Der Neue Merker

BERLIN/ Deutsche Oper: TOD IN VENEDIG von Benjamin Britten. Premiere

Berlin/ Deutsche Oper: „TOD IN VENEDIG“ von Benjamin Britten, Premiere, 19.03.2017

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Paul Nilon als Aschenbach. Copyright: Marcus Lieberenz

Ist es spannend, gibt es was her, wenn einem berühmten, aber gealterten Künstler – hier Gustav von Aschenbach – nichts mehr einfällt? Der viel zu spät bemerkt, dass er bei all’ seiner Arbeit das wahre Leben verpasst hat? Der nach entsagungsvoller Selbstdisziplin und im Ringen um die klassische Form nun nicht mehr weiter weiß und auf der Suche nach einem Kick in den inspirierenden Süden, nach Venedig, reist? Der dann lethargisch ausharrt, obwohl der Scirocco ihm Kopfschmerzen bereitet und aus der Lagune üble Gerüche aufsteigen?

Nein, als spannend kann ich diesen Schwanengesang zumindest im ersten der beiden Akte nicht bezeichnen. Benjamin Brittens letzte Oper, um deren Fertigstellung willen er die dringend erforderliche Herz-OP  immer wieder hinausgeschoben hatte, ist nur noch ein Schatten von seinem kraftvollen „Peter Grimes“, seiner 1945 uraufgeführten ersten Oper.

Paul Nilon, der dem älteren Thomas Mann relativ ähnlich sieht, singt mit seinem lyrischen Tenor und zusätzlicher Klavierbegleitung (Adelle Eslinger) diese zunächst fein ziselierte 12-Ton-Lebensklage nach Schönbergschem Vorbild in britischer Coolness und guter Textverständlichkeit. Zu beneiden ist er um diese zunächst recht eindimensionale Rolle nicht, die Britten seinem Lebenspartner Peter Pears zugedacht hatte. Beim Blick auf die deutsche Übersetzung fällt auf, wie viel kürzer und präziser sich vieles auf Englisch ausdrücken lässt.

Regisseur Graham Vick verweigert Venedigs maroden Charme und bringt den Tod sofort ins Spiel. In einem anfangs giftgrün gestrichenen Raum sitzen die schwarz-elegant gekleideten Trauergäste (Kostüme: Stuart Nunn) beidseitig vom Groß-Porträt eines Verstorbenen. Daneben ein weißer Kranz und liegende, dunkelrot schillernde Riesentulpen.

Sicherlich soll das die Beerdigung Aschenbachs sein. Einige Zuschauer meinten jedoch im nachhinein, das Bild zeige wohl den jüngeren Thomas Mann, vielleicht auch Benjamin Britten. Nach meinen Augen ist es Seth Carico, der hier nach Brittens Wunsch mehre Rollen sehr lebendig verkörpert, als Der Reisende / Der ältliche Geck / Der alte Gondoliere / Der Hotelmanager / Der Coiffeur des Hauses / Der Anführer der Straßensänger und Die Stimme des Dionysos.

Der macht das souverän und gibt jeder Partie Profil – durch Schauspieltalent und mit seinem ausdrucksstarken Bass-Bariton. Selbst im Falsett besitzt seine Stimme noch Klangreichtum. Er ist der geheimnisvolle Verführer, der Aschenbach insgeheim leitet, ein Mann mit Mephisto- Qualitäten und der zuletzt mit spontanem Jubel gefeierte Motor dieses Alterswerkes, uraufgeführt 1973 im Rahmen des Aldeburgh Festivals und schon 1974 an der Deutschen Oper Berlin erlebbar.

Wären da nicht Donald Runnicles, der sich zusammen mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin bei der Fortsetzung seines Britten-Zyklus, auch dieser Partitur mit Hingabe widmet, und wären da nicht die famos singenden Chöre, einstudiert von Raymond Hughes, geriete der erste Akt trotz der Szenen im feinen Hotel und der Belebung durch eine Boy Group (Choreografie: Ron Howell),  schlicht langweilig.

Lüstern lichtet der verwitwete Aschenbach, der plötzlich seine schwule Seite entdeckt, die Knaben ab, die unter der Leitung von Apollo (Tai Oney mit männlicher Sopranstimme) einen antiken olympischen Wettkampf nachstellen. Auf  den kleinen Polen Tadzio, ein dünnes Jüngelchen (Rauand Taleb), hatte er schon vorher – beim Spaziergang mit der Mutter und seinen Schwestern – ein Auge geworfen, hatte seine Schönheit gepriesen und in ihm den Eros gesehen. Ausgerechnet dieser Kleine gewinnt gegen die Stärkeren und wird anstatt mit dem Lorbeerkranz mit dem Totenkranz dekoriert. Der Junge spürt Aschenbachs Verlangen und lächelt ihm verführerisch zu. „Tadzio, I love you,“ bekennt der am Ende des ersten Aktes.

Beim 2. Aufzug werden auf der nur in Details veränderten Einheitsbühne das Geschehen und die Musik deutlich dramatischer, und Runnicles malt das in vollen Farben aus. Grund der Zuspitzung ist die Cholera, die in Venedig grassiert. Die Stadtregierung leugnet die Wahrheit, doch mehr und mehr Gäste reisen ab. Der Hotelier – vielleicht selbst schon die Krankheit in sich spürend (siehe das Porträt)? – fordert auch Aschenbach zur Abreise auf. Den aber kümmert die Gefahr nicht, er lebt im Wahn, ist ganz verrückt nach dem Kleinen, sucht ständig dessen Nähe, ohne ihn jedoch zu berühren. Eigensüchtig unterlässt er es, die Mutter vor der Seuche zu warnen.

In diesem allgemeinen Aufruhr kann sich Paul Nilon nun deutlich steigern, lässt von Gehabe und Stimme die Stürme erkennen, die in diesem Aschenbach toben. Dessen Ziel heißt: nur zu zweit, allein mit dem Knaben, die Cholera in Venedig zu überleben. Dennoch kauft Aschenbach, das Schicksal herausfordernd, von der schon wankenden Erbeerverkäuferin (Alexandra Hutton) die bereits schimmeligen Früchte.

Und nun greift Vick, das Original verändernd, ein. Aschenbach bricht nicht tot zusammen, stattdessen wird Tadzio von einem der Jungen ermordet. Den Toten nimmt Aschenbach kurz in die Arme und geht dann schnell durch eine Tür von der Bühne.

Für diesen veränderten Schluss erntet das Regieteam unüberhörbare Buhs. Alle Mitwirkenden – insbesondere Seth, Nilon und Runnicles – erhalten den verdienten Beifall.  

 Ursula Wiegand

Weitere Aufführungen am 22. und 25.  März, 23. und 28. April.

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