Der Neue Merker

BERLIN/ Deutsche Oper: „LE PROPHÈTE“ von Giacomo Meyerbeer, Premiere

Le Prophete, Gregory Kunde, Foto Bettina Stöß
„Le Prophète“: Gregory Kunde. Copyright: Bettina Stoess

Berlin/ Deutsche Oper: „LE PROPHÈTE“ von Giacomo Meyerbeer, Premiere, 26.11.2017

Das ist wirklich eine Grand Opéra, die Giacomo Meyerbeer komponiert hatte, nicht nur wegen ihrer Länge von 4 ½ Stunden. In den fünf Akten ist alles drin von Liebesduetten, klangmächtigen Chören und Ballettmusik, insgesamt ein Reichtum an Farben und Einfällen. Nicht ohne Grund hat Richard Wagner die antisemitische Karte gezückt mit dem Ziel, den äußert erfolgreichen, übrigens aus Berlin stammenden Meyerbeer wegzudrängen, um die eigene Musik durchzusetzen.

LE PROPHÈTE, uraufgeführt am 16. April 1849 in Paris, war seinerzeit ein Welterfolg und  wurde sogar in Übersee bejubelt. Jetzt hat die Deutsche Oper Berlin dankenswerterweise dieses Werk – in der revidierten Fassung der historisch-kritischen Edition – aus der Versenkung geholt und komplettiert mit dieser Premiere ihren nun vierteiligen Meyerbeer-Zyklus.

Dank des versierten Enrique Mazzola, der das Orchester der Deutschen Oper Berlin ebenso spritzig wie einfühlsam dirigiert, ist der instrumentale Erfolg gesichert. Schon beim erneuten Start nach den zwei Pausen wird Mazzola jedes Mal mit brausendem Beifall begrüßt.

Voll präsent singt und spielt auch der Chor des Hauses, einstudiert von Jeremy Bines sowie der Kinderchor, geleitet von Christian Lindhorst. Das ist wichtig, erweist sich doch Le Prophète streckenweise durchaus als Choroper. Über allem schweben jedoch die großartigen Stimmen, die der Gäste und der vielen aus dem eigenen Ensemble. Sie machen diese Oper zum Sängerfest.

Zurück zur Entstehung des Werks, das im damaligen Europa den Nerv der Zeit traf. Die Librettisten Eugène Scribe und Émile Deschamps hatten die Wiedertäufer zum Vorbild erkoren, eine fundamentalistische Reformationsgruppe einfacher Bauern, die 1535 in der Stadt Münster einen „Gottesstaat“ errichten wollten, dabei über Leichen gingen und Angst und Schrecken verbreitete.

Das Thema passte zu den Revolutionen von 1847-1849 in vielen europäischen Ländern, die bekanntlich mit dem Sieg des Establishments endeten. Meyerbeer hat während dieser Jahre das Werk mehrfach umkomponiert, um einem Aufführungsverbot zu entgehen. Auch bei ihm,  einem konservativ gesinnten Menschen, triumphieren zuletzt die vorherigen religiösen und gesellschaftlichen Werte.

Heutzutage erinnern die damaligen Wiedertäufer in ihrer Radikalität fatal an den IS. Die Meinung, weniger „Fromme“ töten zu dürfen oder gar zu müssen, hat also durchaus Tradition/en. Diesen nahe liegenden Gedanken nehmen der französische Regisseur Oliver Py und der Ausstatter Pierre-André Weitz unverkennbar auf. Vor allem in der rüden, sehr langen Ballettszene nach der ersten Pause.

Ballett gehörte – zum Unwillen Richard Wagners – in Paris unbedingt zu einer Oper. Meyerbeer setzte noch eins drauf und ließ zu fröhlichen Ländlerweisen die Damen und Herren erstmals auf Rollschuhen tanzen – damals sicherlich ein Riesenhit. Jetzt machen – bewusst konträr zur beschwingten Musik – Soldaten in heutiger Kampfkleidung diesen Job, zeigen (angedeutete) Folterungen von Gefangenen und Übergriffe an Frauen, die sich ihnen voller Tanzkunst zu entwinden versuchen.

Diese Ballett-Variante, dargeboten von den Damen und Herren des Hauses, stößt sofort auf Beifall und Ablehnung gleichermaßen. Erstmals höre ich laute I-Ekelrufe von Frauen. Mit dieser Missfallensäußerung werden noch beim Schlussbeifall die Tänzer (d.h. die Männer), die zuletzt splitternackt Sex in diverser Art vorführen (müssen), noch einmal von zahlreichen Zuschauerinnen konfrontiert. Das Regieteam erntet kräftige Buhrufe, doch der Beifall für die Gesamtleistung überwiegt und ist auch verdient.

Le Prophete, Elena Tsallagova, Clémentine Margaine, Foto Bettina Stöß
Elena Tsallagova, Clementine Margaine. Copyright: Bettina Stoess

Die Oper beginnt ganz „harmlos“. Die hübsche Berthe – Elena Tsallagova mit schillerndem, in allen Lagen präsentem Sopran – kann die Hochzeit mit Ihrem Geliebten, dem Gastwirt Jean van Leyden, kaum erwarten. Seine Mutter Fidès – Clémentine Margaine mit klangreichem Mezzo – soll sie zu ihm bringen. Beide Frauen mögen einander sehr.

Der Landesherr, Graf Oberthal, kommt vorbei, setzt sich auf ein Podest und studiert diverse Akten. Seine Bediensteten versuchen sie zu begrabschen. Sie serviert ihm bescheiden einen Kaffee, doch er gönnt ihr keinen einzigen Blick

Doch schon sind drei Wiedertäufer in ihren schwarzen (!) Kutten aktiv und propagieren mit  mittelalterlich getönten Gesängen ihre strenge Religion. Auch das kommt uns bekannt vor. Derek Welton als Zaccharias, Andrew Dickinson als Jonas und Noel Bouley als Mathisen bringen diese lateinischen Gesänge stimmstark zu Geltung.
Der Graf – eine Superrolle für Seth Carico – vertreibt die Drei energisch, macht sich nun aber ungeniert an Berthe heran, zerrt sie in einen Oldtimer-Daimler und versucht die fast Entkleidete zu vergewaltigen. Seine Adjutanten schleppen sie ab ins Schloss.

Derweil freut sich der nichts ahnende junge Gastwirt Jean van Leyden über die vielen feiernden Gäste in seiner Kneipe, füttert ganz lieb einen (echten) Hund, wartet aber schon etwas besorgt auf seine Mutter und Berthe. Mit Prachttenor und sicheren Höhen tut Gregory Kunde seine große Liebe zu Berthe kund. Nichts als ein friedliches Landleben wünscht er sich mit ihr. Das wäre sein Königreich, behauptet er.

Beide Frauen sind derweil jedoch in der Hand von Oberthal, und Jean muss wählen, ob dessen Soldaten seine Mutter töten oder der Graf sie schont und dafür Berthe überlassen bekommt. Jean entscheidet sich für seine Mutter (auch Meyerbeer liebte seine Mutter).

In seiner Wut auf die herrschende Klasse wird Jean nun eine leichte Beute für die Wiedertäufer, die ihn zu ihrem Propheten ernennen. So sehr er sich wehrt, so abwegig ihm dieser Gedanke zunächst erscheint – Meyerbeers Musik verrät bereits, dass in Jean durchaus Machtgelüste stecken. Tatsächlich schlüpft er bald in die ihm offerierte Rolle als Prophet, sprich als Sohn Gottes (Fils de Dieu)! –

Der erste Sturm der Wiedertäufer auf Münster schlägt jedoch fehl, fast wird  der Prophet entmachtet. Doch mit flammender Rede überzeugt er die teils schon verwundeten Soldaten, erneut ziehen sie in den Kampf und siegen.

Prall inszeniert Py – mit ironischem Blick auf Jeans Charakter und kirchliche Zeremonien — diese farbstrotzende Krönungsszene. Der rot gewandete, offenbar vom Größenwahn erfasste Prophet mit güldener Krone, vorne im vollen Kirchenschiff die schwarz gekleideten kleinen Nonnen, die ihn mit hellen Kinderstimmen feiern. Als Wunderheiler wird er dem staunenden Volk präsentiert. Den angeblichen Krüppeln, die plötzlich wieder herumhüpfen, wird für ihre Leistung klammheimlich ein Trinkgeld zugesteckt!

Doch als die zufällig anwesende Mutter Fidès ihn als ihren schon tot geglaubten Sohn erkennt, gerät das ganze Schauspiel ins Wanken. Er umarmt sie, die drei Wiedertäufer reißen ihn weg, und er verleugnet seine Mutter. Sie macht, um ihn zu retten, schließlich das üble Spiel mit und wird in den Schlosskerker gebracht.

Das werden die großen Szenen von Clémentine Margaine, dem Star dieser Aufführung. Ihrer nuancenreichen Stimme ist alles zu entnehmen: zunächst der Zorn über die Undankbarkeit ihres Sohnes, dann die Wärme der treuen Mutter (Fidès!),  die ihm verzeiht und seine Seele retten will.
Ihrem innig gesungenen Gebet, kann sich Gott nicht verschließen, so meint sie, und auch er wird ihrem Sohn die begangenen Gräueltaten verzeihen. Ein Engel mit einem Gnadenschild, schon ganz am Anfang zu sehen, schwebt hübsch kitschig durch den Raum.

Le Prophete, Clémentine Margaine als betende Mutter, Foto Bettina Stöß
Clementine Margaine als betende Mutter. Copyright: Bettina Stoess

Berührend dann das erneute Treffen zwischen der Mutter und ihrem nun reuigen Sohn. In dieser packenden Szene gewinnt die eher Heldentenor artige Stimme von Gregory Kunde weitere, zärtliche Nuancen, lässt die Entwicklungsmöglichkeiten seines prallen, wohl klingenden Organs ahnen. Ungern verzichtet Jean auf den Propheten-Nimbus, doch Mutters Überzeugungsarbeit trägt Früchte. Zumindest bei Meyerbeer.

Derweil geht im Kerker bereits ein Mann mit einem Sprengstoffkoffer hin und her, während Berthe, mit einer Pistole bewaffnet, den Propheten sucht, um ihn zu töten. Anders als die Mutter hat sie ihn nicht erkannt. Vielmehr macht sie ihn für die Ermordung ihres Geliebten  verantwortlich.
Nun, beim glücklichen Zusammentreffen mit ihm im Kerker, jubelt sie (die übrigens vorher gerade einen anderen Mann heiraten wollte!). Sie freut sich – stimmlich erneut eine Glanzleistung – auf die nun endlich mögliche Hochzeit mit Jean und die Rückkehr aufs friedliche Land.

In den übrigen Rollen und alle mit guter Stimmen: 1. Bäuerin: Sandra Hamaoui, 2. Bäuerin: Davia Bouley, 1. Bauer / 1. Wiedertäufer / 1. Bürger / Soldat: Ya-Chung Huang – 2. Bauer / 2. Wiedertäufer: Taras Berezhansky, 2. Bürger / Offizier: Jörg Schörner, 3. Bürger: Dean Murphy, 4. Bürger: Byung Gil Kim.

Bei Meyerbeer und seinen Textschreibern explodiert während dieser glücklichen Dreierszene das gesamte, mit Sprengstoff gefüllte Schloss. Die Seele von Jean, der vorher seine Untaten eingestanden und bereut hatte, wäre so angeblich gerettet. Doch auch der Geheimnisvolle zündet nicht die Sprengladung im Koffer.

Für Py ist das zuviel an Deus ex Machina, und an eine Seelenrettung solcher Art mag er als Mensch von heute wohl nicht glauben. Vielmehr konzentriert er sich auf den zum Machtmenschen mutierten Jean, dem sicherlich die Rache der Bürger und seiner Ex-Anhänger droht. Jean entreißt Berthe die Pistole, setzt sie an die Schläfe und richtet sich selbst. Ein realistischer Schluss.

Noch nicht ganz: zuletzt sitzt Graf Oberthaler – zwischendurch ein Mitläufer der Wiedertäufer – als Landesherr wie einst auf dem Podium und trinkt, ohne einen Blick in die Umgebung zu werfen, seinen Kaffee. War da was? Kaum. Alles wieder in Ordnung.-

Zuletzt begeisterter Applaus insbesondere – nach mehrfachem Zwischenbeifall – für die fabelhafte Clémentine Margaine und fast ebenso phonstark für Elena Tsallagova. Gregory Kunde hätte mehr Beifall verdient. Dazu die schon erwähnten Buhs für Oliver Py.

Fazit: Manches muss nicht gefallen, dennoch ist diese Aufführung hörens-, sehens- und nachdenkenswert.

Ursula Wiegand

Weitere Termine: 30.11. dann am 03. , 09. und 16. Dezember, sowie am 04. und 07. Jan. 2018

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