Der Neue Merker

BERLIN/ Deutsches Theater/Box: VATER von Dietrich Brüggemann

Alexander Khuon in Vater, Foto Arno Declair (2)
Alexander Khuon. Copyright: Arno Declair

Berlin/ Deutsches Theater, Box: „VATER“ von Dietrich Brüggemann, 28.12.2017

 Ja, ja. Mit ihren Kindern haben es Eltern nicht immer leicht und Kinder mit ihren Eltern auch nicht. Im Stück „Vater“ geht es um Michael, einem sympathischen Mittdreißiger am Bett seines 76jährigen, bereits im Koma liegenden Vaters. Er zeigt auf ein Röntgenbild, „Gehirntumor“, sagt er ohne irgendwelche Erregung. Reden kann Michael mit dem Vater nicht mehr, Fragen stellen und Antworten erhalten auch nicht.

Das Bett mit dem Bewusstlosen (Michael Gerber) steht während der gesamten 90 Minuten rechts auf der Bühne, dazu links ein Plattenspieler und lauter Bildschirme, auf denen Michael – in Jenas und blaugrauem Pulli – nach und nach die Röntgenbilder seiner noch lebenden Angehörigen und weiteren Personen zeigt (Bühne / Kostüme: Janja Valjarevic).

Mehr oder minder große Schädel sind es oder ganze Skelette. Wer waren oder sind sie eigentlich? Was spielt sich in diesen Knochenköpfen ab, was bleibt von ihren Erfahrungen, Sehnsüchten und Enttäuschungen?

Das alles wird in der Box des Deutschen Theaters nicht mit strenger Verbissenheit abgehandelt, sondern locker und mit Humor. Gerade deshalb trifft der Autor Dietrich Brüggemann in seinem Erstlingswerk fürs Theater genau ins Schwarze. Regie führt er außerdem.

Alexander Khuon in Vater,Foto Arno Declair
Alexander Khuon. Copyright: Arno Declair

Vielen kommt dabei sicherlich vieles bekannt vor. Auch hat er mit Alexander Khuon den genau richtigen Interpreten gefunden. Locker bewegt er sich hin und her, schildert mit viel Ironie, Selbsterkenntnis und Beobachtungsgabe – durch Jahrzehnte hin und her springend – sein bisherigen Leben.

Irgendwie ist da was nicht richtig gelaufen, nicht richtig schlecht, nicht richtig gut, aber immerhin abwechslungsreich bei der Suche oder Nichtsuche nach der richtigen Frau. Er will es ja irgendwie anders machen als seine geschiedenen Eltern, doch der richtige Elan dafür fehlt ihm.

Eigentlich war Michael an diesem Abend mit seinem Freund und Kumpel Sven verabredet. Der hat alles gut hingekriegt, hat ein Haus, eine Frau mit einem strahlenden Lächeln und drei Kinder, von denen eines als Vierjährige schon Mozart auf dem Klavier spielt. Zusammen mit seinem Vater, ebenfalls 76, macht Sven noch Bergtouren.

Da kommt bei Michael wohl etwas Neid auf, denn er ist kein Macher, ist komplizierter, nachdenklicher und wenig entscheidungsfreudig. Tatsächlich glaubt er, daran sei sein herrschsüchtiger Vater schuld. Der war streng, der war der Familien-Macho, die Mutter spielte nur die 2. Geige, im Orchester und auch in der Ehe.

Als kleiner Junge hat ihm der Vater die ständig dudelnde Heino-Platte weggenommen und zerbrochen, Michaels Kindheitstrauma. Und wenn er sich vorsichtig mit einem Mädel liiert, hört er immer Vaters Befehl im Kopf, er solle doch endlich mal rangehen. Versteift durch ihn ginge er durchs Leben, sei gar nicht er selbst, meint Michael.

Er, obwohl gut aussehend (auch „in echt“) traut sich nicht, er bleibt der gute Freund und wagt bestenfalls einen Kuss bei Desirée mit den langen schönen Beinen, bei Katja mit dem Glutaugen und bei Nina, die anruft und sich von ihm trennt, als er hier im Zimmer seines Vaters sitzt. Auch die Frauen sind bindungsunfähig. Mit einer unfreundlichen Smartphone-Mail antwortet er Nina.

Allmählich merkt Michael, dass er sein Leben bisher verpasst hat. Die Zeit, in der ein Mann für Frauen attraktiv ist, sei kurz, läge zwischen den letzten Pubertätspickeln und dem ersten Hausausfall plus Bauchansatz. 1,85 Meter und breite Schultern wären wichtig, die hat er. Kleine Männer mit Wampe würden die schöne Begehrte nie kriegen, so wie einst sein Vater, der sich dann mit seiner Mutter zunächst begnügte, resümiert Michael.

Sein Studienfreund Uwe, ein Elektroingenieur, schaue den Frauen in einer Göttinger Studentenkneipe, wo auch getanzt wird, nur heimlich auf den Po. Tanzen kann Khuon auch, Jugendlichkeit blitzt auf. Der Autor scheint die jüngeren Männer von heute gut zu kennen. Und schließlich eine Donnerstimme, die ihn anbrüllt. Nicht der Vater wäre die Ursache seiner Steifheit und Unentschlossenheit, die sei er selbst!

Im Alleingang trägt Alexander Khuon mit Charme und Schmerz nicht nur diese Rolle. Einige wenige Körper- und Handbewegungen sowie eine leicht veränderter Stimme reichen aus, um seine Mutter, die Tante, die Freunde und Freundinnen den Zuschauern indirekt zu zeigen. Der Funke springt immer sofort über, obwohl Khuon das alles ganz lässig erledigt. Oder gerade deswegen. Da sehen sicherlich einige die eigenen Söhne vor sich. 90 Minuten volle Bühnenpräsenz, nie abreißender Kontakt zum Publikum direkt vor ihm, mit dem Khuon quasi paktiert.

Eigentlich will Michael ja Kinder, ist früher aber ausgewichen, als eine Partnerin (Nina?) ihn danach fragte. Fürchtet er die Verantwortung, das Aus für sein bisheriges bequemes Leben? Hat er doch ein Vatertrauma, was Michael verbal verneint?

Die latente Sehnsucht nach einem liebenden Vater bringt ein anderer auf den Punkt: Plötzlich erhebt sich Michaels Vater aus dem Bett, irrt durch den Raum und ruft leise nach dem lieben Vater. Zuletzt scheint es fast, als könnte es doch noch klappen mit Michael und Nina, obwohl die inzwischen schon ein Kind von einem anderen hat, dem der Kleine fatal ähnlich sieht. Michael meint, Kinder sähen oft den Personen ähnlich, die wir nicht leiden können. Mag ja mitunter stimmen. An diesem so realitätsnahen Theaterabend stimmt dank Brüggemann und Khuon einfach alles. Kräftiger Beifall.

Ursula Wiegand

Weitere Termine am 13. und 22. Januar 2018

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