Der Neue Merker

BERLIN Staatsoper Die „Reifeprüfung“ mit den Wiener Phiharmonikern

Vor dem Finale © Gordon Welters

Vor dem Finale
© Gordon Welters


Berlin/Staatsoper
Die „Reifeprüfung“ mit den Wiener Philharmonikern, am 07.10.2017

Zum „Präludium“ der nach 7jähriger Sanierung wieder eröffneten Staatsoper Unter den Linden sind auch die Wiener Philharmoniker unter Leitung von Zubin Mehta angereist und spielen ein großartiges Konzert. Es wird der krönende Abschluss dieser kurzen, vorläufigen Eröffnungsphase und ein weiterer Hörtest in dem akustisch deutlich „gelifteten“ Großen Saal.

Um die Nachhallzeit von 1,1 auf 1,6  Sekunden zu steigern, wurde die Decke um rd. 5 Meter angehoben und eine Nachhallgalerie eingebaut, die sich hinter dem Netzwerk neben der Decke verbirgt. Selbst bei den neuen Sesseln und der Wandbespannung hat man darauf geachtet, dass sie den Schall so wenig wie möglich absorbieren.

Quasi mit „Lieben Sie Brahms“ (dem berühmten Film von 1961 mit Ingrid Bergmann) beginnen die Wiener ihr Konzert im ausverkauften Saal. Sie spielen Brahms „Tragische Ouvertüre d-Moll“, Op. 81. Anders als bei der festlichen Premiere am 3. Oktober – mit einer Schumann-Faust-Collage auf der Bühne – haben sie diese nun für sich. Das freut nicht nur die Zuhörerinnen und Zuhörer, sondern auch diese weltweit gastierenden Profis: „Es ist schön, das Publikum zu sehen und gemeinsam mit ihm die Musik zu erleben,“ sagt in der Pause Daniel Froschauer, Vorstand der Wiener Philharmoniker. Mit „super“ und „sehr gut“ lobt er den Saalklang.

Die Menschen im Parkett und in den drei Rängen spitzen die Ohren. Sehr klar und hell klingt das anfängliche Allegro. Der Saalklang erinnert mich an die Elbphilharmonie. Echt kraftvoll und dennoch transparent äußern sich die Geigen. Deutlich stärker setzen sich die Blechbläser durch, manchmal zu stark in diesem hellhörig gewordenen Saal.

Beim Andante wird’s erwartungsgemäß weicher, anschließend in Mehtas Dirigat etwas marschmäßig. Mit reduzierten Gesten leitet der 81Jährige, stets aufrecht, das Geschehen. Man kennt sich gut, die Wiener Philharmoniker folgen jedem Fingerzeig. Dennoch scheint der neue Staatsopernsaal Herrn Brahms (noch) nicht vollends zu lieben.

Das zweite Stück, die „Sinfonia Concertante B-Dur”, Hob. I:105 von Joseph Haydn, liebt er, so wie es die Wiener spielen, sofort. Diese kleine Sinfonie mit eingebautem Quartett schleicht sich anfangs leise und insgesamt sehr charmant in die Ohren, und die kleinere Orchesterbesetzung passt perfekt in diesen Saal. Der 2. Satz, das Andante, das ganz ohne Pauken und Trompeten auskommt, gefällt in diesem akustisch aufgerüsteten Rund besonders.      

Konzertmeister Rainer Honeck bietet noblen Geigenton. Neben ihm, sehr engagiert, der Cellist Robert Nagy und der facettenreich gestaltende Oboist Martin Gabriel. Eine junge Schönheit – Sophie Dartigalongue – bläst gefühlvoll das Fagott. Das letzte Allegro con spiritu sprüht tatsächlich geistreiche Funken, und das Publikum klatscht begeistert. „Der Haydn passt sehr gut in diesen schönen Saal,“ freut sich im nachhinein auch Daniel Froschauer.

Zum Clou wird schließlich Béla Bartóks „Konzert für Orchester“, ein Auftragswerk komponiert 1943 im amerikanischen Exil zwei Jahre vor seinem Tod. Darin zeigt sich Bartók als altersklug und als einer, der nicht mehr beweisen muss, dass er zur Avantgarde gehört(e).

Zubin Mehta geht jetzt voll aus sich heraus, das Orchester – nun mit Rainer Honneck als Konzertmeister – spielt wie entfesselt. Gemeinsam präsentieren sie die ganze Bandbreite an Raffinessen, die in dieser Partitur stecken. Verständlicherweise gehört dieses vielfarbige Stück zu den beliebtesten Bartók-Werken.

Das passt auch bestens in den akustisch aufgerüsteten Staatsopernsaal. Jedenfalls dann, wenn es so gespielt wird wie von den Wiener Philharmonikern. Es avanciert zum Höhepunkt des Abends und gleichzeitig zur „Reifeprüfung“ für die neue Akustik, die nicht alles liebt, sehr wohl aber dieses sachkundig und raffiniert gespielte Bartók-Konzert.   

Großer anhaltender Jubel, und die Zugabe lässt nicht lange auf sich warten: natürlich der „Donauwalzer“. Jetzt sind die Wiener Philharmoniker voll in ihrem Element, und auch Mehta, der Inder zwischen den Musikwelten, scheint einiges vom Wiener Blut in seinen Adern zu haben. Gemeinsam bringen er und die Wiener, die sich beim finalen Presto so richtig ins Zeug legen, die Berliner Staatsoper ins Swingen.   

Zubin Metha, der international tätige Stardirigent, ist in Berlin öfter zu Gast. Möge er zusammen mit den Wiener Philharmonikern bald wiederkommen. Dann, wenn die Staatsoper Unter den Linden endgültig fertig ist. Jetzt macht sie zwei Monate Pause, müssen doch noch zahlreiche Arbeiten erledigt werden. Draußen dreht sich weiter der Kran. Der reguläre Spielbetriebs startet am 7. Dezember ganz vorweihnachtlich mit der Märchenoper „Hänsel und Gretel“.  
Ursula Wiegand

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