Der Neue Merker

BERGAMO/ Donizetti-Festival 2017: CHE ORIGINALI! (Johan Simon Mayr) / PIGMALIONE (G. Donizetti) / IL BORGOMASTRO DI SARDAAM (G. Donizetti)

borgomastro-di-saardam-2017-Gianfranco-Rota-3
„Il borgomastro di Sardaam“ Copyright: Gianfranco Rota)

Donizetti Festival Bergamo 2017

 Bergamo: CHE ORIGINALI! (Johann Simon Mayr)

Besuche Aufführung vom 1.12.2017 im Teatro Sociale Bergamo

Die Inhaltsangabe verspricht bedeutend mehr, als eine Aufführung halten kann. Obwohl Mayr eine mehr als nur gefällige Musik geschrieben hatte, vermögen Text und Handlung ein heutiges Publikum nicht mehr wirklich zu fesseln. Im Gegenteil, grosse Teile der Besucher waren sich in der Pause einig darüber, dass eine massive Kürzung, im Idealfall eine solche von etwa 45 Minuten (!), der Aufführung zu mehr Erfolg verholfen hätte.

Dem Regisseur Roberto Catalano gelang es nicht, mit seiner Idee von Komik zu überzeugen und so blieb denn auch jeglicher Anklang an Unterhaltungstheater bereits im Anfang stecken. Ein paar klamaukige Szenen machten die Leere auch nicht wett.

Es ist unter diesen ungünstigen Vorzeichen müssig, noch gross auf die Darsteller einzugehen. Sie konnten in dieser langweiligen Inszenierung gar nicht richtig motiviert werden, zumal auch aus dem Orchestergraben (Dirigent: Gianluca Capuano) zwar sauberes Spiel, kaum aber „witzige“ Interpretation vernehmbar war. Wie bei allen Aufführungen des Donizetti-Festivals spielte das Orchester der Accademia della Scala di Milano. – Erwähnenswert ist unter diesen Umständen die Leistung von Bruno de Simone als Don Febeo.

 

Bergamo: PIGMALIONE (Donizetti)

Besuchte Aufführung vom 1.12.2017 im Teatro Sociale Bergamo

Hatte man sich vor dem Beginn der Vorstellung noch darüber gewundert, wieso das kurze Werk erst nach der Pause zur Aufführung gelangte, so war man am Ende der Doppelvorstellung froh über diese Anordnung. Eine „Pigmalione“-Aufführung provoziert ganz automatisch den Vergleich mit Franz von Suppés Meisterwerk „Die schöne Galathée“ und riskiert damit, mangels verschiedener Handlungselemente etwas abzufallen. Diese Gefahr bestand hier absolut nicht!

Auf den Punkt gebracht: „Pigmalione“ ist eigentlich ein fast 45 Minuten langer Monolog und lebt von den sängerischen und darstellerischen Qualitäten des Tenors.

Die wenigen Sätzchen, die Galatea am Schluss dieses monströsen Solopartes noch beisteuern darf, tragen weder zur Handlung noch zur sängerischen Bereicherung bei.

So darf denn dem Pigmalione-Darsteller Antonino Siragusa zu seiner hervorragenden Leistung nicht nur gratuliert, sondern dafür auch gedankt werden. Die Gratulation bezieht sich in diesem Fall auf die Arbeitsleistung, die mit der Einstudierung dieser Partie verbunden ist, auf die physische Leistung, die selbst die für einen „Tristan“ weit hinter sich lässt und auf den idealistischen Einsatz, denn wer nimmt schon solche Strapazen für ein Werk auf sich, das er womöglich nur in den vier Vorstellungen in Bergamo „brauchen“ kann !?!

Siragusa hat sich den Dank der Donizetti-Gemeinde dafür verdient, dass er ein vernachlässigtes Werk buchstäblich neu belebte und das unter inszenatorischen Bedingungen, die in ihrer Einfallslosigkeit absolut nichts zum Erfolg der Aufführung beitrugen (Regie: Roberto Catalano).

Eine attraktive Galatea (Aya Wakizono) liess Pigmalions Sehnsüchte verständlich werden und wirkte optisch verführerisch. Gesanglich ist sie ansprechend. Das Dirigat von Gianluca Capuana wirkte bedeutend entschlossener als im vorhergegangenen Werk.

 

Bergamo : Il borgomastro di Sardaam (Donizetti)

Besuchte Aufführung vom 2. 12.2017 im Teatro Sociale Bergamo

Wer Donizettis 1827 uraufgeführten „Borgomastro“ mit Lortzings 10 Jahre später entstandenem „Zar & Zimmermann“ einem Grobvergleich unterzieht, kommt um die Unterscheidung zwischen italienischer „Buffa“ und deutscher „Komischer“ kaum herum. Dabei liegen die Unterschiede bei der über weite Strecken gleichen Handlung hauptsächlich in der Gewichtung einiger Rollen ( z.B. Ali Mahmet / Châteauneuf) oder –natürlich- der anders gehandhabten Charakterisierung des Bürgermeisters van Bett, resp. Wambett: Kommt es bei Donizetti zu einer längeren, herrlichen Buffoszene mit vergleichsweise geringer Chor-“Begleitung“ im ersten Akt, so stellt Lortzing das Universalgenie van Bett in zwei Szenen vor, wobei die zweite, die „Chorprobe“, als einmaliger Geniestreich zu werten ist.

Regisseur Davide Ferrario hat das Stück schön „dem Text entlang“ inszeniert, auf billige Effekte verzichtet und Solisten und Chor offensichtlich zu grosser Spielfreudigkeit angeregt. Er verdient damit Lob und Dank.

Mit Chor und Solisten war offenbar fleissig und gut geprobt worden, denn trotz weniger Einsatzzeichen hielt Dirigent Roberto Rizzi Brignoli das Ganze fest zusammen und liess in angemessenen Tempi singen und musizieren. An dieser Stelle soll auch die fantastische Akustik des Teatro Sociale gelobt werden, die in jedem Falle ein wunderbar „durchsichtiges“ Klangbild ergibt und Beerdigungen von Sängerstimmen unter Klangmassen wahrscheinlich gar nicht zulässt.

borgomastro-di-saardam-2017-Gianfranco-Rota-4-240x300
„Il borgomastro di Sardaam“ . Andrea Concetti (Wambett). Copyright: Gianfranco Rota)

Von den acht Gesangssolisten gab es ausgezeichnete und auch weniger grossartige Leistungen zu hören. Mit viel Verstand meisterte Andrea Concetti die Partie des Wambett, die grösstenteils dem Schema italienischer Bass-Buffo-Rollen folgt und die Beherrschung des Parlando erfordert. Diese Forderung wurde eingelöst! Concetti verfügt nicht über eine grosszügig fliessende Stimme, versteht es jedoch sehr gut, Spiel und Gesang zu koordinieren und Pointen zu setzen – sowohl musikalische, wie auch textliche.

Als seine „Gegenspieler“ blieben Giorgio Caoduro (Zar) und Juan Francisco Gatell (Pietro Flimann) dem Herrn Bürgermeister nichts schuldig. Sie spielten engagiert und sangen mit frischer Kehle – wie es sich für zwei abenteuerlustige junge Männer eben gehört, die auch noch gut geschulte Stimmen ihr Eigen nennen dürfen.

Aya Wakizono machte als Carlotta, Bürgermeisters Töchterlein, ausgezeichnete Figur und die Partien von Lefort (Pietro DiBianco), Ali Mahmet (Pasquale Scircoli) sowie des Uffiziale (Alessandro Ravasio) waren bei den drei Herren sehr gut aufgehoben. Eher problematisch steht es um die Gesangskunst von Irina Dubrovskaya (Marietta), die zwar einige Spitzentöne vorweisen kann, von der Mittellage an abwärts jedoch seltsam schal klingt und gut beraten wäre, wenn sie sich nach einem italienischen Gesangslehrer umsähe.

Eine Zusammenfassung ist schnell formuliert: Alles in allem ein erfreulicher Opernabend mit ebenso erfreulicher musikalischer Ausführung und einem Werk, das viel öfter gespielt werden dürfte. Mit dem diesjährigen Programm hat die Fondazione Donizetti die richtigen Schritte hin zu einer wirklichen Pflege von Donizettis Schaffen unternommen und verdient unsern Dank für diese Anstrengungen. Wir wollen gerne die Verantwortlichen aufmuntern, bei dieser Richtung zu bleiben!

Rico K. Oberleitner

 

 

 

Diese Seite drucken