Der Neue Merker

BERLIN/ Deutsche Oper: TOD IN VENEDIG von Benjamin Britten. Premiere

BERLIN / Deutsche Oper: TOD IN VENEDIG, Premiere, 19.3.2017

Kleiner Applaus nach einer musikalisch hochkarätigen, szenisch aber nicht überzeugenden Aufführung

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Paul Nilon als Aschenbach. Copyright: Marcus Lieberenz

Brittens letzte Oper Tod in Venedig, 1973 beim Aldeburgh Festival uraufgeführt, ist ein minimalistisches Meisterwerk der Introspektion. An der Deutschen Oper Berlin schon 1974 zu sehen, geht um die Schaffenskrise des Künstlers Gustav von Aschenbach. Inspiriert von Thomas Manns gleichnamiger Novelle schuf Britten ein intimes Kammerstück um diese letzte Reise in den Süden zu den apollinischen Gefilden einer in Hitze und Schirocco versinkenden Lagunenstadt, Ort der modernden Sehnsüchte und durchseucht von Pest und Cholera.

Regisseur Graham Vick sieht das Stück als Requiem. In einem hermetisch geschlossenen  gift-neongelben Aufbahrungs-Raum mit einem überdimensionalen Bilderrahmen, in dem ein vergilbtes Foto hängt, hat die Trauergemeinde Platz genommen. Es ist wohl Aschenbachs eigene imaginierte Totenfeier, die den Rahmen des ganzen Stücks abgibt. Das Klavier ist neben den Rahmen postiert; am rechten Rand der Bühne findet sich noch ein ebenso überdimensionierter verwelkter Blumenstrauss in einem ebenso giftigen Altrosa wie die Bühnenwände (Einheitsbühnenbild und Ausstattung Stuart Nunn). Darauf tummeln sich vor allem Tadzios Strandgefährten. In dieser grell-kalten Szenerie will kaum Atmosphäre aufkommen. Das wird auch nicht besser im zweiten Akt, wo in groben Schriftzügen das Wort „Achtung“ mit zerrinnender schwarzer Farbe quer über die gesamte Rückwand gepinselt steht.

 

Die zweite Crux der Aufführung liegt wohl in der Wahl des Tadzio als Liebesprojektion Aschenbachs. Hat der kinoerfahrene Zuschauer wohl noch den Visconti Film, und zwar den blonden mystisch- androgynen absolut unerreichbaren Jungen aus der reichen polnischen Familie in Erinnerung, ist es auf der Bühne irgend ein vielleicht allzu junger schmächtiger Jugendlicher (Rauand Taleb). In dieses Bürschchen soll sich der nach Inspiration heischende Künstler verlieben? 

Die Ideengeschichte der Oper „Tod in Venedig“ beginnend von Platonismus, über die Schopenhauer‘sche Philiosophie bis zum Wissen um die Oper des 17., 19. und 20 Jahrhunderts ist reich. Britten hat in  sein letztes Werk vielleicht allzu viel intellektuelles Beiwerk gepackt. Da erfährt man, dass es final um den Gegensatz des apollinischen mit dem dionysischen Prinzip geht, die kreative Vernunft weicht der zerstörerischen Ekstase der Leidenschaft, die zum Tod führt. Auch in der Komposition hat Britten auf Vorbilder aus der Operngeschichte „zitiert“. Das etwa bei den Rezitativen des Klaviers, die Aschenbach als Beobachter im Sinne der ersten venezianischen Opern aus dem Jahr 1637 begleiten. Eine Zwölftonreihe nach Schoenberg‘schem Vorbild mit den Noten „B-A-C-H“ in Kreuzform findet sich ebenso wie die von einem Bariton zu singenden sieben Rollen des „Reisenden“, „Ältlichen Gecks“, „Alten Gondolieres“, Hotelmanagers“, „Coiffeurs“, „Anführers der Straßensänger“ und „Stimme des Dionysos“ , die an die vier Bösewichte aus „Les Contes d‘Hoffmann“ erinnern. Auch Exotisches aus der indonesischen Musiktradition ist in die Partitur mit eingeflossen.

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Paul Nilon, Tadzio und Apoll Tai Oney. Copyright: Marcus Lieberenz

Seth Carico singt und verkörpert die Rolle des Bösen in sieben „Gesichtern“ einzigartig. Vom Typ her und als Sänger dominiert Carico die Aufführung. Er ist in Wahrheit der erotische Gegenspieler, dessen Stimme in allen Lagen leuchtet, von den tiefsten Registern bis zu den noch immer wohlklingend falsettierten Höhen. Wie einem Gemälde El Grecos oder Tizians entsprungen, ist der auch optisch fabelhaft aussehende Carico die Inkarnation der Verführung, ein Don Juan in den besten Jahren, sexy und in vollem Saft stehend. Er erhält vom Publikum beim Solovorhang am Ende den spontan heftigsten Applaus. 

Gustav von Aschenbach, von Britten seinem Lebenspartner Peter Pears auf den Leib geschrieben,  wird von Paul Nilon intensivst dargestellt. Nilon verfügt über einen angenehm timbrierten lyrischen Tenor und ist ein ganz hervorragender Schauspieler. Vielleicht gehen ihm einige Dezibel an Stimmvolumen ab, um wirklich unter die Haut zu gehen. Als irrlichternder ältlicher Intellektueller macht er, und das ist Sache der Regie, den Wandel vom apollinischen Createur hin zum das Leben verachtenden Nihilisten, der die möglicherweise mit der Cholera infizierten Erdbeeren isst, letztlich glaubhaft. 

Der Countertenor  Tai Oney liefert als Stimme des Apollo die letzten Stichworte, die den Ausgang des Stücks aber auch nicht mehr aufhalten. Am Ende des zweiten Akts stirbt Tadzio, erschlagen von einem seiner Gefährten mit einem Sessel, während Aschenbach durch eine der zahlreichen Tapetentüren entschwindet. Das hatte man doch anders im Gedächtnis. Und dieses abgewandelte unverständliche Ende der Oper nimmt das Publikum wahrscheinlich dem Regieteam übel, wie das die zwar zaghaften aber dennoch klar vernehmlichen Buhs bezeugen. Diese Umdeutung macht keinen Sinn und nimmt der wunderbaren Musik am Ende die Wirkung.

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Seth Carico. Copyright: Marcus Lieberenz

Schade, denn die künstlerische Substanz, was den Chor und das Orchester angeht, ist ganz hervorragend. Der musikalische Chef des Hauses, Donald Runnicles, versteht es, alle Nunacen dieser teils kargen, teils äußerst emotionsgeladenen Musik eindringlich herauszuarbeiten. Runnicles hat ein gutes Händchen für Britten und dessen fragile Klangwelten. Und es ist auch ein großes Stück für das Ensemble der Deutschen Oper Berlin. Neben den drei Hauptrollen sind  noch weitere 24 Solisten auf der Bühne, die von der Erdbeerverkäuferin (Alexandra Hutton), über eine Deutsche Mutter (Irene Roberts) bis zu einem Glasbläser (Gideon Poppe) alle gute Figur machen.

Dre Musikfreund ist letztlich dankbar, diese selten aufgeführte, musikalisch so reiche und lohnende Oper endlich einmal auf der Bühne erlebt haben zu dürfen. Die Lösung des Rätsels, warum die Regie wesentliche Elemente des Stücks, wie das Ende,  abändert und die Handlung in einem potthässlichen grell ausgeleuchteten Ambiente ohne Stimmung stattfinden muss, erschließt sich dem Betrachter auch nach längerer Reflexion nicht.

Dr. Ingobert Waltenberger

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