Der Neue Merker

BERLIN Deutsche Oper L´INVISIBLE von Aribert Reimann, Premiere einer Uraufführung. EINE STERNSTUNDE !

thumbnail_L'Invisible, die ermodeten Kinder, copyright Bernd Uhlig

L’Invisible, die ermordeten Kinder, 3.Teil Tod des Tintagiles Copyright Bernd Uhlig


Berlin/ Deutsche Oper: „L’INVISIBLE“ von Aribert Reimann, Uraufführung und Premiere. Eine Sternstunde. 08.10.2017

Die Deutsche Oper bebt vor Begeisterung, Bravos hallen durch den Großen Saal. Ein schlanker älterer Herr springt auf die Bühne und strahlt aufgrund der Ovationen übers ganze Gesicht.

Es ist der muntere 81jährige Aribert Reimann nach der Uraufführung seiner Oper  L’INVISIBLE, seine insgesamt neunte und die fünfte im Auftrag der Deutschen Oper Berlin. Eine Erfolgsgeschichte für ihn und das Haus, das 1955 den damals Neunzehnjährigen als Korrepititor einstellte und ihm auch als Komponist das Vertrauen schenkte.  

Der starke Applaus ist ebenso verständlich wie erstaunlich, geht es doch in diesem als Trilogie lyrique bezeichnetem Werk um den Tod, den viele Menschen am liebsten ganz aus ihren Köpfen verbannen. Das Libretto – nach dem belgischen Symbolisten und Dramatiker  Maurice Maeterlinck – hat Reimann selbst verfasst, auf Französisch, um dessen Sprachrhythmus mit seiner Musik zu folgen.

Die schleicht sich nun unter dem Dirigat von Donald Runnicles in Herz und Hirn. Mal fein ziseliert, mal heftig zupackend bewältigt das Orchester der Deutschen Oper Berlin die Herausforderung dieser Partitur. Im ersten Teil L’Intruse (der Eindringling) werden nur die Streicher tätig und malen das Unheimliche aus, das sich nun anbahnt.

Warten-auf-den-Tod-copyright-Bernd-Uhlig.

Warten-auf-den-Tod-copyright-Bernd-Uhlig.

Eine Wöchnerin liegt im Bett und ringt seit Wochen mit dem Tode, ohne dass die am Tisch versammelte Familie das wahrhaben will. Der Arzt habe doch gesagt, es bestünde kein Grund zur Sorge. Sie reden (= singen) durcheinander, Ursula (Rachel Harnisch), ihre Schwester Marthe (Annika Schlicht), der Vater des Babys (Seth Carico) und der Onkel (Thomas Blondelle). Sie wissen, sie ernst die Situation ist, wollen ihr aber nicht ins Auge sehen. 

Sorgen bereitet auch das Neugeborene, von dem seit der Geburt kein einziger Schrei zu hören war. Dennoch machen sie sich gegenseitig Mut, warten angeblich auf eine weitere Schwester. Sind da nicht bei schwirrendem Gegenklang Schritte im Garten zu hören? Nur der taprige blinde Großvater, von Stephen Bronk (Bass-Bariton) großartig gesungen und gespielt, hat feinere Antennen und macht sich nichts vor. Der fühlt den Unsichtbaren kommen, den Tod.

 Wie beiläufig und doch deutlich spürbar lässt der junge russische Regisseur Vasily Barkhatov das Grauen herankriechen, zeigt die ahnungsvolle Nervosität, die alle vergeblich abzuschütteln versuchen. Sensiblen Menschen im Publikum läuft es schon kalt über den Rücken. Nur die Dienerin (Ronnita Miller) reagiert „ganz normal“. Nein, sie hat niemanden im Garten oder auf dem Weg zum Haus bemerkt.

Voller Furcht stehen die Schwestern auf und schließen bang die drei Türen des grauen Hauses, vor allem die breite gläserne Glas-Schiebetür (Bühne: Zinovy Margolin). Das Bett mit der sterbenskranken Wöchnerin wird hereingerollt, die Violinen zischen den Luftschwall, mit dem der Tod ins Haus tritt. Die Frau stirbt, die Streicher schrillen auf. Es ist gleichzeitig der erste Schrei des Babys, jetzt beim Tod seiner Mutter.

In der zweiten Szene  – Intérieur – geht der Blick durch das große Glasschiebefenster auf eine Familie bei den Weihnachtsvorbereitungen. Alles ist ganz friedlich, ein kleiner Junge wird liebkost, vermutlich das herangewachsene Baby aus Teil I. Nun sind es die Hörner, die dieses anfängliche Familienidyll musikalisch schildern.  

Unschlüssig schauen zwei Männer durch die Scheibe in dieses hell erleuchtete Zimmer (Licht: Ulrich Niepel), ein adrett gekleideter Herr (erneut Stephen Bronck) und ein Fremder (wieder Thomas Blondelle), von der Kleidung her eher ein Landstreichertyp (Kostüme: Olga Shaishmelashvili).

Der hat eine Leiche auf dem Fluss entdeckt und die schöne Tote an ihren langen Haaren aus dem Wasser gezogen. Beide wissen: es ist die vermisste Schwester der Familie, die wohl Selbstmord begangen hat. Minutenlang debattieren sie, ob sie ins Haus hineingehen und die Familie informieren sollten. Der Fremde tut es schließlich.

Die gerade erwähnten langen Haare spielen auch im dritten Teil – Der Tod des Tintagiles – zumindest vom Text her eine wichtige Rolle. Es sind die Haare zweier Schwestern namens Ygraine und Belangère (Rachel Harnisch und Annika Schlicht), in die sich schutzsuchend der kleine Tintagiles (Gelimer Reuter) klammert.

Der Ort ähnelt dem Zimmer im 1. Teil. Das Bett, in dem vor Jahren die Wöchnerin starb, steht auch schon im Raum. In dem wird der offenbar kranke Junge vom Arzt behandelt. Ungerührt sammelt ein Pfleger bereits sein Spielzeug ein und steckt alles in einen Müllsack. Das Kind wird es nicht mehr brauchen, so die Botschaft.

Doch nun wird die Oper zum Krimi. Die Schwestern ahnen, dass die Königin, seine Großmutter, ihn ermorden lassen will, um ihren Thron zu verteidigen. Ähnliches hat sie schon mit anderen Nachkommen getan. Drei ihrer tiefschwarz gekleideten Dienerinnen – die Countertenöre Tim Severloh, Matthew Shaw und Martin Wölfel – bedrohen die zwei Schwestern und den Jungen, der sich angstvoll an sie klammert.

Die Musik wird derweil immer bedrohlicher. Wie Runnicles in einem Radio-Interview vorab sinngemäß sagte, ist diese bedrohliche, ständig zunehmende Spannung kaum auszuhalten. Das gilt auch fürs Publikum, denn alle wissen, der oft noch lustig herumhüpfende Junge ist dem Tod nahe. Ein krankes Kind dürfen Eltern angesichts dieses Geschehens nicht daheim haben.

Es kommt noch schlimmer. Der Kleine wird den Schwestern entrissen und hinter die Glastür gesperrt. Ein brennendes Unfallauto steht dort, fünf andere tote Knaben – vermutlich Mordopfer der Königin – liegen auf dem Boden. 

Verzweifelt steht Tintagiles hinter der Glastür, die sich nicht mehr öffnet. Die ebenso verzweifelten Schwestern können ihn nicht befreien. Eine albtraumartige Szene. Der Trauergesang von Rachel Harnisch rührt Sensible zu Tränen, Reimann umarmt sie beim Schlussbeifall. Vielleicht applaudieren sich manche das Grauen von der Seele.

Auch das Regieteam wird gefeiert, denn Reimanns Werk und seine Darbietung haben voll überzeugt. Für die Deutsche Oper Berlin ist die Premiere von L’Invisible eine Sternstunde. An dieser Aufführung müssen sich die anderen Häuser messen lassen.   

Ursula Wiegand

Weitere Termine: 18., 22. 25. und 31. Oktober

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