Der Neue Merker

BERLIN/ „Bar jeder Vernunft“: THE CAST – DIE OPERNBAND -Opera to Show

BERLIN / Die Bar jeder Vernunft: THE CAST – DIE OPERNBAND -Opera to Show, 28.8.2017

Frecher Opernzauber in Berlins legendärem Musentempel

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Photo © Robert Douglass

 Da fassten junge Sängerinnen und Sänger, den berührenden Worten der amerikanischen Sopranistin Bryn Vertesi nach zu schließen, den Entschluss, den familien- und partneruntauglichen Opernbetrieb hinter sich zu lassen und in Deutschland eine eigene Truppe zu gründen. Eine gute Idee, weil dieser lustig singende Wanderzirkus Oper von jedem Zwang und jeder Steifheit befreit und volksnah ohne falsche Anbiederung präsentiert. So geschehen jüngst in Berlin in der Bar jeder Vernunft, wo die Glorreichen Sechs (Carrie Anne Winter hoher Sopran, Bryn Vertesi lyrischer Sopran, Anne Byrne Mezzo, Guillermo Valdez Tenor, Till Bleckwedel Bariton, Campbell Vertesi Bass) eine Art zweistündiges Wunschkonzertprogramm mit durchwegs auch höheren Ansprüchen genügenden Vokalleistungen bieten. Zwei Fauteuils, ein Barhocker, ein Klavier und ein Prospekt eines Zuschauerraumes genügen als Dekoration.

Denn hier gilt es bei allem angekündigten und spontanen Klamauk der Kunst, der Musik, deren Fahnen hoch gehalten werden, die einen schützt und lachen macht, erhebt und von den Alltagssorgen befreit. Natürlich darf da – wie bei jedem Pawlatschentheater – bei hohen Noten hemmungslos geklatscht, mitgesungen oder sonst wie gejubelt werden. Oper ist ja auch die große Stierkampfarena der Emotionen, Musentempel und Schlachtplatz zugleich, wenngleich es The Cast eher auf eine Ironisierung der Klischees und eine launig-humorige Dramaturgie abgesehen hat.

Womit jedes Arenakonzert endet, nämlich mit dem „Brindisi“ aus „La Traviata“, hier beginnt mit diesem Gassenhauer aus der Feder Verdis die Show. Natürlich darf auch das „Sempre libera“ der Violetta nicht fehlen, von der Punk-Sopranistin Carrie Anne Winter dramatisch-keck in den Raum geschmettert. Der chilenische Tenor Guillermo Valdez stößt hier statt mit Champagner halt mit Weißbier an.

Nicht alles funktioniert gleich gut, das Terzett „Soave sia il vento“ aus Mozarts „Cosi van tutte“ leidet unter der allzu unruhigen Stimmführung von Sopran und Bariton und die „Verleumdungsarie“ des Basilio aus Rossinis „Il Barbiere die Sevilla“ wird eigenartigerweise vom Bariton statt, wie sich das gehört, vom Bass gesungen.

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Photo © Robert Douglass

Dafür ist es witzig, wenn beim „Lá ci darem la mano“ aus „Don Giovanni“ die Zerlina gleich von zwei Herren verführt wird, brachial an den Händen hin- und hergezerrt. Final entscheiden sich die beiden Schwerenöter beim letzten „Andiam“ mit Küsschen dafür, doch miteinander abzuhauen statt Zerline aufs Schloss zu bitten. Guillermo Valdez, ein sympathischer Ritter des hohen C, darf beim Rigoletto Herzog ein solches metallisch schmettern und beim „Nessun Dorma“ aus Puccinis „Turandot“ alle Herzen im Sturm erobern. Aus „Carmen“ gibt es die „Seguidilla“: Anne Byrne, die im zweiten Teil noch Rosinas tolles „Una voce poco fa“ anstimmte, überrascht mit der gesanglich vielleicht reifsten Leistung des Abends; was für ein großartiger Mezzo mit Kontraalttiefe! Alle drei Damen wetteifern nicht nur stimmlich mit sentimentalem Operettenschmalz bei „Meine Lippen küssen so heiß“ aus Lehars „Giuditta“. Ein todsicheres Erfolgsrezept à la „Die drei Tenöre“ auf Soprane umgemünzt.

Überhaupt gibt es nach der Pause jede Menge an Ensembles zu hören: den Gefangenenchor „Va pensiero“ aus Verdis „Nabucco“, das Quartett aus „Rigoletto“, den Operetten-Gassenhauer „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Lehars „Land des Lächelns“ als hollywoodreifes Männerterzett mit einer Schönen aus dem Publikum als lautstark Angebetete. Wunderschön singt Bryn Vertesi „Chi il bel sogno di Doretta“ der Magda aus Puccinis „La Rondine“. Ihr kanadischer Ehemann Campbell Vertesi darf bei der Broadway Nummer „Ol‘ man River“ aus „Showboat“ von Kern seine beeindruckende Tiefe auspacken.

Klar, dass es am Schluss nochmals schrille Comedie geben muss. Die „Escamillo-Arie“ aus Carmen wird kurzerhand zum schrägen Sextett umfunktioniert. Ebenso darf die ganze Opernband bei beiden Zugaben „O sole mio“ und „Lippen schweigen“ aus „Die lustige Witwe“ nochmals lauthals Stimme zeigen.

Ja es ist ein Wunschkonzert, bei dessen Programmierung offenbar kein Klischee ausgelassen wurde. Die Moderation durch die Künstler selbst ist ein Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch und wirkt manchmal etwas bemüht und gar nicht so locker „comme il fallait.“ Die schönsten Momente sind dann doch die, wo man merkt, mit welcher Liebe „The Cast“ ans Werk geht, wie die Augen bei manchen Stücken aufleuchten und es hie und da auch einmal ganz still im Publikum wird.

Fazit: Ein unterhaltsamer Abend für alle, die Show und Musik lieben. Aber auch Opernfreunde und Kenner kommen bei diesem Abend nicht zu kurz, wenn die hehre Kunst einmal entstaubt und aus dem Weihetempeln geholt, andere, urtümlichere Facetten aufblitzen lässt. Nicht zuletzt sind neue Stimmen und Musiker mit Herzblut zu entdecken, von denen der eine oder die andere es mit wesentlich arrivierteren Gesangsstars an großen Häusern spielerisch aufnehmen können. Hingehen und anschauen.

 „The Cast – Die Opernband“ steht in der Bar jeder Vernunft in Berlin noch am 30. und 31. August sowie am 2. und 3. September auf dem Programm.

TIPP: Auch in Wien wird die überaus sympathische Operntruppe auftreten und zwar als Special zur Eröffnung von Voice Mania Balcanto – Kurzauftritte auf Balkonen in der Wiener Innenstadt am 3.11.2017 und am Wiener Wallensteinplatz im Vindobona am 4.11.2017 „The Cast und Intermezzo“: Special zur Eröffnung von Voice Mania Kabarett Vindobona.

 Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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