Der Neue Merker

BERLIN/ Bar jeder Vernunft: OHNE DI‘ GEHT‘S HALT NET. Ursli & Toni Pfister laden zum Heurigen, „Alt Ottakring“ liegt jetzt in Berlin

BERLIN / OHNE DI‘ GEHT‘S HALT NET – Bar jeder Vernunft, 3.11.2017

Ursli & Toni Pfister laden zum Heurigen, „Alt Ottakring“ liegt jetzt in Berlin

„Oh du bezaubernde Wienerin! Herrlichster Schmuck unseres schönen Wien“  ausDie Perle der Frauenwelt“

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Copyright: Barbara Braun

Wer erinnert sich noch an das Ehepaar Hilde und Richard Czapek? Bei Heinz Conrads trat das Duo Czapek auf und auch sonst wussten die beiden unnachahmlich Wienerlieder zu singen (https://www.youtube.com/watch?v=QwKk_8M4l6c). Richard schrieb viele der Lieder, die jetzt in der Bar jeder Vernunft für ein ausverkauftes Haus sorgen, selbst: „A klaner Beserlpark“, „I hab halt a Faible für Ober St. Veit“, „Einmal im Monat, da pfeif i auf d‘Jazz“, „Vergesst‘s ma net aufs Weanerlied“ oder „Lass ma s‘Radl renna.“

Auslöser für das neue Erfolgsprogramm  der schon legendären Geschwister Pfister war eine LP bzw. deren Cover (wie gut, dass es alte Platten gibt!), die die beiden nach einem Lied der Czapeks im Radio bei eBay ersteigerten. Das österreichische Idealpaar schlechthin: Hilde im blauen Kleid und blonder Dauerwelle, Perlenkette und Perlenohrenclips, weißer Handtasche, Richard mit grau-kariertem Anzug, Vierkantbrille, roter Krawatte und passendem Stecktuch. Wunderbar, die 60-er feiern wieder Urständ in Berlin, und das mit einem großartigen Wienerliedprogramm, das nicht nur Wiener, sondern offenbar auch alle Berliner Herzen höher schlagen lässt. Wie schön, einmal in Berlin bei einem Glaserl Grüner Veltliner oder Gemischten Satz, die in der Bar jeder Vernunft auch tatsächlich serviert werden, zu Klassikern des Wienerliedes mitschunkeln zu können.

Die Szenerie ist simpel, aber stimmungsvoll: Ein Heurigentisch mit grünweiß kariertem Tischtuch, zwei Sessel, Laterne, zwei alte „Römer“ (traditionelles Weinglas mit dunkelgrün gedrechseltem Stil); dahinter eine gemalte Kulisse mit der Grinzinger Kirche, Kahlenberg und dem Schriftband „Gruß aus Grinzing“. Schon beim Eingang zur Bar jeder Vernunft „is Ausg‘steckt“ mit einer grünen „Buschn“ und der beleuchteten Laterne. Kaum einer der Gäste wird das verstehen. Macht nix, das Lokalkolorit ist gewahrt.

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Copyright: Barbara Braun

Das Jo Roloff Schrammelquintett (Johannes Roloff Akkoreon, Gary Schmalzl Gitarre, Jürgen Schäfer Bass & Tuba, Gisela und Wolf Bender Violine) sorgen für einen duftigen Heurigensound. Die einzige echte Wienerin auf der Bühne, Katja Brauneis als Heurigenwirtin, mit kunstvoll aufgestecktem Haar, schenkt nicht nur den „Brünnerstrassler“ nach, sondern sorgt auch gesanglich für einen gekonnten Einstieg ins Programm („Jessas Kinder, kost‘s den Wein“). Mit ihrer Version von „Mei Muatterl war a Weanerin“ schießt sie auch musikalisch den großen Vogel des Abends ab.

Und das will was heißen, denn die Schweizer Originale Ursli & Toni Pfister haben sich so richtig ins Zeug gelegt. Ihr „Wienerisch“ ist echt a Wahnsinn, vielleicht gerät der eine oder andere Konsonant zu hart und manchmal hätt‘s a bisserl mehr Schmalz sein dürfen, aber daran kann ja noch gearbeitet werden. Das Publikum inkl. des Rezensenten ist jedenfalls entzückt bei so viel Gemütlichkeit: „Zwei Sänger und a Schrammelquartett bleiben bestehen, solang‘ die Welt sich dreht“, gurren die zwei Turteltauben in der „Pawlatsch‘n“. „Das hat ka Goethe g‘schrieben, das hat ka Schiller dicht“, das ist a Weaner, der zu aner Weanerin spricht und klingt doch so voller Poesie. Ja, die große Sehnsucht der einfachen Leute ist es, die bezaubert und ihr weinseliges Lächeln alle Fährnisse des Lebens wegwischt. Da schwärmen die Langzeit-Verliebten „Mei ganzer Reichtum is a Busserl von mein Madl“ („I hab ka Ahnengalerie“). 

Nach der Pause ist Kostümwechsel, Ursli wird zu Richard und Toni zu Hilde. Wohl auch, weil Toni als ganz ausgezeichneter Jodler das Große Wiener Sterbe-Medley („Ja einmal im Leben, da kommt jeder dran, da gleicht sich alles aus“) und am Schluss noch einmal beim Lied „Aber Hausknecht, mei Peitsch‘n“ einen Jodler zu dritt anführt.

Bei fortschreitendem Abend tut auch im Publikum der „Kellergassler“ oder „Gumpoldskirchner“ seine Wirkung. Das Berliner Publikum ist da gefühlt durchaus angetan, der Aufforderung „Vergesst‘s ma net auf‘s Weanerlied“ Folge zu leisten. Wenn dann unsere fesche Wirtin noch „Das war für heut‘ das letzte Schluckerl“ anstimmt, neigt sich ein lupenreiner Wienerischer Abend in der Bar jeder Vernunft dem Ende zu. Manche werden da vielleicht an Heinz Schenk und Lia Wöhr aus dem „Blauen Bock“, dem deutschen Pendant zu unseren Czapeks denken, andere vielleicht schon Reisepläne nach Wien geschmiedet haben. Wie auch immer, die Bar jeder Vernunft hat einen Riesenhit gelandet und die Pfisters wieder einmal bewiesen, dass sie nicht nur Musical, Operette und Schlager drauf haben, sondern auch im Wiener-Lied ein neues musikalisches Zuhause gefunden haben.

Dr. Ingobert Waltenberger

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