Der Neue Merker

BERLIN/ Deutsches Theater/Kammerspiele: GERTRUD von Einar Schleef. Premiere

Gertrud mit Wolfram Koch, Almut Zilcher, Antonia Bill, Foto Arno Declair
Wolfram Koch, Almut Zilcher, Antonia Bill. Copyright: Arno Declair/arno@iworld.de

Berlin/ Deutsches Theater, Kammerspiele: „GERTRUD“ von Einar Schleef, Premiere, 15.12.2017

„Willy, Willy“, ruft die alte Gertrud immer wieder. Lange hat sie ihren todkranken Mann Willy gepflegt, hat viele Nächte kaum geschlafen. Als sie ein bisschen eingenickt war, ist er gestorben. Ab jetzt bleiben ihr nur noch die Erinnerungen, die eigenen körperlichen Beschwerden, die Armut und der tägliche Kampf mit manchen Widrigkeiten in der ehemaligen DDR.

Es ist eine wahre Geschichte, erlebt vor allem in der thüringischen Kleinstadt Sangerhausen. Gertruds beide Söhne sind aus der DDR nach Westdeutschland geflohen. Einar Schleef, dessen doppelbändiger Roman „Gertrud“ die Vorlage zum Stück lieferte, nutzte einen Regieauftrag am Wiener Burgtheater, um nicht mehr in den „Osten“ zurückzukehren.

Mit Gertrud, seiner Mutter, von Beruf Näherin, wechselt er ständig Briefe. Was sie ihm aus Sangerhausen und aus ihrem Leben berichtet, geht – zusammen mit seinen eigenen Erlebnissen – ein in diese zwei Bücher. Systeme hat diese Frau kommen und gehen sehen. „Meine Kindheit fiel ins Kaiserreich, der Sportplatz in der Weimaraner, die Ehe auf Hitler und das Alter in die DDR. Wohin mein Kopf. Das 1000jährige Gottesreich erleb ich nimmer“,  äußert die im Alter ratlos gewordene Gertrud.

Jakob Fedler hat aus diesem  tausendseitigen, teils wütenden, teils wehleidigen Gedanken- und Erzähl-Konvolut eine knapp zweistündige Bühnenfassung extrahiert und führt auch Regie in den Kammerspielen vom Deutschen Theater bei dieser Koproduktion mit dem Schauspielhaus Bochum.
Sparsam setzt er die Texte um, es wird wesentlich mehr geredet als gespielt. Die Zuschauer/innen müssen weitgehend ihre eigene Fantasie bemühen, um die Briefzitate und Sonstiges mit Leben zu erfüllen.  Die relativ karge Bühnenhandlung kreist um eine bronzene Schräge mit einem geöffneten Sarg, in dem angeblich der tote Willy liegt.

Gertrud, Wolfram Koch, Antonia Bill, Almut Zilcher, Foto Arno Declair
Wolfram Koch, Antonia Bill, Almut Zilcher. Copyright: Arno Declair/  arno@iworld.de

Um den trauert nun Gertrud, gespielt von Wolfram Koch in Bluse und Rock. Feinfühlig macht er das, bietet all’ seine Sprech- und Schauspielkunst auf. Glaubhaft schildert er/sie ihren körperlichen Verfall, den krummen Rücken, den schmerzenden Arm, den sie sich am liebsten selbst abhacken möchte. Im Dorf und in der Poliklinik gilt sie als verrückte Alte.

Sie fürchtet sich vor der Nacht und zählt die Stunden. Angst hat sie auch vor den Menschen, möchte aber gerne spazieren gehen. Eine Einsame, eine Deprimierte, eine Ratlose, die nach eigenen Worten vergeblich auf Weihnachts- und Ostergrüße ihrer Jungs wartet. Eigentlich möchte sie gerne bald sterben.

Ansonsten lebt sie von ihren Erinnerungen. Die 29jährige, lebhafte Antonia Bill verkörpert die junge sportbegeisterte Gertrud. Die rennt auf der Bühne mehrfach unermüdlich im Kreis, trainiert sie doch in der Weimarer Zeit für die Deutsche Meisterschaft. Sie gewinnt diese, kann aber nicht – was nur erzählt wird – einen ebenso erfolgreichen jungen Sportler für sich gewinnen.

Die älter gewordene Gertrud – Almut Zilcher – balanciert vorsichtig auf der Schräge, sprich durch die Hitlerzeit. Wolfram Koch verkörpert nun den jüngeren Willy, einen 100prozentigen Nazi, d.h. er zitiert ihn und auch das, was andere, vor allem die Söhne, ihm vorwerfen. Zunächst aber heben alle drei Personen – schon von Beginn an bräunlich gekleidet (Ausstattung Dorien Thomsen) – den rechten Arm zum begeisterten Hitlergruß.

Erneuter Rollenwechsel für Wolfram Koch, der sich als Mann aus der Nachbarschaft – den Rock hochgekrempelt zu kurzen Hosen – an die junge Gertrud und die mittleren Alters heranmacht. Kontakte, denen seine Frau ein Ende bereitet. Die Enttäuschung über das Ende dieses Flirts ist Almut Zilcher ins Gesicht geschrieben. Vergeblich hat sie nach einer neuen Liebe gesucht.

In einer kurzen Szene mutieren Wolfram Koch und Antonia Bill zu Einar Schleef mit Frau, die die Mutter in der DDR besuchen. Sie erhielt zu DDR-Zeiten selbst als Rentnerin keine Erlaubnis zum Besuch ihrer beiden „Republikflüchtigen“ Söhne in Westdeutschland.

Zuletzt rennt die junge Gertrud erneut, die mittlere taucht ebenfalls auf, und Koch mimt wieder die einsame Witwe, deren Gedanken und Erinnerungen  – typisch für den Autor und Regisseur Einar Schleef – übereinander purzeln. Sein Fazit: Keine Zukunft für die alte kranke Mutter – nirgends. Ein hartes, realistisches Ende.

Danach herzlicher Schlussbeifall für die drei Darsteller und das Regieteam.
Weitere Termine am 21.12. und 04.01.2018

Ursula Wiegand

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