Der Neue Merker

BERLIN/ Deutsche Oper: SALOME – zwischen grotesk gruseligem Nachtstück und Familien-Psychothriller hinter bürgerlicher Fassade. Premiere

BERLIN / Deutsche Oper Richard Strauss SALOME Deutsche Oper, Premiere

am 24. Jänner – Claus Guth inszeniert Salome zwischen grotesk gruseligem Nachtstück und Familien-Psychothriller hinter bürgerlicher Fassade

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Copyright: Monika Rittershaus

Traum und Realität, ein Mädchen ohne Kindheit, Sexualität und Fremdheit, ein bürgerliches Familiendrama: Salome als Opfer und gleichzeitig als eine Frau, die ihr Schicksal selber in die Hand nimmt und dabei vom Opfer zum Täter wird. Am Ende darf sie nach dem Schlussgesang weiterleben und sucht mit ihrem Staubmantel das Weite, entflieht ihrem fremdgelenkten Leben in ihr hoffentlich eigenes. Währenddessen Herodes zur Kleiderpuppe erstarrt. Unverständlich? Also beginnen wir von vorne.

Der Ort, wo Regisseur Claus Guth seine Lesart der orientalischen Geschichte rund um Salomes in einen pervertierten Mord umgeschlagenes Begehren  ansiedelt, ist ein Maßanfertigungsstudio einer großen Schneiderei für Herren (Bühne Kostüm Muriel Gerstner) in den 50-er Jahren.  „Das war eine Atmosphäre, die mich mit meinem Großvater (Anm.: dieser war Schneider) verband. Es war ein bürgerliches Umfeld in Bad Reichenhall, das ich gut kannte.“ sagt Claus Guth im Vorfeld der Premiere in einem Interview. 

Der Vorhang hebt sich. Salome trifft in ihrem nächtlichen Streifzug durch das Atelier des Verkaufssalons auf eine gar nachtmärige Gesellschaft. Der Page (Annika Schlicht) und Narraboth (Thomas Blondelle) sind Kleiderpuppen und erwachen mit ihren Artgenossen zu einer gespenstig somnambulen Zombieshow. Jochanaan (Michael Volle mit seinem Prachtheldenbariton in großartiger stimmlicher Form) entsteigt fast nackt gleich einem Schmerzensmann einem Kleiderhaufen. Er stellt die „inkorporierte Erinnerung und die Stimme des Gewissens dar und ist Salomes logischer Verbündeter, ihr einziger und letzter“ (Wolfgang Müller-Funk). Salome, die von einer Schar in weiße Nachthemdchen gekleidete Mädchen (sechs an der Zahl) choreographisch umringt ist, beginnt ihren Kampf um diesen Mann, in Wahrheit um ihre eigene Ortung und bis hin zum finalen Zu-Sich-Finden-Können im zum Leben erwachten Puppen(alp)traum. (Sexueller) Missbrauch wird nicht ausgesprochen, aber alles deutet darauf hin, dass Salome ein dunkles Geheimnis hütet, das sie an ihren Stiefvater Herodes (Burckhard Ulrich als schräg bürgerlich abgehalfterte Charakterstudie in Gerhard Stolzescher Manier deklamierend) bindet. Herodias (herrlich dekadent abgewrackt und in köstlichem Divenoutfit Jeanne Michèlle Charbonnet) sieht weg, wo sie sehen soll und ist selber Opfer ihrer eigenen Furcht und Versagens. In Auslagennischen gedrückt, beobachtet sie angstbesessen den fatalen Reigen von Schuld und Verstrickung, aus dem es für sie selbst kein Entrinnen mehr gibt. 

Claus Guths komplexe und szenisch präzis getimte Versuchsanordnung gliedert sich in vier Teile: Dem Nachtstück vom Beginn bis zum Auftritt des Herodes, der bürgerlichen Tagszene im zwänglich geordneten Kleiderladen bis zum Tanz, der als choreographierte Familienaufstellung den Übergang bildet zum grotesk schaurigen nächtlichem Schlussgesang. Den Kopf Jochanaans reisst Salome hier selbst einer Kleiderpuppe ab. Traum und Realität sind verschwommen, Kinder und Salomes zahlreiche Dopplungen veranschaulichen einen psychoanalytischen Regieansatz, der teils verstörend trashy (das ist spannend), andererseits seltsam „verkopft“ rüberkommt. Seltsamerweise liefert gerade ein Aufsatz im Programmheft von Petra Dierkes Thrun, warum dieses Konzept nur teilweise funktioniert: „Wilde und Strauss benutzen ästhetischen Schauer und Nervenkitzel nicht, um eine seelische Katharsis herbeizuführen, sondern um kurzfristigen Reiz und Genuss zu verschaffen, den „Kitzel“ des ästhetisch innovativen und provokanten Spektakels.“ Eine physische Grenzerfahrung ins Sensationelle und Exzessive, schockartig und vergnüglich zugleich. Und da hakt meine Kritik ein, dass sich die dargebotenen Szenerie, das Optische manchmal wie eine Gräte quer zum Rachen der rauschhaften Musik schiebt. Das avantgardistisch und für den Geschmack einer breiteren Mittelschicht zugleich gedachte Werk darf ruhig etwas sinnlicher (ich sage absichtlich nicht erotischer) angepackt werden. Mit reiner Psychologie kommt man dem Geheimnis großer musikalischer Schöpfungen nicht auf den Grund. Das im Theater gezeigte bildliche Element kann aber unendlich viel leisten, um dem Geheimnis des Wild‘schen Librettos etwas hinzuzufügen, das nicht Kulinarik allein bedienen muss, aber zumindest in Zwischentönen auch das nicht „allzu Ernste“, das schaurig-Schöne und dekadent leuchtende Wunder der Strauss‘schen Partitur illustriert. Claus Guth geht anders als bei seiner hervorragenden Arbeit im Schillertheater („The Turn of the Screw“ von Benjamin Britten) diesmal einem vielleicht zu genießerischem Stück auf den intellektuellen Leim und Freud lässt ihn metaphorisch einfach ein bisschen zu lange auf seiner Bank liegen. Die autobiographische Facette der Schneiderei ist hier ein augenzwinkerndes Detail. Wie beinahe immer bei Guth ist seine Idee auf das Gekonnteste und feingeistig Detaillierteste ausgearbeitet. Andere werden die zahlreichen Regieeinfälle sicherlich auf das Genaueste beschreiben. Als Zuschauer war ich am Ende etwas ratlos, warum dieser bedeutende Regisseur schon wieder (nach dem Salzburger Fidelio) in das Stück eingreift, um die Handlung willkürlich abzuändern. Ob Salome am Schluss stirbt wie im Stück oder weiterlebt, wen kümmert es. Die Musik ist es hier, die eine finale Ekstase erzählt. Dieser Urkraft ist kein Regieeinfall gewachsen.

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Michael Volle, Catherine Naglestadt. Copyright: Monika Rittershaus

In musikalischer Hinsicht ist die Aufführung ein einziger Triumph, insbesondere für die fantastische Catherine Naglestad in der Titelrolle und den Dirigenten Alain Altinoglu. Naglestad, die sich wegen einer Rippenprellung zu Beginn  der Vorstellung „ansagen“ ließ, sang die Vorstellung ihres Lebens. Seit Leonie Rysanek habe ich keine solche stimmschöne Salome mehr gehört. Mit rundem fraulichem Ton, die höchsten Höhen strahlend und mühelos schwebend angesetzt, schuf Naglestad mit rein vokalen Mitteln ein faszinierendes Frauenporträt. Sie verfügt über einen reizvoll timbrierten jugendlich dramatischen Sopran erster Güte, die Piani sitzen in der Kuppel und die dramatischen Szenen gehen – ohne jemals zu forcieren – direkt unter die Haut. Der Jubel am Ende der Vorstellung war wohl verdient. Ebenso hat sich Dirigent Altinoglu Lorbeeren verdient und können ihm rote Rosen gestreut werden. Ich habe am Nachmittag vor der Aufführung in vier der bekanntesten Aufnahmen (Leinsdorf, Karajan, Böhm, Solti) hineingehört. Der live Eindruck an diesem Abend an der Deutsche Oper in Berlin hat das alles aber noch übertroffen. Da ist sauber und viel mit dem Orchester gearbeitet worden. Die Partitur wurde von Altinoglu spannend, transparent, sinnlich aufgewühlt und wie im Mondlicht flirrend realisiert. Diese Orchesterleistung allein war schon die Aufführung wert. Auch die bereits erwähnten Protagonisten inkl. der fünf Juden (Paul Kaufmann, Gideon Poppe, Jörg Schömer, Clemens Bieber, Stephan Bronk) machten einen einwandfreien Job. Die Nazarener (Noel Bouley, Thomas Lehman) habe ich aber schon besser interpretiert gehört.

In einem Interview mit der Berliner Morgenpost vom 23.1. hat Regisseur Claus Guth Buhs für seine neue Salome-Produktion als unvermeidlich, quasi alternativlos, bezeichnet. Also toll waren die Buhs nicht, eher verhalten. Manche der Zuschauer dürften eher ratlos als „sauer“ gewesen sein. Es ist eine Aufführung, die die Auseinandersetzung auf jeden Fall wert ist, auch wenn manchmal weniger mehr gewesen wäre. Ein bisschen sollte man sein Publikum schon auch genießen lassen und nicht andauernd mit – wenn auch gut ausgedachten – Rätseln konfrontieren.

Weitere Aufführungen folgen am 29. Januar, 3. und 6. Februar, sowie am 2. und 6. April. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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