Der Neue Merker

BERLIN/ Deutsche Oper: I CAPULETI e i MONTECCHI – konzertant, aber atemberaubend

Berlin, Deutsche Oper: „I CAPULETI e i MONTECCHI” von Vincenzo Bellini, konzertant, aber atemberaubend, 03.03.2016

Joyce DiDonato als Romeo, Foto Bettina Stöß
Joyce DiDonato als „Romeo. Copyright: Bettina Stöß

Ein Ausnahmeabend, der vermutlich allen noch lange in Erinnerung bleibt. Geprägt von zwei „richtigen“ Menschen, genauer gesagt von zwei Frauen. Die eine ist ein internationaler Star, die andere zumindest in Berlin noch kaum bekannt, was sich bald ändern sollte. Gemeint sind die amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato als Romeo und die russische Sopranistin Venera Gimadieva als Giulietta.

Es ist eine konzertante Darbietung. Umso mehr zählen Gesang und Bühnenpräsenz. Die besitzen beide, besser bekannt als Romeo und Julia. Sie vermitteln ihre Gefühle echt und unmittelbar, sie singen und agieren so glaubwürdig, dass sie Ohren und Augen fesseln. Zwei, die ihre Rollen fast auswendig beherrschen und nicht wie die Herren am Notenblatt kleben.
Dieses Kompliment gilt insbesondere für Joyce DiDonato, die sich frei auf der Bühne bewegt und in Gestik und Mimik den verliebten Helden aus der verfeindeten Familie verkörpert. Einen jungen Mann, der Frieden stiften will, dessen Konzilianz jedoch deutlich erkennbar in Wut umschlägt. Empört schaut er hinauf zum Männerchor (einstudiert von William Spaulding), der ihm – genau wie Lord Capulet (Alexei Botnarciuc) – seinen unversöhnlichen Hass entgegenschleudert.
Großartig, wie sich schon in dieser Szene Joyce DiDonatos Stimme und Gesichtsausdruck verändern. Doch wie einfühlsam „zeichnet“ sie andererseits den Verliebten, der kein Risiko scheut und sich schließlich aus Verzweiflung über Julias Tod (zu früh) das Leben nimmt.

Das alles  mit einem an Rossini, Mozart und Händel geschultem Mezzo, der auch bei Bellini technisch jeder Nuance in dieser Rolle, die sie schon 2008 in Paris gesungen hat, fähig ist. Mühelos und in allen Schattierungen gleitet ihre Stimme durch die Register und interpretiert sämtliche Ent- und Verwicklungen so haargenau, dass das Publikum das tragische Geschehen auch ohne Italienischkenntnisse oder den Blick auf die Übertitelung begreifen könnte.
Eine „unvergleichbare, göttliche“ Stimme bescheinigte ihr die Times, doch es ist noch mehr, nämlich eine anstrengungslos wirkende Gesamtpersonleistung, übrigens ohne eine Schweißperle auf der Stirn.

Joyce DiDonato als Romeo, Venera Gimadieva als Giulietta, Foto Bettina Stöß
Joyce DiDonato (Romeo), Venera Gimadieva (Giulietta). Copyright: Bettina Stöß

Zweifelsohne reißt Joyce DiDonato ihre junge Kollegin mit, und so schaut auch Venera Gimadieva frei in die Runde und bewegt sich, soweit es ihre Rolle als Leidende und Unentschlossene, in Familienbanden und gesellschaftlichen Zwängen Verharrende erlaubt. Die junge Sopranistin vom Bolschoi Theater, die 2012 nach dem Einspringen als Violetta in La Traviata über Nacht berühmt wurde, wird zur ebenbürtigen Partnerin.

Beide Frauen zusammen lassen bald die „Dschinderassabumm-Ouvertüre“ vergessen, die Dirigent Paolo Arrivabeni zunächst dem Orchester der Deutschen Oper Berlin abgefordert hatte. Später bei den wunderbaren melodramatischen Kantilenen – ein Markenzeichen des jung verstorbenen Bellini – produzieren auch die Instrumentalisten echte Wärme, zumal wenn Waldhorn und Harfe den Gesang einfühlsam begleiten.

Manche Szenen gehen unter die Haut. Wie herzerweichend und mit welch feinen Spitzentönen bettelt diese unglückliche Julia um eine Umarmung ihres harten Vaters, der sie gnadenlos zur Heirat mit Tebaldo zwingt.
Den singt Celso Albelo mit anfangs recht bemühten Höhen und wenig Schmelz. Erst zuletzt, als er sich wegen seiner Liebe zu Giulietta mitschuldig an ihrem Tod fühlt, gewinnt sein Tenor trotz Partiturfixierung an Leuchtkraft. Dagegen ist die Bass-Partie von Pater Lorenzo bei Marko Mimica in guter Kehle. 

Gänsehautgefühl schließlich in Julias unsichtbarer Gruft. Joyce DiDonato nun als abgrundtief Verzweifelter, zunächst noch auf ein Wunder Hoffender. Der Griff zum Gift, das zu späte Erwachen Julias. Alles ganz dicht verwebt, ungemein fesselnd und berührend. Die teils matten, teils trotzigen Töne eines Sterbenden, danach das Dahinscheiden der beiden Wange an Wange.
Beim aufbrausenden Schlussjubel und den „standing ovations“ wischt sich Joyce noch Tränen aus den Augen. Sie war wirklich der Romeo und Venera Gimadieva seine Julia. Beide haben diese zweite und letzte Aufführung zu einem Ausnahmeabend gemacht.   

Ursula Wiegand

Diese Seite drucken