Der Neue Merker

BERLIN / Deutsche Oper – L‘INVISIBLE von Aribert Reimann. Dritte Vorstellung der Uraufführungsserie

BERLIN / Deutsche Oper – L‘INVISIBLE, 22.10.2017

Dritte Vorstellung der Uraufführungsserie

Aribert Reimann trifft mit seinen Sujets meist den Nagel auf den Kopf und nicht nur das, sondern mitten ins schmerzende Hühnerauge unserer Zeit. So auch mit den zu 90 Minuten Musiktheater kondensierten drei kleinen Stücken des flämischen Symbolisten Maurice Maeterlinck: „Der Eindringling“, „Interieur“ und „Der Tod des Tintagiles“. Das Ungefähre, das Unverständliche und Tabuisierte, die Angst vor dem scheinbar Unnennbaren führen zuletzt dazu, dass Worte mehr camouflieren als mitteilen, dass Bilder die Köpfe füllen statt kritischer Gedanken, dass der Mainstream selbst als moralische Instanz auftreten kann. Aber auch das scheint zu bröckeln, Atomkriegsgefahr, Klimawandel, Terror und Migration bestimmen unseren Alltag wie nie zuvor. Dazu kommt das Grundgefühl einer unausweichlich endgültigen Instanz, in dieser Oper in der virtuellen Gestalt einer unsichtbaren Frau, die das Schicksal ins Finale lenkt und den Tod bringt. Das ist das düstere nebelverhangene Gerüst der gefühlten Hilflosigkeit und Einsamkeit, in das Reimann seine Musik und Figuren hängt.

Die einfache Szenerie (Bühne Zinovy Margolin) stellt eine graue triste Hausfassade dar, durch die eine Glaswand den Blick in ein Wohnzimmer und den Esstisch mit darum gruppierter Familie freigibt. Alles ist starr und folgt Ritualen. Schon Doderer wusste „Wer sich in Familie begibt, kommt darin um.“ Zuerst ist es eine Frau, die im Kindbett stirbt und deren Sippe sich der Wahrheit nicht ins Gesicht zu schauen traut. Im zweiten Teil zögert man, der idyllisch um den Christbaum versammelten Familie vom Freitod der Tochter zu berichten. Der Zuseher darf sich natürlich schon die Frage stellen, warum ein Mädchen bei trauter „heiler Welt“ sich im Fluss ertränken muss.

Bemerkenswert ist, dass der Fatalismus der Zwischenkriegszeit jetzt wieder Urständ hält und zumindest in der Kunst Bände und Partituren füllt. Startet Reimann seine Oper instrumental noch karg und kammermusikalisch reduziert wie Brittens „The Turn of the Screw“, wo vokal das rezitativische Element vorherrscht, so bietet er in den letzten 50 Minuten wieder große Oper, wie wir sie von seinem „Lear“ oder der „Mede“ her kennen und bewundern. Offenbar hat Reimann die Geschichte des Tintagiles, der von der alten Königin zu seinen Scheestern Ygraine und Bellangère geholt wird, mehr inspiriert. Will die alte Herrscherin alle möglichen Nachfolger auf den Thron beseitigen? Zwei Brüder sind schon spurlos verschwunden, der dritte, unser kleiner Tintagiles, dem lediglich eine Sprechrolle zugeordnet ist, wird in der Inszenierung des Russen Vasily Barkhatov bei einem Autounfall ums Leben kommen. War es eine Autobombe? Keiner weiß es, das allzu Konkrete verbietet sich ja in virtuellen Scheinwelten.

Die Musik Reimanns teilt Orchester und Singstimmen, sie ist nicht so dicht und packend geworden wie etwa in der Gespenstersonate. Manche Cluster und Sounds dokumentieren Spannung wie bei einem Suspense Film eher als dass die Musik den Worten eine tiefere emotionale Bindung verleihen könnte. Dennoch vermag es dieser alte Theatermagier, ungeheure Spannung zu erzeugen. Auch wenn die Nummer mit den Koloraturen von der Medea und der Goneril (Lear) her sattsam bekannt ist, kann sich das Publikum der Kraft seiner Intuition am Ende doch nicht entziehen.

Chefdirigent Donald Runnicles holt aus dem Orchester der Deutschen Oper Berlin, all das, was die Partitur hergibt. Die überwiegend Mehrfachrollen sind bis auf drei schrill klingende Countertenöre (Tim Severloh, Matthew Shaw, Martin Wölfel) hervorragend gesungen. An erster Stelle ist die Schweizerin Rachel Harnisch zu nennen, die trotz der höllisch schweren Partien (Ursula, Marie, Ygraine) balsamisch und noch in den höchsten Koloraturen angenehm klingt. Ihr zur Seite nicht minder beeindruckend Annika Schlicht als Marthe und Bellangère. Stephen Bronk ließ sich nach einer schweren Erkältung zwar ansagen, bot aber dennoch eine untadelige auch schauspielerisch große Leistung als blinder Großvater, Alter und Aglovale. In kleineren Rollen reüssierten Ronnita Miller als Dienerin, Seth Carico als Vater, Thomas Blondelle als Onkel und Fremder. Salvador Macedo vom Kinderchor der Deutschen Oper Berlin imponierte mit einem erstklassigen Französisch in der anspruchsvollen Sprechrolle des Tintagiles.

Ob auch dieser neunten Oper von Aribert Reimann nachhaltiger Erfolg beschieden sein wird, bleibt abzuwarten. Der Deutschen Oper Berlin ist jedenfalls für den programmatischen Mut, das Bekenntnis zur zeitgenössischen Oper und spannende Regieversuche zu danken. Am Ende kriechen schwarze zerfledderte Schatten wie einstens Bram Stokers Dracula als flinke Eidechsen quer über die Wände: Auch Gruseliges kann vertraut sein und erlaubt dann wahrscheinlich doch noch eine Gute Nacht.

Dr. Ingobert Waltenberger

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