen Trio (weil Jugendorchester von langen Partys immer unausgeschlafen sind), dann eine Reprise von Marsch mit einer jazzartigen Improvisation, damit der Trompeter oder Geiger den Kollegen imponieren kann. Als ersten echten Programmpunkt spielt das Orchester die Ouvertüre zu „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber, streng beäugt von der marmornen Büste des Komponisten im Saal. Als Überraschung drehen die vor Anspannung fiebernden Instrumentalisten die Pulte um und spielen auswendig. Es ist nicht unbedingt ein böhmischer Wald oder das Elbsandsteingebirge, das hier lautmalerisch ersteht, da hat sich schon die eine oder andere Korkeiche oder ein Eukalyptusbaum verirrt. Wer will es übel nehmen, wenn im Vorwärtsdrängen und der Hitze des orchestralen Gefechts schon mal die eine oder andere Sicherung durchbrennt. Das größte Vergnügen besteht ohnedies darin, den jungen Leuten zuzusehen. Hier ist Musik wirklich die „heilige Kunst“, wie uns das der Komponist in „Ariadne auf Naxos“ erzählt. ALLE spielen, als ob es ums Leben ginge, hochkonzentriert, voller bewegendem Musikantentum und einer Hingabe und Unbedingtheit, die niemanden kalt lassen kann.

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Copyright: Kai Bienert

Eine Woche haben sie geprobt, darunter auch die Urauführung von „Raiz“, einem Konzert für Oboe (Maria Diz), Klarinette (Telmo Costa), Tuba (Rúben Valério), Harfe (Beatriz Cortesao) , Kontrabass (José Trigo), Marimba und Orchester der erst 20-jährigen portugiesischen Komponistin Mariana Vieira. Das Stück besteht aus fünf solistischen Momenten mit Orchesterbegleitung, jeweils ca. 3 Minuten, und zwei Orchester-Tutti-Passagen, mit denen das Werk beginnt und endet. Die Instrumentierung war Teil des Kompositionsauftrages. Für jeden Solist hat Vieira eine eigene Klanglandschaft kreiert, die Musiker bauen mit Engagement ein dichtes Geflecht an Cluster mittels witziger Akzenten und ausgefallener Spieltechniken. 

Nach der Pause die “Eroica“, dieses so symbolträchtige Werk, Prometheus gewidmet, der den Göttern das Feuer stahl und sich zum Ziel gesetzt hatte, seine Lebensziele durch Kampf und Bewusstseinswerdung selbst in die Hand zu nehmen. So manch eine/r im Orchester wird sich mit diesem Stück wohl voll identifiziert haben können. Jedenfalls stürmt das Allegro con brio dieses Beethoven-Klassikers voran, wie Bernstein das einst so passioniert vorexerziert hat. Dem Konzertmeister Pedro Lopes sei jedes Lob der Welt gesungen, vor lauter Emphase hebt es diesen jungen Geiger sprichwörtlich vom Sessel beim Spiel. Und mit dem hervorragenden Musiker das staunende Publikum. Nach der Vorführung habe ich ihn gefragt, ob er nicht essen will, worauf er mit umgeschnalltem Instrumentenkasten meinte, er kann nicht, er ist noch ganz mit Musik voll. 

Vielleicht fehlt es hie und da an den richtigen Proportionen und einer strukturierten Klarheit. Aber der Geist Beethovens, wenn es sowas geben sollte, war da wie kaum irgend sonst. Dieser uneingeschränkte Idealismus und der emotionale Höllen-Himmelritt vom Marcia funèbre und Scherzo bis zum kontrapunktisch gewürzten finalen Allegro molto begeistern uneingeschränkt. Als Zugabe erklang ein Fragment aus der Neunten Symphonie Beethovens mit einer kurzen orchestrierten Ansprache einiger Musiker, die an die friedensstiftende Kraft von Musik sowie deren soziale, integrative und internationale Dimension fest glauben. Bei den langen Standing Ovations blieb auf der Bühne und im Saal kein Auge trocken. Riesensonnenblumen für Dirigenten und Solisten, wie dies so schöner Brauch im Berliner Konzerthaus ist!

Dieses Konzert war eines der bewegendsten, dem der Rezensent je lauschen durfte, die Quintessenz von Sinn und Zweck der Musik. Den jungen Leuten ist vor allem zu wünschen, dass dies nicht die letzte Tournee war, wie das wegen fehlender finanzieller Unterstützung leider nicht ausgeschlossen ist…

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

Fotos: Kai Bienert

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