Der Neue Merker

BERLIN/ Komische Oper: „DER JAHRMARKT VON SOROTSCHINZI“ von Modest P. Mussorgski

Berlin/Komische Oper:DER JAHRMARKT VON SOROTSCHINZI“ von Modest P. Mussorgski, oder der Lover im Puter, 14.04.2017

Agnes Zwierko als Chiwrja, Foto Monika Rittershaus
Agnes Zwierko als Chiwrja, Foto Monika Rittershaus

 Sehr stimmungsvoll beginnt dieser Jahrmarkt irgendwo in einem ukrainischen Dorf im 19. Jahrhundert. Auf stockdunkler Bühne gehen Menschen mit Kerzen in der Hand und singen ganz wundervoll. Ist das vielleicht eine vorösterliche Prozession? Nein, es ist ein Liebeslied, aber nicht von Mussorgski, sondern von Nikolai Rimski-Korsakow.

Das Mädchen soll die Tür öffnen und ihn ins Zimmer lassen, bittet ihr Bräutigam. Sanft und satt schweben die Töne durch die Komische Oper Berlin, innig gesungen vom Chor des Hauses (einstudiert von David Cavelius) und unterstützt vom Vocalconsort Berlin. Später ist noch ein Kinderchor, geleitet von Dagmar Fiebach, klarstimmig zur Stelle.

Es ist dieser Opernchor mit seinen erstaunlichen Solisten, der an diesem Abend noch mehr als sonst glänzt und dieses unvollständige Mussorgski-Werk – von ihm selbst nach einer Novelle von Nikolai Gogol getextet – mit all’ seinen Zutaten klangreich und mit immenser Spielfreude verwirklicht. Ebenfalls sehr zu loben ist das Orchester des Hauses, das letztmalig unter dem davon ziehenden Dirigenten Henrik Nánási mit stilsicherer Präzision und engagierter Tongebung voll bei der Sache ist.

Was das Musikalische betrifft, zeigen sich auch Barrie Kosky als Regisseur und sein Dramaturg Ulrich Lenz bei der Auffüllung von Lücken stilbewusst. Diese Oper, wenn sie denn überhaupt eine ist, hat ohnehin mehrere Väter. Zuletzt rekonstruierte sie Pawel Lamm nach dem Autograf des Komponisten. Vervollständigt und instrumentiert hat sie Wissarion J. Schebalin. Diese Fassung von 1932 wird nun gespielt. Kosky hat aber noch Mussorgskis zum Chorstück erweiterte Orchesterfantasie „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ (von 1867) eingefügt, damit die Musik für die zwei pausenlosen Stunden reicht.  Denn die Handlung ist recht dünn. Was passiert schon in einem kleinen abgelegenen Dorf? Immerhin ist dort gerade Jahrmarkt, das Ereignis des Jahres. Da werden Stuten verkauft und mit dem Erlös Früchte, Gemüse, Schnaps und allerlei Hausrat erworben, gerne auch ein Nudelholz, das vermutlich manch ein Säufer bei der Heimkehr zu spüren bekommt.

Das Saufen steht auch bei dieser Inszenierung oft im Vordergrund, hat sich doch Mussorgski schon im Alter von 42 Jahren zu Tode gesoffen. Allerdings begibt sich Kosky dabei auf Schenkelklopf-Niveau. Sogleich torkeln Jens Larsen als Bauer Tscherewik und sein Gevatter Tom Erik Lie, der schon in der Unterhose, heimwärts, verheddern sich in ihrer Kleidung (Bühnenbild und Kostüme: Katrin Lea Tag), so dass auch Larsen alsbald in langen weißen „Feinripp-Liebestötern“ zu sehen ist. Ein Slapstick, an dem beide offenbar Spaß haben. Dennoch singen sie trotz des Hosen-Kuddelmuddels völlig unangefochten. Vor allem Jens Larsen mit seinem wohlklingenden Bass würde ich jedoch lieber in einer andersartigen Charakterrolle erleben.

Für den angenehmen Kontrast sorgt das junge Liebespaar, d.h. Mirka Wagner (mit hellem Sopran) als Tscherewiks hübsche Tochter Parasja und der superschlanke Alexander Lewis (mit jugendlichem Tenor) als armer Bauernbursche Grizko. Tscherewik, der im Suff der Heirat der beiden zugestimmt hatte, muss auf Drängen seiner energischen Frau Chiwrja sein „Ja“ widerrufen. Traurig besingt der junge Mann sein Schicksal.  Später wird sein in das Opernfragment eingefügter Song aus Mussorgskis „Lieder und Tänze des Todes“ berühren. Es ist der Dialog zwischen einer verzweifelten Mutter mit ihrem kranken Kind und dem Tod, der es in den ewigen Schlaf wiegt. Momente zum Nachdenken inmitten des aufgepeppten dörflichen Trubels.

Aller sonstiger Sinn und Unsinn ist beim Prachtweib Agnes Zwierko als Chiwrja in besten Händen und in allerbester Mezzo-Kehle. Sie bestreitet fast im Alleingang den 2. Akt und hat im Haus von Tscherewik sowieso die Hosen an. Sie zetert und kommandiert ihn mitsamt dem Gevatter hinaus, damit sie die Pferde bewachen.

Denn sie hofft nun auf ihren Liebsten, hat sie doch von ihrem dauerbesoffenen Ehemann im Bett sicherlich rein gar nichts mehr zu erwarten. Für den jungen Ersatzmann kocht sie nun die leckersten Sachen, und schon ihr Hantieren wird für die Zuschauer/innen ein Augenschmaus. Doch der Liebhaber scheint nicht zu kommen, hat der schon eine andere? Traurig wird sie und lässt in weicher Melodik erkennen, wie verlassen sich diese junge Frau eigentlich fühlt. Unterkriegen von dieser Stimmung lässt sie sich aber nicht und verwünscht den angeblich Ungetreuen.  

Der aber  – Ivan Turšić als Afanassi Iwanowitsch, der Sohn des Popen – erscheint schließlich doch noch, übrigens in Kutte mit Kreuz, wird fein gefüttert und bedankt sich auf die erwartete Weise gleich in der Küche. Ihr Kopf gerät dabei in die Sahnetorte. Bei der plötzlichen Rückkehr des Gatten steckt sie den seinen in eine bereits ausgenommene Riesenpute und bedeckt seinen Hintern mit Küchentüchern. Bei dieser Gag-Eskalation bleibt wirklich kein Auge trocken. Wo sind wir eigentlich, etwa in Berlin?

Nein, wir sind offensichtlich immer noch auf dem ferndörflichen Jahrmarkt, und dort geht’s nicht nur um Spaß und gute Geschäfte, sondern auch um einen alten Aberglauben, der sich um einen roten Kittel rankt.

Den hat ein Zecher einst während des Jahrmarkts beim jüdischen Wirt in Zahlung gegeben. Der Kneipier sollte ihn bis zum nächsten Jahrmarkt aufbewahren, hat ihn aber inzwischen verhökert. Nun fürchtet sich das Volk, dass der unheimliche Gast – wohl der Teufel – wiederkommt, um seinen verschwundenen roten Kittel zu suchen.

Ein Zigeuner (Hans Gröning), der Außenseiter im Dorf mit einem gemalten Kreuz auf der Brust, nutzt diesen Aberglauben, um dem abgewiesenen Bauernburschen Grizko zu helfen, als Dank für den günstigen Preis beim Kauf von dessen Stute. Plötzlich rennen lauter  Schweinsköpfige umher – das Schlimmste für den jüdischen Wirt.

Einige auf hohen Stelzen jagen den Bewohnern einen besonders heftigen Schrecken ein. Ein wahrer Hexensabbat läuft hier ab, begleitet von Mussorgskis gruselig-wilder Musik „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ Selbst Chiwrja nimmt Reißaus. Das junge Liebespaar nutzt jedoch die Gunst der Stunde und lässt sich vom Vater erneut das „Ja“ zur Heirat geben.

Fazit: Per saldo haben wir hier einen Jahrmarkt von Melodien. Es sind die von Mussorkski komponierten ukrainischen Volkslieder, die in ihrer herzergreifenden Melancholie diese erneute Ausgrabung in gewisser Weise rechtfertigen – anschließend an Felsensteins Aufführung 1948 an der damals von ihm neu gründeten Komischen Oper. Dieses 70-jährige Jubiläum wird in der nächsten Spielzeit besonders gefeiert und hat Barrie Kosky womöglich zu dieser Wiederaufnahme veranlasst.

Nach dem hier heftig aufgepumpten Dorfleben und nach all’ den zahllosen Billig-Gags singen die Chöre – Ende gut, alles gut – wieder das anfängliche Liebeslied, das zart schwebende von Rimski-Korsakow. Wie schön! 

  Ursula Wiegand  

Weitere Termine am 22. April, 13. Mai, 10. Juni und 16. Juli.

 

Diese Seite drucken