Der Neue Merker

BERLIN/ Berliner Ensemble: DER KAUKASISCHE KREIDEKREIS von Bertolt Brecht

BE, Stefanie Reinsperger (Grusche Vachnadze), Carina Zichner (Panzerreiter) © Matthias Horn
Stefanie Reinsperger (Grusche), Carina Zichner (Panzerreiter). Copyright: Matthias Horn

Berlin/ Berliner Ensemble:DER KAUKASISCHE KREIDEKREIS von Bertolt Brecht, 23.11.2017

Gerade feiert das Berliner Ensemble, abgekürzt BE, als Theaterbau seinen 125. Geburtstag.

Richtig berühmt geworden ist dieses Haus am Schiffbauerdamm aber erst durch Bertolt Brecht, der mit seinem 1949 gegründeten Berliner Ensemble im Jahr 1954 in dieses Theater zog. Er und seine Frau Helene Weigel (u.a. als Mutter Courage) verschafften ihm bald internationales Renommee.

Nach Claus Peymann, der 18 Jahre lang das BE führte, hat nun OIiver Reese mit der Spielzeit 2017/18 das Ruder übernommen und feiert das 125jährige Bestehen des Hauses u.a. mit neu inszenierten Highlights von Bertolt Brecht, so mit dem Stück Der  Kaukasische Kreidekreis in der Regie von Michael Thalheimer.

Dessen Name zieht, und das seit seiner exemplarischen, aufs Wesentliche reduzierten Version von Lessings Emilia Galotti im September 2001 am Deutschen Theater. Wie Sven Lehmann und Constanze Becker zu Beginn ganz ruhig, wortlos und ohne sich anzuschauen den Raum durchschreiten – diese Szene ist unvergesslich.

Auch mit den „Ratten“ 2007 am gleichen Haus setzte Thalheimer Maßstäbe, ehe in seinen Inszenierungen die Menschen zu übererregten, krankhaften Figuren mutierten, wie im „Tartuffe“ (im Dez. 2013 an der Schaubühne). Darüber hinaus wird der üppige Verbrauch von Theaterblut  seit Jahren zu seinem wichtigsten Accessoire.

Zu diesen „Stilmitteln“ greift Thalheimer erneut am BE bei seiner Variante von Brechts Kaukasischem Kreidekreis. Die radikale Verkürzung des Texts ist hier ebenfalls zu erleben, doch das tut dem Stück eher gut. Obwohl auch heutzutage reich contra arm oder Konzernstrategie wider Arbeitende ein Thema sind, wirken Brechts Feldzüge dennoch überholt.

Nach lauter Livemusik, komponiert von Bert Wrede, informiert Ingo Hülsmann als Sprecher (eigentlich ein Sänger) über das Gestrichene und den weiteren Gang der Handlung. Übrig bleibt die Geschichte der Grusche Vachnadze, eines schlichten Landmädchens, das ein von der Mutter verlassenes Baby zunächst vor dem Panzerreiter (Carina Zichner) rettet.

Ihre reiche, schicke Schwägerin Natella Abaschwilli (Sina Martens) hat es auf der Flucht vor den mordenden Aufständischen, die gerade den Gouverneur, ihren Mann (Peter Luppa)  getötet hatten, zurückgelassen. Nun nimmt es die Grusche erstmal recht unwillig in ihre Obhut.

Stefanie Reinsperger vom Burgtheater spielt diese Grusche als Powerfrau mit weichem Herzen. Sofort berührt sie auch die Herzen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Anfangs tollt sie noch unbeschwert herum, verspricht ihrem Verlobten Simon Chachawa, der in den Krieg zieht, treu auf ihn zu warten, rückt ihm dabei auf den Leib, möchte einen Kuss haben. Doch der junge Mann – Nico Holonics – ist zu schüchtern.

So weit, so gut. Aber warum muss sich Stefanie Reinsperger gleich anfangs, so, als hätte sie einen Anfall, in einer Blutlache wälzen, um für den Rest der knapp zwei Stunden mit beschmierten Klamotten herumzulaufen? (Kostüme: Nehle Balkhausen)

Und warum muss sie bald und oft wie im Delirium sprechen, kreischen und agieren? „Schrecklich ist die Verführung zur Güte“, zitiert der Kommentator. Macht Güte krank im Kopf?

Einmal will auch sie, die total Überforderte, einfach abhauen und das Kind irgendwo liegen lassen, aber das bringt sie doch nicht übers Herz. „Es ist mein Kind“, wird zum Mantra. Und irgendwie scheint ihr die Liebe zu dem kleinen Jungen Kraft zu geben, so dass sie es schafft, tagelang nur in Kleid und Strickjacke über einen Gletscher Schutz suchend zu ihrem Bruder zu wandern.

Der nimmt die nun Erkrankte auf und versteckt sie, ganz gegen den Willen seiner bigotten Frau (erneut Sina Martens) im Haus, fädelt dann aber eine Hochzeit mit einem todgeweihten Bauern ein, um den ungeliebten Gast loszuwerden. Frau und Kind sollen den Namen eines Mannes bekommen.

Diese Szene zwischen dem Zuneigung heuchelnden Bruder (Sasha Nathan!) und seiner Schwester (Stefanie Reinsperger), die still und mit unbewegtem Gesicht zuhört, ist für mich der schauspielerische Höhepunkt des Abends. Gefasst willigt sie in die Heirat ein, lässt sich dann von dem plötzlich wieder munter gewordenen Todgeweihten (Veit Schubert) sogar vergewaltigen und sagt nur, „Es ist mir nicht recht, dass du mich besteigst“.

Völlig überdreht ist die Gerichtsszene. „Natürlich“ übergießt sich Tilo Nest, ein Seiteneinsteiger in diesem Job, mit einem ganzen Eimer voller Blut. Auch überzieht er diese Rolle grauslich, aber gekonnt. So einem mag ich kaum glauben, dass er zuletzt das Kind nicht der inzwischen wieder aufgetauchten leiblichen Mutter zuspricht und so auf einen Batzen Schmiergeld von der Gouverneursfrau verzichtet.

Beide Frauen zerren nun am Baby, die Grusche lässt es zuerst los, damit es keinen Schaden nimmt. Ihr wird das Kind zugesprochen, ein salomonisches Urteil mit umgekehrtem Vorzeichen von einem Gauner. Für Grusche, die ihren blutbesudelt aus dem Krieg heimkehrenden Verlobten wegen des vermeintlich unehelichen Kindes verloren hat, ist es dennoch ein Happy End.

Starker Applaus im ausverkauften Saal für die großartigen Schauspieler.

Ursula Wiegand

 

 

 

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