Der Neue Merker

BAYREUTH/Festspiele: SIEGFRIED (zweiter Ring-Durchlauf). Kalaschnikow und Krokodil

BAYREUTH: Siegfried (11.08.2017) – Kalaschnikow und Krokodil

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Stefan Vinke, Andreas Conrad. Copyright: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

Das Geheimnis dieses Rings: er ist gar keiner! Da kann der Besetzungszettel noch so penetrant Abend für Abend verkünden, es handle sich um „ein Bühnenfestspiel“ (in Form einer Tetralogie), da kann Frank Castorf wieder und wieder auf seine vorgeblich umklammernde Metapher vom „Öl als Gold unserer Tage“ verweisen (wobei im Gegensatz zu den ersten beiden Tagen diesmal ausser einem nostalgischen „Minol“-Schild eh keinerlei Bezug dazu mehr sichtbar wird … oder … vielleicht gar… man wagt kaum den Gedanken, aber… googeln Sie mal unter „Krokodil-Öl“ – Sie werden staunen!!), da kann der verzweifelte Zuschauer noch so sehr nach szenischen, handlungsimmanenten oder geistigen Bindegliedern jenseits von Mülltonne und Wohnmobil suchen – es gibt sie einfach nicht. Was Walhalls Welt im Innersten zusammenhält, ist die allen vier Teilen gemeinsame Eintrittskarte. Mehr nicht. Hat man sich aber einmal resignierend damit abgefunden (und der Rezensent hat, spätestens nach dieser Vorstellung), dann steht einem zumindest vergnüglichen Abend eigentlich nichts mehr im Wege.

Doch alles der Reihe nach: Nach turbulentem „Rheingold“ an der Tanke und eher mau geratener „Walküre“ im Ölbohrschuppen nun also „Siegfried“, bekanntlich abwechselnd vor dem Mount Rushmore und auf dem Berliner Alexanderplatz spielend, wobei letzterem die beiden Anfangsbuchstaben und ersterem die original-präsidentialen Antlitze abhanden gekommen sind (man war aber schon froh, dass man in der Werkstatt Bayreuth die jüngsten diesbezüglichen Anregungen des „King of Twitter“ aus dem Weissen Haus übergangen und die kritisch bis süffisant blickenden Büsten von Marx & Co. nicht in letzter Minute noch um „the Donald“ ergänzt hatte, obwohl das natürlich eine einmalige Gelegenheit für zusätzliche Schlagzeilen gewesen wäre). Mime hat aus dem Tankstellen-Inventar einen Wohnwagen samt zweier Liegestühle abgestaubt und sich damit beruflich selbständig gemacht, offenbar aber mit eher durchwachsenem Erfolg. Daneben scheint er auch seine intellektuelle Seite entdeckt zu haben, wovon ganze Stapel herumliegender Bücher zeugen, die sich im weiteren Verlauf aber weniger zum Lesen, sondern eher zu ständigem Herumschmeissen und -räumen herhalten müssen – übrigens eine der Lieblingsbeschäftigungen der wie ein irrlichternder Derwisch herumwuselnden, leicht verhaltensauffälligen Gestalt, die Siegfried anstelle des eigentlich vorgesehenen Bären angeschleppt hat (Patric Seibert hatte es wirklich verdient, am Schluss mit vor den Vorhang geholt zu werden – er wird vermutlich nach Kilometergeld bezahlt…). Ihm gelingt obendrein das zirkusreife Kunststück, mit viel Schwung einen sich im Flug öffnenden Regenschirm – erraten: so sehen Schwerter heute aus! – dergestalt über seinen Kopf zu werfen, dass er in luftigen vier Metern Höhe mit dem Griff wie von selbst an einem sicher nicht dafür gedachten Geländer einhakt („Hole in one“ würde der Golfer sagen, vergleichbar wohl nur mit Rolando Villazons legendären Jongleursauftritten als Nemorino; Applaus auf offener Szene lag in der Luft). Nachdem Mime und der Wanderer dann von Mann zu Mann unter dem wieder herabgeholten Regenschirm diverse karrieretechnische Ratschläge ausgetauscht haben, bastelt sich Siegfried doch noch ein anständiges Schwert und sicherheitshalber noch eine Kalaschnikow dazu (oder umgekehrt, da sich Nothung im weiteren Verlauf sowieso als entbehrlich erweist – selbst Wotans Speer zerschellt später nicht am Schwert, sondern wird von Siegfried übers Knie gebrochen), bevor er mit Mime zum Drachenkampf losmarschiert –

Ende erster Aufzug: Na bitte!

Der leichte Regenguss am Würstelstand kann den Pausengast nicht weiter beeindrucken; weiter geht’s und gut gelaunt verfolgt man, wie nach einer Nacht im düst’ren Walde die beiden wieder nach Hause kommen, nachdem kurz vorher Alberich und Wotan gemeinsam den zu einem langhaarigen Sandler verkommenen Fafner, von einer leichtbekleideten Damenschar umgeben, in der Berliner U-Bahn aufgescheucht haben. Es bleibt kurzweilig, spätestens als der Waldvogel, als brasilianische Sambatänzerin getarnt, auftaucht und den Unter den Linden – pardon: unter der Linde (in diesem Fall: eine ordinäre Strassenlaterne am Alex) angekommenen Helden so sehr von der eigentlich vorgesehenen Mission ablenkt, dass er nicht nur spektakulär an der experimentellen Produktion innovativer Kakophonieprodukte aus weggeworfenen Recyclingflaschen scheitert (seltsam oder vielleicht gerade bezeichnend, dass ausgerechnet diese vom Komponisten selbst explizit als Comedynummer angelegte Episode humortechnisch kaum reüssieren kann), sondern sogar leichte Schwierigkeiten hat, seinen obligatorischen Hornruf wie notiert zu Ende zu bringen. Das ist aber auch gar nicht nötig, Fafner taucht auch so wieder auf und fällt – die Eingeweihten halten sich proaktiv schon einmal die Ohren zu, denn trotz öffentlich angeschlagenen Hinweises der Festspielleitung, Schallmessungen hätten ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit erwiesen, ist die nachfolgende Maschinengewehrsalve ebenso ohrenbetäubend laut wie unnötig – Siegfrieds flinkem Finger am Abzug zum Opfer. Mime dagegen wird auf traditionellere Art und Weise per dreifachen Dolchstiches entsorgt, bevor der Waldvogel richtig zur Sache kommt und Siegfried vorzeitig entjungfert – man wird später noch sehen, welche Folgen dieses erste Mal hat.

Ende zweiter Aufzug: Na bumm!

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Die Krokodile. Copyright: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

Jetzt folgt Slapstick pur: Wotans Weckruf an Erda, die aber eigentlich schon putzmunter ist, macht hungrig und wird durch einen übergrossen Topf Spaghetti kompensiert, den der traurige Gott mit an Loriot gemahnender Zutzeltechnik verputzt (all dies auf einer Großleinwand bis ins letzte Detail zu verfolgen), während Erda über Männertaten schwadroniert, die ihr … – aber lassen wir das. Zurück auf dem Berg dann noch die finale Diskussion mit Siegfried, jetzt helfen alle Nudelreserven nichts, vorbei ist’s mit den ewigen Göttern (halt: falsches Stück…) und Siegfrieds Weg nach Berlin frei. Dort schält sich – für selige Öde bleibt kaum Zeit – Brünnhilde aus einem gigantischen Müllsack und stimmt das hohe Lied der Gattenliebe an, während der Waldvogel mit der inzwischen schon in den Kultstatus erhobenen, alljährlich um einen Neuzugang anwachsenden Krokodilschar schäkert. Die verstehen aber keinen Spass, und obwohl das Protagonistenpaar gerade bei einem gemeinsamen Bierchen ein letztes spektakuläres hohes C abgefeuert hat und sich eigentlich erschöpft-glücklich in den Armen liegen sollte, während das Orchester sich rauschhaft-orgiastisch dem finalen Fortissimo nähert, ist Siegfrieds langer Arbeitstag immer noch nicht zu Ende: in den letzten paar Sekunden vor dem Fallen des Vorhangs muss er noch schnell den Waldvogel aus dem Krokodilmaul (und das Krokodil vor drohender Refluxösophagitis) retten, alte Liebe rostet auch bei Castorf nicht, und nur Brünnhildes energischem Dazwischenfahren ist zu verdanken, dass er nicht kurzerhand mit dem Turteltäubchen durchbrennt und uns so die ganze Götterdämmerung ersparen würde. So aber weiss das Publikum im ersten Moment nicht, ob es lachen, weinen oder klatschen soll, und entscheidet sich nach einer schier unendlich dauernden Schrecksekunde doch für Letzteres.

Na bravo!

Völlig losgelöst davon: Marek Janowski im Orchestergraben, der eine musikalische Sternstunde zuwege bringt. Ich muss gestehen, ich hätte nie gedacht, dass man den auf den ersten Blick doch eher unspektakulär anmutenden Vorspielen zum ersten und zweiten Akt dermassen viele Farben entlocken könnte wie diesmal geschehen: vom ersten Moment des fast unhörbar die Szenerie grundierenden Paukenwirbels an so gut wie jeder einzelne Ton mit einem speziellen Akzent, einem überraschenden Crescendo versehen, oder ins Nirwana verklingend. Ebenso dann vor der Neidhöhle: diesmal Tremolo der tiefen Streicher, eher als beständige Unruhe denn Klang wahrnehmbar, darüber die langen Kantilenen der Kontrabasstuba (wie wahnsinnig schwierig das ist, vor allem wenn man – was ja immer einmal passieren kann – als Spieler nicht seinen allerallerbesten Tag erwischt, haben wir ja erst vor kurzem in Wien gesehen), und das alles genauestens gegeneinander ausbalanciert: Stimmung pur. Und genauso filigran geht es weiter, mit Lust am rhythmischen Detail und Freude an dynamischer Vielfalt, immer das Zusammen mit der Bühne im Auge: einfach grossartig. Packend dann das Vorspiel zur Erda-Szene, etwas rascher als üblich genommen und dadurch nochmals mit einer Extraportion Energie versehen einer der absoluten musikalischen Höhepunkte. Zu Erdas Erscheinen dann zutiefst mystische Klänge, geheimnisvollem Orgelspiel in einer unendlich weiten Kathedrale gleichend. Innigste Lyrik zur Einleitung von Brünnhildes Ewig war ich, und so weiter und immer weiter auf diesem Niveau, bis zum jubelnden Schluss: Danke, Maestro.

Mit Stefan Vinke als Siegfried betrat ein weiterer zentraler Protagonist die ihm schon aus den letzten beiden Jahren vertraute Bühne. Zu Beginn etwas verhaltener als sonst, schien er sich die Kräfte vorsichtig einteilen zu wollen, was anfangs in der oberen Mittellage dazu führte, dass nicht alle Töne vom ersten Moment an in den Resonator hinein plaziert waren, sondern hin und wieder kleinerer Nachjustierung bedurften. Das legte sich aber spätestens zu Beginn der Schmiedelieder, und von da an, und insbesondere im dritten Akt, der vom Tenor ja wahrlich Unmögliches verlangt, war er vollkommen in seinem Element. Vielleicht ist sein Instrument nicht das farbenreichste, aber mit dermaßen Kraft und Durchhaltevermögen ausgestattet, dass es eine Freude war, ihm zuzuhören. Und diese Freude schien er selbst ebenso zu empfinden: der Blick, den er vor dem allerletzten Leuchtende Liebe, lachender Tod mit seiner Kollegin wechselte, leuchtete und lachte bis in die letzte Reihe der Galerie, gerade als ob beide jetzt am liebsten nochmal von vorne anfangen würden.

Catherine Foster
, seine Brünnhilde, war ihm kongeniale Partnerin. Ihr Erwachen mit großformatig leuchtenden Tönen (und leichtem Vibrato, das aber sofort verschwand) verkündend, setzte sie im Folgenden die ganze breite Palette der ihr zur Verfügung stehenden Farben ein, um die allmähliche Öffnung Brünnhildes vom scheuen Amazonenwesen zur selbstbewussten Gefährtin und hingebungsvollen Geliebten glaubhaft und erlebbar zu machen. Dabei muss sie ihre Rolle nicht einmal mehr spielen – sie ist Brünnhilde, und als solche ein Ereignis. Dass ihr das erste C (bei O Siegfried! Leuchtender Spross) noch etwas zu tief geriet, war schon fast der einzige Abstrich, den man machen musste, und sofort vergessen. Eine grosse Leistung.

Leider konnte Andreas Conrad als Mime seine Form aus dem Rheingold nicht ganz halten. Zu Beginn outrierend und bei der Erwähnung von Fafner, dem wilden Wurm mit bewusst hohlstimmiger Tiefe noch schaudern machend, blieb er im folgenden zwar markant, hatte aber immer wieder mit kleinen stimmlichen Unsicherheiten zu kämpfen. Die Art und Weise, mit der er allerdings die ganze Zeit die Gerüste hoch- und heruntersprintete, nötigt einem doch grosse Bewunderung ab, und wie er dann am Schluss, noch als gerade Verblichener von Siegfried bespuckt und mit Plastikmüll überschüttet auf seinem armseligen Stühlchen saß, konnte er einem selbst im Tode noch einmal richtig leidtun.

Thomas J. Mayer war im Bund der Wotane dieses Festspielsommers der dritte (und letzte). Schon im Wiener Ring vor einigen Monaten war der Wanderer seine beste Rolle, und diesmal gefiel er sogar noch mehr. In Tiefe wie Höhe von ausgewogener Stimmkraft und -schönheit, stellte er sich in der Wissenswette noch etwas zurückhaltend vor, lieferte sich aber dann zu Beginn des zweiten Aufzugs ein beherztes Gefecht mit Alberich, und lief schliesslich in der Begegnung mit Erda zu grosser Form auf. Das war auch bitter nötig, drehte doch Nadine Weissmann als Erda wieder groß auf. Selbst als total herabgekommene Edelnutte versprüht sie, wie schon im Rheingold, unwiderstehlichen Glamour, gepaart mit einer ausdrucksstarken Stimme. Dass sie am Ende aus Frust ihrem Ex ein Glas Rotwein ins Gesicht schüttet und von ihm dafür mit der Rechnung für den gemeinsamen Pizzeriabesuch sitzen gelassen wird, beendet würdig ein Kabarettstück der Sonderklasse.

Deutlich seriöser ging es bei den verbliebenen tiefen Partien zu. Albert Dohmen war prächtig bei Stimme, sein Alberich war voll der Wut auf den Erzrivalen und zugleich immer noch listig darauf bedacht, sich vielleicht doch noch irgendwie den einen kriegsentscheidenden Vorteil zu verschaffen. Dagegen liess sich der Fafner von Karl-Heinz Lehner nur schwer aus der Reserve locken und blieb auch als Wilder im Sterben trotz tadelloser vokaler Leistung insgesamt ein wenig blass.

Ana Durlovski als Waldvogel schliesslich gleichermassen interessant wie problematisch: Von Natur aus mit seltenem dunklen Timbre begabt, strahlte ihr Koloratursopran weniger zwitschernd als vielmehr irgendwie bedrohlich. Hinzu kam ein leichtes, aber beständiges Tremolo, das allerdings auf aparte Weise wiederum genau zur Rolle passte. Insofern hinterliess sie ein etwas gemischtes Bild – so habe ich jedenfalls diese Partie noch nie gehört, und ihre Darstellung wird sicher nicht nur wegen des genialen Federkostüms als etwas ganz Spezielles in Erinnerung bleiben.

Aut prodesse volunt aut delectare poetae – nützen wollen uns die Dichter oder aber unterhalten, so sangen es die Alten, und Castorf, wiewohl oder gerade eben weil kein Dichter, hat sich in diesem vermeintlichen Dilemma fürs Unterhalten entschieden. Dass der Vers des Horaz noch weitergeht, ist den meisten leider in Vergessenheit geraten: …aut simul et iucunda et idonea dicere vitae – …oder uns zugleich Erfreuliches und Nützliches auf den Lebensweg mitgeben.

Na denn!

Peter Reichl

 

 

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