Der Neue Merker

BAYREUTH/ Festspiele: GÖTTERDÄMMERUNG – nie mehr Paste und Elaste. Zweiter Ring-Durchlauf – das Finale

Bayreuth: Götterdämmerung (13.08.2017) – Nie mehr Plaste und Elaste

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Copyright: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

Schkopau, so lernen wir bei Wikipedia, ist eine Gemeinde in Sachsen-Anhalt mit 10.935 Einwohnern, sie liegt in einer Höhe von 98 Metern über Normalnull an der von den Flüssen Saale, Weisse Elster und Luppe gebildeten Auelandschaft, über welche die längste Eisenbahnbrücke Europas führt, wurde urkundlich erstmals im Jahre 1177 erwähnt und besitzt seit 2010 kein Wappen mehr, dafür aber eine Postleitzahl sowie fünf Telefonvorwahlen und vier verschiedene Kfz-Kennzeichen. Es gibt dort nicht nur eine Richard-Wagner-Strasse, sondern gleich daneben auch noch einen Richard-Wagner-Weg, darüber hinaus aber dürfte dieses sicherlich wunderschöne Städtchen spätestens seit 2013 der weltweiten Fangemeinde des Meisters vor allem durch seinen penetranten Auftritt im Finale des aktuellen Bayreuther Rings ein Begriff sein. Plaste und Elaste aus Schkopau, so steht da wieder und wieder in mannshohen knallrotgoldenen Reklamelettern grellgleissend vor dem grauschwarzen Hintergrund einer herabgekommenen Hochhausmauer zu lesen. Beim ersten Anblick – als optische Untermalung von Siegfrieds Rheinfahrt – noch leichtfertig mit einem Schmunzeln bedacht, wird der davon hinterlassene Eindruck mit jedem erneuten Einsatz der Drehbühne immer weniger zitierfähig, bis einen gegen Ende zu das blanke Grauen überfällt, dieser Werbespruch längst vergangener ostdeutscher Herrlichkeit könne und werde einen noch in künftige Träume hinein verfolgen. Da kommt es beruhigenderweise gerade recht, dass – wie uns ein Blick auf den Stadtplan Ost-Berlins, bekanntlich Herrn Castorfs Heimat, lehrt – dort der Schkopauer Ring in unmittelbarer Nachbarschaft der Schadstoffsammelstelle Marzahn liegt…

Aber wie immer der Reihe nach: Alles was ist, endet – die initiale Warnung der weihlich weisesten Wala hatte sich im Lauf der letzten Tage für so manchen Ringbesucher wahlweise zum finalen Hoffnungsschimmer und/oder zur ultimativen Durchhalteparole entwickelt und sollte also nunmehr mit der „Götterdämmerung“ tatsächlich Realität werden. Was freilich den Göttern da so genau dämmere, blieb – wie zu erwarten – eine weitgehend ungestellte und jedenfalls umfassend unbeantwortete Frage, dem Publikum aber dämmerte immerhin langsam anderes: Dieser Ring der anarchistischen Auf und Abs, der mit einem so quirligen Rheingold begonnen hatte, um sodann die gepflegte Langeweile der Walküre mit Siegfried-Slapstick beinahe vergessen zu machen, ist, aller noch so wohlwollender Deutungssuche zum Trotz, in letzter Konsequenz doch nur eines – einfach banal.

Daran konnte diesmal auch das von Aleksandar Denic wie immer virtuos durchdachte Bühnenbild nichts ändern, der sich – als Castor(f)’s Pollux quasi – für manch einen zum eigentlichen Star dieser Tage gemausert hat und diesmal in kühnem Wurf die Berliner Mauer, die New Yorker Börse und einen unstrukturierten Vetter der Potemkinschen Treppe aus Odessa mit der Tristesse Ostberliner Hinterhöfe und Pomm-Döner-Buden vereinte (echt schade übrigens, dass Frank Castorf von der wirklich innovativen Idee einer Live-Kebabzubereitung auf offener Bühne letztlich doch abgekommen ist). Inmitten all dessen findet noch eine kleine, von Grablichtern dürftig erhellte Voodoo-Kapelle Platz, in der die drei Nornen schwarz-rot-gold gewandet einem aus dem „Fledermaus“-Finalakt hinreichend bekanntem Kult huldigen, dessen Hauptritus darin besteht, Flüssiges in prustender Form wieder von sich zu geben (später zeigt sich übrigens, dass auch Hagen und Gunther sich dieser Form der Verehrung des Numen bedienen, während beispielsweise Wellgunde das irgendwie noch nicht ganz verinnerlicht hat und stattdessen kistenweise Dosenbier zischen lässt). Nach der Waldvogel-Episode ist auch zwischen Brünnhilde und Siegfried noch der Wurm drin, so dass letzterer sich im Hinblick auf die vor liegenden neuen Taten erst einmal zum Mittagsschlaf auf die hölzerne Bierbank zurückzieht und von Plaste und Elaste träumt – what else? Hagen beantwortet Gunthers mit Verweis auf den Dönertresen gestellte Frage Sitz ich herrlich am Rhein? um ein Haar spontan mit öhm, nee, nicht wirklich, besinnt sich dann aber doch noch anders, und so nimmt das Drama seinen Lauf. Dosenbier – so lernen wir – eignet sich neben kultischer Ersatzhandlung auch hervorragend zu Anästhesie- und Desinfektionszwecken im Gefolge sanguinaler Fraternisierungsterzen, während tiefhängende und dadurch besonders blendungsintensive Glühbirnen ein durchaus probates Wurfgeschoss darstellen, um zunehmend lästig werdende Walkürenschwestern ein für allemal aus dem hauseigenen Strandkorb zu verscheuchen. Immerhin nimmt die Angelegenheit von da an Fahrt auf, und der abschliessende Ring-Kampf zwischen dem mittels Sonnenbrille umfassend getarnten teuren Helden und seiner vormaligen Wunderfrau gerät sogar ausgesprochen realistisch und hinterlässt tiefe Dellen in Seele und Wohnwagen –  was die Haftpflichtversicherung dazu sagt, erfahren wir nicht mehr, denn der Vorhang fällt.

Als er wieder hochgeht, werden wir Zeugen von Hagens ersten Gehversuchen als Voodoo-Priester, während Alberich auf dem Weg zu einer in 15 Metern Höhe mit gepacktem Koffer (womit endlich, endlich auch noch das ultimativste aller Regietheaterklischees erfüllt wäre) ihn sehn- oder sonstwie süchtig erwartenden ranken Brünetten noch kurz bei seinem Sohn vorbeischaut. Dagegen vertraut Hagens „Hoiho“ auf den ältesten aller Gruseleffekte: den übergross verzerrten Schattenwurf des sich wie eine Fledermaus gerierenden Akteurs auf die hinter ihm liegenden Wand, der aber noch besser wirken würde, plazierte man den Darsteller etwas zentraler vor den dazugehörigen Scheinwerfer (Hitchcock hat sich wohl im Grabe umgedreht, genauso wie später Wieland Wagner anlässlich der Widerlegung seiner berühmten Gleichung „Walhall = Wall Street“ durch ein störrisch gewordenes Riesenlaken, das partout nicht ganz fallen will, um den christo-like verhüllten Kapitalismustempel freizulegen). Die Mannen kommen trotzdem, der Döner ruft, und Gutrune muss ihr frischgeschenktes Neuwägelchen tapfer gegen sie verteidigen, bevor es ihr gelingt, Gunthers beständigen Anfällen als Anstandswauwau ein Schnippchen zu schlagen und aus Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation für einen One-Isetta-Stand zu zweit in selbiger zu verschwinden. Währenddessen ist aus dem Speereid mangels Speer ein Latteneid geworden, und angesichts des bei all der Malaise schlussendlich noch übrigen rachewütigen Trios bleibt selbst der Plastikreklame kurzzeitig der Saft weg, leider nicht lange genug, bis dann auf dem Höhepunkt ihres zutiefst enervierenden Herumgeflackeres irgendwann doch noch der Vorhang fällt.

Es folgt – nicht nur von Kennern sehnsüchtig erwartet – einer der szenischen Höhepunkte dieses Zyklus, welcher allerdings wie üblich ausser Haus spielt. Ich spreche von den acht trompeten- und posaunenbewehrten Musketieren, die seit Menschengedenken unerschütterlich Abend für Abend, Aufzug für Aufzug, egal ob abendlich strahlt der Sonne Auge oder auch (wie mehrmals diese Woche) bei Gewitter und Sturm die andächtig auf dem Vorplatz lauschende Menge mit leitmotivischem Bildungsauftrag versorgen. Die Pause vor dem dritten Akt Götterdämmerung hat dafür stets noch ein besonderes Highlight parat: das dreifach wiederholte Walhall-Motiv, vollstimmig-resonant zunächst in inbrünstigem Mezzoforte, dann in geheimnisvoll-meditativem Piano und schliesslich in freudig-schmetterndem Fortissimo angestimmt. Die unzähligen nach oben gereckten Smartphones beweisen das ungebrochene Interesse der Fans, und im Zuge instantaner Qualitätskontrolle des gerade Aufgezeichneten erklingt unmittelbar nach dem Ende der Fanfare ringsum zirpend ein vielfach repliziertes Echo des eben Gehörten. Ich weiss nicht, ob und wie den Kollegen vom Balkon je gedankt wird – ich tue es hiermit, und zwar aus ganzem Herzen, denn erstens machen sie einen hervorragenden Job (und sind obendrein ja auch famose Musiker), und mag diese Art der Pausenglocke auch manchmal fast skurril wirken, sie macht doch einen ganz zentralen und unverzichtbaren Teil des Bayreuther Flairs aus.

Zurück zum Ring: Im Haus streiken jetzt auch noch die Betttücher, die als Videoleinwände vorgesehen wären, und wollen sich mehrmals partout nicht plangemäss entfalten. Macht aber nix, die Körbchengrösse von Frau Oakes haben wir ja eh schon früher mitbekommen, und dass Herr Seibert stilbewusst einen schwarzen Slip zum weissen Kellnerhemd trägt, verblasst sowieso vor der kübelweisen Portion Theaterblut, die er sich zum allgemeinen Gaudium hinter der Bühne hektisch über die Birne giesst, bevor er, der vier Stunden zuvor einen wirklich spektakulären Sturz über die Riesentreppe noch unbeschadet überstanden hatte, sein tetralogiestiftendes Wirken als Opfer eines von den Rheintöchtern verursachten Verkehrsunfalls aushaucht. Diese knöpfen sich anschliessend noch Siegfried vor und erhalten als Dank eine Ladung Sand ins Gesicht, bevor auch dessen Schicksal von Hagen per Baseballschläger lautstark besiegelt wird. Selbiger macht sich sodann per Schlauchboot davon, Brünnhilde bekommt eine letzte Gelegenheit, ihre goldpaillettenklappernde Abendgarderobe auszuführen, Gunther sticht noch schnell ein allerletztes Ölfass an, und dann, endlich, heisst es: AUS, AUS, AUS – DAS SPIEL IST AUS, BAYREUTH IST

… – ja was?? Was bleibt von diesem ursprünglich anlässlich des meisterlich runden Geburtstages 2013 so apostrophierten „Jubiläumsring“? Lustig war’s, das ja (jedenfalls über weite Strecken), aber sollte das alles gewesen sein? Ich denke nicht, dass dies genügt – in einer Welt, der es so sehr an Visionen gebricht wie der unseren, muss erlaubt sein, eine solche wenigstens an diesem Ort, zu dieser Zeit, von diesen Festspielen einzufordern! Kinder, schafft Neues – es ist das Verb im bekannten Diktum des Meisters, das uns als Leitschnur dienen sollte! Stattdessen präsentiert Frank Castorf uns schlichtweg seine umfassende Abrechnung mit ganz privaten ostdeutschen Traumata und erspart sich auf diese Weise den teuren Psychotherapeuten, aber wen ausser ihm interessiert das? Denn weder die hier demonstrierte Diktatur der Beliebigkeit noch das vielstündige assoziationsgetriebene Waterboarding, der visuelle Overkill durch völlig ungezügelte Bilderfluten, der diese Inszenierung prägt, werden uns irgendwie weiterhelfen, wenn wir unsererseits nach Wegen suchen, diese unsere Welt besser zu verstehen und vielleicht irgendwann einmal wieder in einen Platz für ein Leben in gegenseitigem Respekt zu verwandeln. Natürlich lässt sich lange darüber diskutieren, ob Kunst das Vermögen hat, die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, wie Marx dies einst bildmächtig forderte, aber versuchen, versuchen muss man es doch wenigstens!!

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Copyright: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

Eines bleibt natürlich in jedem Fall, und das ist die musikalische Seite. Zwar gelingt Marek Janowski in dieser Vorstellung nicht ganz so viel wie an den teilweise überwältigenden Abenden davor, zwar geht schon der letzte der einleitenden Trias aus es-moll-Akkorden krachend in die Hose (und auch im weiteren Verlauf zeigt das Soloblech vereinzelte Konzentrationsschwächen), zwar gibt es zu Beginn der Mannenszene einen kurzen Moment der Irritation, bis sich der ansonsten wieder einmal einfach grossartige Chor (es gleicht Jahr für Jahr einem Wunder, was Eberhard Friedrich da für Arbeit in der Einstudierung leistet) und das Orchester auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt haben, zwar weicht das anfangs gemessene Tempo des Trauermarsches gegen Ende zu leicht gehetzter Nervosität, aber das sind alles in allem doch Marginalien gegenüber der grossräumigen Disposition, Balance, Innigkeit, Intensität und Klangschönheit, die da allenthalben aus dem Graben zu vernehmen waren, bis hin zu einem abschliessenden Erlösungsmotiv, das nicht mehr von dieser Welt schien. Bei allem szenischen Tohuwabohu hatte diese Produktion das beinahe unverschämte Glück, mit Petrenko und Janowski zwei zwar völlig unterschiedliche, aber beide in oberster Liga spielende Magier am Pult geschenkt zu bekommen, die im Zweifelsfall vieles, wenn nicht alles Übrige vergessen machten. Davon ist man zutiefst beglückt, dafür ist man zutiefst dankbar.

Dass Siegfried und Brünnhilde die Strapazen der letzten Vorstellung noch in den Knochen steckten, war streckenweise unüberhörbar – wer mochte es ihnen verdenken? Catherine Foster wuchtete dennoch im Vorspiel ein ums andere Mal ihre breite grundierten Walkürenklänge in den Saal, einige Male leider ärgerlich tief intoniert, weil sie (noch) nicht den Weg in den Kuppelklang fand. Ab der Waltrautenszene ging es Stück für Stück zurück zu altem Glanz, und sie zeigte (etwa bei Siegfried ist da) nachdrücklich, dass sie es eben auch anders kann. Im zweiten Aufzug drohte dann ihr Speereid beinahe zum Offenbarungseid zu werden, und erst als sie in einem offenbaren Wutanfall wild mit ihrem Speer auf den Boden stampfte, zeitigte das ungeahnte Wirkung: plötzlich funktionierte die Verbindung von Zwerchfell und Ansatzrohr, und eine Serie ausgezeichneter Phrasen folgte bis zum Schluss des Aufzugs. Die Starken Scheite müssen sie dann aber schier übermenschliche Kräfte gekostet haben, doch meisterte sie sämtliche Klippen mit unerhörter Konzentration, und die nachfolgenden Ovationen des Publikums dankten es ihr. Fosters Brünnhilde ist auch an etwas schwächeren Abenden ein Ereignis, und sie hat diesen Ring geprägt wie niemand auf der Bühne sonst.

Auch Stefan Vinke als Siegfried klang anfangs leicht belegt und trotz aller Mühe etwas stumpf, und hatte obendrein noch das Pech, schon relativ früh auf einen an diesem Abend brillant disponierten Gibichung zu treffen. So geriet ihm insbesondere der Moment, in dem er als Gunther verkleidet auch dessen tiefere Tessitur übernimmt, zwar immer noch solide, aber im direkten Vergleich mit diesem ziemlich farb- und obertonlos hohl. Eine deutliche Steigerung dann im zweiten Aufzug, den er erholt begann und so auch einen überzeugenden Speereid abzuliefern vermochte. Beim nachfolgenden, mit kurzer Fermate gekrönten C entschied er sich für eine Zuhilfenahme der Kopfstimme – noch fehlte es in der Höhe immer wieder an Metall. Im dritten Akt dann schien er wie ausgewechselt – plötzlich waren wieder alle Farben da, blühte das Legato seiner Linien auf. Auch das hohe C bei Hoiho! Hoihe, in einem gewissen Sinn ja zum Markenzeichen geworden (welcher andere Heldentenor hat das heute schon so konstant drauf?), gelang, wenn auch nicht so lang gehalten und spektakulär wie auch schon einmal. Von da an brachen alle Dämme, die Waldvogel-Erzählung aus einem Guss, der Schlussgesang sehr berührend und bis zur letzten Note problemlos. Eine insgesamt mehr als beeindruckende Leistung dieses momentan so gut wie alternativlosen Tenors.

Stephen Milling als Hagen ist ein Hüne an Gestalt und Material, auch wenn ihm die ganz fies-brutalen Farben, deren idealtypische Rollenvertreter vom Schlage etwa eines Salminen oder Halfvarson fähig sind, nicht selbstverständlich in der Kehle liegen – da blieb er, insbesondere als letztverantwortlicher Initiator der Intrige gegen Siegfried, dann doch etwas zu harmlos-behäbig, ein Hagen (auch) der leisen Töne. So drang der Wachtgesang, wiewohl von grosser Röhre zeugend, dann nicht durchs allerletzte Mark und Bein, und zentrale Einwürfe wie Rasch seid zur Rache drohten zu verpuffen. Beim Heerruf kamen teilweise noch technische Schwierigkeiten in der Übergangslage hinzu, wo der Vokalausgleich nicht immer funktionierte. Besser meisterte er den dritten Aufzug, in dem er seine brutale Seite schliesslich doch noch zur Geltung und zum Klingen bringen konnte. Ein grosser Hagen, keine Frage, aber zumindest in dieser Vorstellung noch mit etwas Luft nach oben.

Kommen wir zum Gibichungenpaar: Markus Eiche war in hervorragender Form, der Gunther liegt seinem sehr gut durchgebildeten und mit brillanter Höhe aufwartenden Bariton deutlich besser als der Donner, zumal er auch seine enorme physische Beweglichkeit immer wieder unter Beweis stellen konnte. Ein kurzer Durchhänger anfangs des zweiten Aufzugs war sehr schnell überwunden, die Axthiebe am Schluss des Racheterzetts, mit denen er seinen Aggressionen körperlichen Ausdruck verleiht, liessen das Festspielhaus erbeben, und im weiteren Verlauf erlebten wir die eindrucksvolle Studie eines von Rachegedanken mehr und mehr zerfressenen Emporkömmlings, dessen Gewaltbereitschaft sich gegen die gesamte Umgebung richtet, sodass sein gewaltsamer Tod irgendwie folgerichtig wirkte. Grossartig. Allison Oakes gab dagegen wie schon in den vier vergangenen Sommern eine eher solide Gutrune, ohne besonders aufzufallen. Sie verfügt über ein schönklingendes und hinreichend grosses Instrument, das allerdings in besonders dramatischen Momenten etwas zur Schrillheit neigt. Im letzten Aufzug war davon zum Glück nichts mehr zu spüren, und ihre wenigen Stellen kamen nun sehr souverän über die Rampe.

Leider ist ja den beiden bislang nicht erwähnten Solisten in dieser Oper nur jeweils ein kurzer Auftritt beschieden – angesichts der hierfür aufgebotenen Luxusbesetzungen hätte man sich schier mehr davon gewünscht. Marina Prudenskaya ist als Waltraute schlichtweg atemberaubend, sie verfügt über einen alle Register perfekt miteinander verblendenden Mezzosopran von erlesener Schönheit und zugleich gehörigem Squillo, dem man jedes einzelne Wort abnimmt. Albert Dohmen kann (und braucht) seine Herkunft als Wotan nicht verleugnen, auch hier stimmt jedes Wort, spürt man, wie tief er über all die Jahre seiner grossen Karriere in die Welt des Rings eingetaucht ist, und mit seinem nach wie vor imposanten Material gibt er einen Alberich, der sich gegenüber der mächtigen Stimme seines Basskollegen nicht im geringsten zu verstecken braucht und keine Wünsche offen lässt.

Die Nornen schliesslich wirkten in der Eröffnungsszene leider etwas nervös und auch in sich als Ensemble unausgeglichen: während Wiebke Lehmkuhl mit breit-orgelndem Mezzosopran noch grosse Souveränität ausstrahlte, hatte Stephanie Houtzeel leider nicht ihren besten Tag erwischt und klang wattig, etwas kurzatmig (schon in der ersten Phrase unüberhörbar) und mit ungewohnt deutlichen Registerwechseln. Christiane Kohl schliesslich sang mit teilweise aggressiv anmutendem Ausdruck, und ihr Sopran liess immer wieder die grosse Linie doch vermissen. Ein ähnliches Bild im Rheintöchterterzett – kein Wunder, war doch die Besetzung fast identisch. Wiederum dominierte Wiebke Lehmkuhl als Flosshilde die Szenerie, wiederum kämpfte Stephanie Houtzeel als Wellgunde mit ihrer geschilderten Tagesform, während die Woglinde von Alexandra Steiner mit hellklingenden Höhen ihr Bestes zum Gelingen beitrug. Leider wurde die Szene durch einige etwas verwackelte Einsätze zusätzlich getrübt, während andererseits die ausgesprochen lebendig wirkende Spielfreude der drei Wassernixen den Gesamteindruck letztlich auch hier noch ins Positive kehrte.

So sind wir denn am Ende dieser „Impressionen aus Bayreuth“ angekommen. Alles was ist, endet – dies gilt natürlich auch für diese Erstlingsversuche eines (unberufenen und sich obendrein gänzlich ausserhalb seines offiziellen Fachgebietes betätigenden) Merkers. Möge man ihm die Polemik verzeihen, die vielleicht mancherorts mit ihm durchgegangen ist, möge man ihm das Bemühen abnehmen, die eher unterhaltsamen Seiten der Bühnendarbietung auf ebensolche Weise sprachlich zu spiegeln, und möge man ihm seine grosse Liebe zu dieser verrückten Kunstform Oper zu Gute halten, die ja auch Ihnen als Leser zu eigen ist und hoffentlich wenigstens zwischen manchen Zeilen immer wieder spürbar wird. La commedia è finita – Hoiho!

Peter Reichl

 

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