Der Neue Merker

BERLIN/ Komische Oper: ANATEVKA – Barrie Kosky inszeniert eine überzeugende neue Version

Anatevka, Max Hopp als Tevje, Foto Iko Freese drama-berlin.de
Max Hopp als Tevje. Foto Iko Freese / drama-berlin.de

Berlin/ Komische Oper: Barrie Kosky inszeniert eine überzeugende „ANATEVKA“, Premiere, 3.12.2017

70 Jahre und kein bisschen leise. Stattdessen jung, laut, voller Schwung und berührender Tragik. So erleben die Premierenbesucher den Siebzigsten der Komischen Oper Berlin, die Nachkriegsgründung von Walter Felsenstein. Bundespräsident Walter Steinmeier ist gekommen, greift sichtlich gut gelaunt den Slogan des Hauses „Eine für alle“ auf, lobt die Komische Oper als modernes und selbstbewusstes Musiktheater“, um als nicht ständiger Opernbesucher zu bekennen: „Es tut einfach gut, hier zu sein.“

Ganz genau so empfinden es die Gäste an diesem Abend, die Intendant Barrie Kosky daran erinnert, dass die Existenz dieses Hauses in den Sparjahren 2000/2001 auf der Kippe stand. Herzlich bedankt er sich bei seinem anwesenden Vorgänger Andreas Homoki, der „wie ein Löwe“ um die Komische Oper gekämpft und die Schließung des Hauses verhindert habe.  Und dass es hinterher eine Geburtstagstorte geben wird, ist bereits bekannt.

Koskys eigene, keineswegs überzuckerte Zutat ist die Neu-Inszenierung von Anatevka, eine Reverenz an Felsenstein, der das Zeigen des US-Musicals gegenüber der damaligen Besatzungsmacht erstritten und es mehr als 500 Mal aufgeführt hatte.

Kosky braucht diesen Vergleich nicht zu scheuen. Ihm gelingt an diesem Abend ein großer Wurf, eine fein austarierte Balance zwischen Lebensfreude und Trauer, zwischen Übermut und Tragik, zwischen Feierlaune und Nachdenken, zwischen damals und heute.

Die jetzige Aufführung beginnt mit einem Jungen – Maxime Bergeron – auf einem Roller. Der hält vor einem Schrank und entdeckt darin eine alte Geige. Klar und fehlerfrei spielt er auf ihr die „Fiddler on the Roof“-Melodie, wird später auch selbst auf dem Dach sitzen. Aus dem Schrank tritt der Milchmann Tevje, der den erstaunten Knaben mitnimmt ins Schtetl Anatevka, eine jüdische Siedlung in Russland. Die Vergangenheit wird nun in traditioneller Kleidung (Kostüme: Klaus Bruns) wieder lebendig.

Und die beginnt mit Jubel, Trubel Heiterkeit. Mit der von Koen Schoots aufrauschend dirigierten Musik von Jerry Bock, spritzig dargeboten vom Orchester der Komischen Oper Berlin. Mit wirbelnden, diesmal voll bekleideten Tänzern, denen die Geburtstagslaune aus den Gesichtern strahlt (Choreographie: Otto Pichler). Mit der trotz aller Armut feierfreudigen Dorfbevölkerung und den klangprächtigen Chören (einstudiert von David Cavelius).

Für die Bühne muss Rufus Didwiszus wohl mehr als einen Antiquitätenladen leer gekauft  haben. Lädierte Holzschränke türmen sich bis zur Decke und brechen glücklicherweise auch nicht zusammen, wenn die Darsteller aus ihnen herausquellen, in sie hineinkriechen, auf sie hinaufhüpfen oder gar auf vorstehenden Kanten singen. So später von hoher Wackelwarte Ezra Jung als Perchik, der Tevjes 2. Tochter Hodel (Alma Sadé) seine Liebe entgegen  schmettert.

Der Milchmann Tevje ist jedoch Vater von fünf Töchtern, die er ernähren und unter die Haube bringen muss. Eine Paraderolle für Max Hopp, den autoritären Familienvorstand mit Herz, der den schweren Milchwagen selber ziehen muss, weil sein Pferd lahmt. Den Haushalt schmeißt seine resolute Frau Golde, die genau passende Partie für Dagmar Manzel. Spätestens seit dem „Weißen Rössl“ sind die beiden ein bestens eingespieltes Team.

Diesmal haben sie recht wenig zu singen. Dass alle Rollensängerinnen und -sänger Mikroports tragen, auch die, die es nicht bräuchten, fällt auf, stört aber nicht besonders. Musicalstars haben nicht unbedingt Opernstimmen, und die anderen geben sich solidarisch. Immerhin dient es dem einheitlichen Klang und der Textverständlichkeit.
Zurück zu Tevje und seine drei heiratsfähigen, putzmunteren Töchter. Mit prima Stimmen gefallen – neben der schon erwähnten Alma Sadé – Talya Lieberman als Zeitel und Maria Fiselier als Chava. Nach ihrem „Terzett“ erhalten sie sofortigen Zwischenbeifall. Die stummen Kinderrollen verkörpern Antonia Papendell und Agathe Bollack.

Totalbesäufnis dann von Tevje mit dem zwar ältlichen, aber wohlhabenden Metzger (Jens Larsen), der Zeitel, die Älteste, zur Frau haben möchte. Aber „einerseits – andererseits“ muss Tevje nach seinem „Ja“ nochmals nachdenken, nimmt seine Zusage an den Metzger zurück und erlaubt seiner Zeitel, den Mann, den sie liebt, zu heiraten. Den bitterarmen, nun überglücklichen Schneider Mottel (Johannes Dunz).

Tevje muss dafür seiner Frau einen Traum vorgaukeln, in dem die verstorbene Großmutter Zeitel die Zustimmung zur Heirat einfordert. Eine irrwitzige Szene, Hopp und Manzel erschreckt im Bett liegend, umringt von Jenseitsmenschen mit Totenmasken und einer quicklebendigen Ex-Oma.

Anatevka, die erschreckte Hochzeitsgesellschaft, Foto Iko Freese drama-berlin.de
Die erschreckte Hochzeitsgesellschaft: Foto Iko Freese / drama-berlin.de

Anschließend eine turbulente Hochzeitsparty, wieder mit den fitten Tänzern, halbgefüllte Flaschen auf den Hüten balancierend. Menschen auf der Bühne in Bewegung zu bringen, für Stimmung zu sorgen – das kann Kosky tatsächlich und begeistert damit das Publikum. Der Trubel endet abrupt, als junge Russen die Feier stürmen und die Familie mit Milch übergießen.

Pudelnass, sprachlos und vor Schreck wie gelähmt sitzen sie da. Ein Bild des Jammers, fast eine Skulptur, ein Schockbild fürs Publikum. Tevje, der immer mit dem Herrgott spricht und manchmal auch protestiert, beklagt sich: „Ja, wir sind dein auserwähltes Volk. Aber sag’, kannst Du Dir nicht mal ein anderes suchen“, so in etwa.
Doch für den gläubigen Juden Tevje ist irgendwann die Grenze des Zumutbaren erreicht. Als Chava einen sympathischen jungen Russen (Ivan Turšić) heiraten will, einen Mann anderen Glaubens, lässt er sich nicht erweichen und verstößt die Unglückliche. Zum Weinen ist das. Da zücken einige hörbar die Taschentücher.

Danach scheint wieder alles in Ordnung. Mottel hat die sehnlich erwünschte Nähmaschine, die der alte Rabbi (Peter Renz) murmelnd segnet. Warum auch nicht? Dieses junge Paar mit seinem Baby bleibt in Russland, während die anderen – zum Verlassen ihrer Heimat aufgefordert – ihre Habseligkeiten zusammenpacken und wegziehen. Vielleicht ins Gelobte Land wie die Heiratsvermittlerin Jente (Barbara Spitz) oder nach Amerika wie der reiche Metzger. Der alte Rabbi kann nicht mehr weg, den tragen seine Füße nicht mehr.

Tevje und Golde türmen derweil das Notwendigste und die beiden Jüngsten auf den Milchwagen. Der verstoßenen Chava murmelt Tevje nun doch noch seinen Segen hinterher. Dann legen sich beide ins Zeug, gefasste Pragmatiker, die nicht aufgeben, die weiter auf Gottes Hilfe hoffen und auf Amerika.

Auf der leeren Bühne steht plötzlich wieder der kleine Fiddler und spielt die alte Weise, der letzte Ton bricht ab. Doch so traurig will Kosky das Musical nicht enden lassen. Wieder sind sie alle auf die Bühne, die Tänzer, das Landvolk. Jetzt Jubel und standing ovations für alle, natürlich für Kosky sowie sein Regieteam, insbesondere jedoch für den fabelhaften, ungemein glaubwürdigen Max Hopp, vielleicht in der Rolle seines Lebens.

Bei Happy Birthday wird die Geburtstagstorte, eine Replik der Komischen Oper, auf die Bühne gerollt und von „spezial guests“ angeschnitten. Danach wird Kosky ernst, sagt „es gibt heute viele Anatevkas“ und bittet um Spenden für ein von der Komischen Oper betreutes Berliner Flüchtlinsheim, um Schultaschen, Schuhe und Winterkleidung für die Kinder kaufen zu können.-

Ursula Wiegand

Folgende Termine: 5., 6., 9., 16., 21., 22., 27., 29., 31.(nachmittags und abends) und noch weitere im nächsten Jahr. Siehe unter www.komische-oper-berlin.de

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