Der Neue Merker

Berlin/ Komische Oper: „SATYAGRAHA“ von Philip Glass, Premiere. Ovationen für Sidi Larbi Cherkaoui

Berlin/ Komische Oper: „SATYAGRAHA“ von Philip Glass, Premiere. Ovationen für Sidi Larbi Cherkaoui , 27.10.2017

Satyagraha, Stefan Cifolelli (Gandhi) und Ensemble, Foto Monika Rittershaus
Gandhi kopfüber: Stefan Cifolelli. Copyright: Monika Rittershaus

Zum 70-jährigen Bestehen der Komischen Oper Berlin werden dicke Bretter gebohrt, und das gelingt. Am 15. Oktober hatte „Pelléas und Mélisande“ in der Regie von Barrie Kosky erfolgreich Premiere, nun wird „Satyagraha“ von dem jetzt 80-jährigen amerikanischen Komponisten Philip Glass bejubelt. Es ist das erst Mal, dass eine Oper von ihm in Berlin aufgeführt wird. Die Palme gebührt jedoch dem Regisseur und Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui.

Doch der Reihe nach. Glass’ Musik geht gut in die Ohren. In „Satyagraha“ bleibt es zumeist bei kurzen, leicht indisch angehauchten und sich ständig wiederholenden Melodiebögen. Tanzt mal ein Ton aus der Reihe, fällt das bei diesen Endlosschleifen sofort auf.

Glass gilt als Vertreter der „minimal music“, und die hier zu hörende Partitur mit ihren einfachen Tonfolgen lässt auch an Kinderlieder denken. Glass hat als Ausgangspunkt die Terz gewählt, und auf der geht die Musik zumeist in kleinen Schritten hin und her.

Wie ein Mantra entwickelt sie eine Sogwirkung und wird vom Orchester der Komischen Oper unter der Leitung des jungen Dirigenten Jonathan Stockhammer mit anhaltendem Engagement gespielt. Sich während der insgesamt 3 ½ Stunden (mit Pause) immer wieder auf diese schon bekannten Tonfolgen  zu konzentrieren, sei anstrengend für die Instrumentalisten, erklärt Stockhammer in einem im Programmheft zu lesenden Interview.

Diese zumeist samtenen Klänge passen zum Werdegang des jungen Mohandas Karamchand Gandhi, der als Anwalt in Südafrika den gewaltlosen Widerstand für sich entdeckte, gleichmütig alle Gefahren durchstand und Schmerzen aushielt, um so seinen unterdrückten Landsleuten Mut zu geben. In zivilem Ungehorsam verbrannten sie schließlich ihre südafrikanischen Pässe. Auf ähnlich friedvolle Weise befreite Gandhi bekanntlich auch sein Heimatland Indien von der britischen Kolonialherrschaft.

In dem Dreiakter geht es zunächst – in einem Mix aus Mythos und Geschichte – um den Kampf aller gegen alle auf dem Schlachtfeld Kuru in Südafrika. Lord Krishna (Samuli Taskinen) fordert Gandhi und den Prinzen Arjuna  (Timothy Oliver) deswegen zum Handeln auf. Diese Verse und die folgenden stammen – in Form eines spirituellen Gedichts – aus der Bhagavad Gita, einer bis heute äußerst bedeutsamen Schrift des Hinduismus aus vorchristlichen Jahrhunderten.

Die ausgewählten Zeilen werden gesungen, ebenfalls in mehrfachen Wiederholungen. Die wichtigste Anweisung lautet, alles gleichermaßen zu akzeptieren, den Sieg und die Niederlage, das Glück und das Leid, das Leben und den Tod. Eine dem westlichen Denken eher fremde Schicksalsergebenheit, die nun durchdekliniert wird.

Das erste Bild wirkt klosterähnlich und spielt auf einer total schwarzen Einheitsbühne (gestaltet von Henrik Ahr), unterteilt von oben nach unten durch Seile und Ketten. Die sind nicht nur Dekoration. Wozu sie dienen, zeigt sich im dritten Akt.

An beiden Seiten und im Hintergrund sitzen Männer (die Tänzer von Eastman und der Chor des Hauses). Unter ihnen fällt ein kleiner Mann mit kahl geschorenem Kopf im weißen Gewand auf (Kostüme: Jan-Jan van Essche). Das ist Gandhi, von Stefan Cifolelli alsbald auf beeindruckende Weise verkörpert. Seinen lyrischen Tenor passt er den uralten Versen an, singt sie ganz gleichmäßig ohne besondere Crescendi.

Wäre das alles, würde der Abend wohl im Nirwana enden. Dieses Stück braucht dringend Aktion durch den Tanz, was Glass durchaus einkalkuliert hat. Die fehlende Dynamik und noch viel mehr liefert ein Star der Moderne, der Genres verbinden und beleben kann: Sidi Larbi Cherkaoui, verantwortlich für Inszenierung und Choreographie, in Berlin und schon im Mai in Antwerpen. Vor allem seinetwegen und wegen seiner ausdrucksstarken und fast artistisch agierenden Eastman-Tänzer/innen ist die Komische Oper ausverkauft, nicht nur am Premierenabend.

Satyagraha, Tänzer von Eastman, Foto Monika Rittershaus
Tanzszene /Tänzer von Eastman. Copyright: Monika Rittershaus

Andererseits hat sich Cherkaoui nach eigenen Worten von Glass’ suggestiver Musik inspirieren lassen. Er schildert Gandhis Werdegang in starken, teils brutalen Szenen, bei denen auch der Chor (einstudiert von David Cavelius) viel zu tun bekommt. Sie alle – die Tänzerinnen und Tänzer sowie die Damen und Herren vom Chor – sind das Volk das leidende, aber auch selbst gewaltbereite und grausame.

Später attackieren sie Gandhi, werfen ihm (geschichtlich korrekt) Hochverrat vor. Sie schubsen ihn hin und her, schleppen ihn hoch über ihren Köpfen, lassen ihn fast zu Boden stürzen und schleifen ihn über die Bühne. Außerdem lachen ihn die Reichen und Gesunden mit einem gesungenen „Ha, ha, ha“ (mal kein sanfter Vers) aus und unterstreichen das mit Handgreiflichkeiten. Viel muss Stefan Cifolelli als Gandhi aushalten, selbst wenn alles sehr geübt wurde. Körperlich fit scheint er zu sein, doch dass diese rüde Behandlung anstrengend ist, merkt man ihm an. Aber er hält durch und kann sogar kopfüber noch gut singen. Eine bewundernswerte Leistung. Seine Frau Kasturbai, gesungen von Karolina Gumos, steht zu ihm.

Zur Vernunft mahnt ein Weißer mit wohl tönendem Bariton: Tom Erik Lie als Mr.  Kallenbach. Gandhis Sekretärin Miss Schlesen ist bei Cathrin Lange in ansprechender Sopran-Kehle, ebenso Mrs. Naidoo bei Mirka Wagner. Mrs. Alexander, die Gandhi (anders als seinerzeit in Südafrika) nicht mit einem großen Schirm, sondern mit einem der herumgetragenen schwarzen Tafeln vor der Lynchjustiz bewahrt, singt Katarzyna Włodarczyk,  den Parsi Rustomji Tomasz Wija.

Zwischendurch wird es auf der von Kallenbach gestifteten Tolstoi-Farm für Gandhi und die Seinen fast idyllisch. Mit Schwämmen, getaucht in ein Wasser-Kalk-Gemisch bewässern sie den Boden für die erhoffte Ernte, schmieren sich dabei die weiße Paste aber auch ins Gesicht und auf die Arme. Heißt wohl, sie wollen ihre dunkle Haut aufhellen, um wie die Weißen auszusehen. (Die Haut rigoros zu bleichen, ist noch immer in Afrika üblich).

Doch die Idylle dauert nicht an, beim Protestmarsch geht’s zunächst wieder hart her. Schließlich spüren die Unterdrückten ihre Macht und verbrennen unter Gandhis Anleitung ihre Pässe. Der zieht daraus Kraft, um weiter zu machen. Das Festhalten an der erkannten Wahrheit trotz möglicher Leiden bleibt sein Ziel. Das ist auch der Sinn des von Gandhi neu geschaffenen Sanskrit-Wortes Satyagraha, das bei einem Preisausschreiben gefunden wurde. Die Quintessenz: Die Kraft der Wahrheit überwindet das Böse.

Im 3. Akt wird die Bühnendecke an den erwähnten Seilen gesenkt, geschrägt und alles blau beleuchtet (Licht: Roland Edrich). Gandhi (Cifolelli) müht sich hinauf und singt im Lotussitz die schon bekannten Verse, erneut in einer Endlosschleife. Unter der herabgelassenen Fläche bleibt nur noch wenig Platz für die Tänzer, und selbst die haben nun Mühe, das anhaltende meditative Gleichmaß zu beleben. Beruhigend wirkt das alles, einschläfernd, mündet aber in standing ovations insbesondere für Stefan Cifolelli, den Chor und das Orchester mit  Jonathan Stockhammer. „Natürlich“ werden auch der anwesende Sidi Larbi Cherkaoui und seine Mitstreiter gefeiert.

Die nächsten und einzigen Termine sind am 31. Okt, sowie am 02., 05. und 10. November. Vielleicht gibt es noch Restkarten.

Ursula Wiegand

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