Der Neue Merker

BERLIN/ Berliner Festspiele: NEDERLANDS DANS THEATER / Gastspiel

Nederlands Dans Theater, Marne van Opstal and Sarah Reynolds, ® Rahi Rezvani (2)
„Safe as Houses“ – Marne van Opstal, Sarah Reynold. Copyright: Rahi Rezvani

Berlin/ Berliner Festspiele: Gastspiel NEDERLANDS DANS THEATER, 28.11.2017

Nach zwei Jahren ist es wieder in Berlin, das großartige Nederlands Dans Theater (NDT), das zeitgenössischen Tanz in besonderer Perfektion und Eindringlichkeit bietet. „2015 haben wir gemerkt, wie hungrig die Berliner auf diese Spielart des Tanzens sind. Und genau die bekommen sie bei uns“, steht im Begleittext. Wohl wahr! Kein Wunder, dass alle Vorstellungen bereits ausverkauft sind!

Ein deutliches Plus ist auch die große Unterschiedlichkeit der Stücke. Vier Choreografien werden an diesem Abend gezeigt, verwirklicht bis an die Grenze des körperlich und vielleicht auch seelisch Machbaren. „Woke up Blindvon Marco Goecke – auch verantwortlich für Bühnenbild und Kostüme – von 2016 ist die erste, getanzt mit oft fliegenden Armen, gezittert und gelebt von fünf Männern und zwei Frauen nach zwei Songs des jung verstorbenen Rockmusikers Jeff Buckley. (Die Musik des Abends kommt vom Band)

Nacheinander betreten sie die Bühne, zuerst Jorge Nozal. Wie sie sich, vor allem die Männer, geben, lässt an Überforderung und Burnout Syndrome denken. Fahrig sind sie, selbst beim langsamen Liebes-Song „You and I“. Die kriegen auch das private Miteinander nicht mehr auf die Reihe.
Die Pas de deux, einmal hetero, dann homoerotisch, zeigen die allen inne wohnende Unsicherheit und Bindungsunfähigkeit. Menschen, blind fürs „normale“ Leben aufgewacht, drehen sie gleich auf und in den 15 Minuten fast durch.

Beim zweiten Song, „The way young lovers do“ mit immer schnellerer Gitarrenbegleitung, steigern sich auch die Tänzerinnen und Tänzer in eine unglaubliche Hektik. Wie losgelöst flattern nun die Arme, die Körper zittern noch schneller, die Köpfe geraten mitunter ebenfalls außer Kontrolle, und das alles im exakten Hochgeschwindigkeitsrhythmus. Bewundernswert und verstörend zugleich.

Von anderer Warte betrachtet und letztlich böser erweist sich „The Statement“, eine Choreografie von Crystal Pite (von 2016) nach der Musik von Owen Belton. Hierbei geht es offenbar um eine hochpolitische Angelegenheit. Irgendetwas Schlimmes ist passiert, was genau, wird beim Sprech-Staccato aus dem Off (Skript Jonathon Young) nicht mitgeteilt.

Der Disput von zwei Paaren wird,  immer heftiger werdend, rund um einen Konferenztisch ausgetragen (Bühnenbild Jay Gower Taylor). Ein Statement, eine Erklärung, wird von einem der Anzugträger (Kostüme Crystal Pite, Joke Visser) verlangt, ob er die Entscheidung unabhängig getroffen habe, wie er behauptet.
Die nicht anwesenden Bosse wollen das sicherlich wissen. Der ständig brutaler werdende Machtkampf zwischen den beiden Parteien wird auf und unter dem Konferenztisch, über ihn hinweg springend und unter ihm hindurch hechtend, ausgefochten, bis alle erschöpft am Boden liegen.

Eine tänzerisch risikoreiche, ungewöhnliche und mitreißende Choreografie, wahrscheinlich nicht weit weg von manch politischem Hickhack hinter den Kulissen. 19 pralle Minuten, anfangs noch Lacher hervorrufend, dann aber mit fast angstvoller Spannung verfolgt. In seiner Besonderheit und Superperfektion ist dieses Stück für mich das interessanteste an diesem großartigen Abend.

Ganz anders „The missing door“ (von 2013), eine Arbeit von Gabriela Carrizo in Ko-Kreation mit Lydia Bustinduy, César Faria Fernandes, Fernando Hernando Magadan, Marne van Opstal, Roger van der Poel, Meng-ke Wu und Ema Yuasa nach der Musik von Raphaëlle Latini.

Gabriela Carrizo, die auch das Bühnenbild und die Kostüme entworfen hat, wagt sich in eine Tabuzone vor. Nach wenigen Minuten könnte man/frau sich in einer Anstalt für Hochgestörte wähnen. Nein. Es geht um die letzten Minuten von Menschen in einem Zustand zwischen Leben und Tod. Personen in teils blutbefleckter Kleidung, denen ihre letzten und vorletzten Handlungen ebenso entgleiten wie die  Koordination ihrer Glieder und Gesichter. Selbst der Angestellte, der ohne Erfolg das Blut vom Boden wischt, und die Serviererin geraten in diesen ungesteuerten Schwebezustand, in dem das Leben an den Sterbenden vorbeizieht.

Sie alle sitzen nicht nur auf Stühlen, liegen auch nicht im Bett. Sie bewegen sich noch mit letzter Kraft, auch im Irrgarten ihrer Erinnerungen. Sie versuchen noch einander zu helfen, wollen noch ein Miteinander oder fliehen davor.

Der große Raum, ihr letztes Zimmer, hat mehrere Türen, die immer wieder aufspringen. Doch die, an der einige vergeblich rütteln, ist wohl die, die ins Leben zurückführen würde. Doch diese Tür existiert nicht, wie der Titel dieser 25-minütigen Choreografie kund tut. Insgesamt eine in ihrer Art ungewöhnliche, beinnahe Angst machende Tanz- und Bewegungsstudie. Auch dafür sehr viel Beifall.

Nederlands Dans Theater, Marne van Opstal and Sarah Reynolds, ® Rahi Rezvani
„Safe as Houses“ – Marne van Opstal, Sarah Reynolds. Copyright: Rahi Rezvani

Zuletzt „Safe as Houses“, ein Klassiker des Nederlands Dans Theaters (von 2001), eine Arbeit von Sol León und Paul Lightfoot, den Hauschoreografen des NDT. Sie entwarfen auch das Bühnenbild und die Kostüme.
Aus dem Dunkel vor der Bühne treten drei Menschen – Marne van Opstal, Sarah Reynolds und Jorge Nozal – in einen total weißen Raum, anfangs unterteilt von einer weißen Wand. Weitere acht Tänzerinnen und Tänzer gesellen sich hinzu, tanzen zuerst in recht klassischer Manier an beiden Seiten dieser Wand.

Nach der Musik von Johann Sebastian Bach beginnt die Wand sich alsbald zu drehen, erweist sich als Scheidewand zwischen Leben und Tod. Geschickt winden sich zunächst alle an ihr vorbei. Doch das Tempo des Drehens und Tanzens nimmt zu.

Noch einmal vereinen sich fünf Paare zu berührenden, sehr individuellen Pas de Deux. Jedes drückt in diesen faszinierenden 15 Minuten die letzte Liebe anders aus, und Bachs „Komm, süßer Tod“ wirkt wie ein Sog. Ein kraftvolles, ausdrucksstarkes Solo tanzt schließlich der 39-jährige Jorge Nozal.

Der Tod wird in dieser Choreografie – genau wie bei Bach – willkommen geheißen, sichere Häuser (safe houses) sind laut der Bibel die ewigen Wohnungen. Eine Verheißung, dargeboten in einer tänzerischen Glanzleistung. Danach anhaltender Jubel und mehr als verdiente Bravo-Rufe.

Ursula Wiegand

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