Der Neue Merker

BAYREUTH/ Festspiele. DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG

Bayreuther Festspiele: DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG am 15.8.2017

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Klaus Florian Vogt. Copyright: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

Mit den „Meistersingern“ ist Barrie Kosky eine äußerst komödiantische Inszenierung gelungen, die  im Gebaren der mittelalterlichen Herrschaften inclusive Stolzing bei der Freyung sogar an Falstaff denken läßt. Szene ist der große Salon von Wahnfried, wo sie in phantastischen mittelalterlichen bis renaissancehaften Kostümen, z.T. langen wallenden Haaren und bunten köstlichen Kopfbedeckungen  sich oft im Schunkelmodus bewegen und bei aufspringenden Türflügeln von den hereinströmenden Lehrbuben, die in der Montur ihren Lehrmeistern völlig gleichen, im Hüpfmodus eine Gegenbewegung erhalten. Während des grandiosen Vorspiels wird pantomimisch Wagners Geburtstag mit Liszt und Levi gefeiert, die sich dann als Walther und Beckmesser in die Handlung eingliedern. Das Vorspiel wird von Wagner und Liszt am Flügel begleitet, wobei gleich auch ihre gegenseitigen Animostäten zum Ausdruck kommen. Dieser ganz getreu nachgebildete Wahnfriedsaal fährt nach dem Vorsingen Walthers nach hinten weg und gibt verschlossen den Raum für eine andre geschichtsträchtige Halle frei, die sich aber erst im 3.Akt als Vernhandlungssaal der Siegermächte bei den Nürnberger Prozessen entpuppt (Bb.: Rebecca Ringst). Jetzt ist es eine große freie Grasbodenfläche, wo Wagner beim Piknik mit Cosima zu ihr sagt, dass sie eine große Melodie sei (Lacher im Publikum). Auf dieser Freifläche spult sich der ganze Akt ab, Wagner mutiert zu Sachs, und Cosima zu Eva. Diese versteckt sich mit Walther  hinter den langen Gerichtsvorhängen oder vor Porträts des jungen Wagners und der relativ jungen Cosima. Hinter einem hochgelegenen Gerichtsfenster sieht man Magdalene beim Ständchen Beckmessers, der eine Verwandte, Helga Beckmesser, mitgebracht hat, die ihn auf der Harfe begleitet. Vorher monologisiert Sachs heftig u.a. über den Flieder, das Ständchen versalzt er Beckmesser gehörig. die anschließende Prügelei findet eigentlich nicht statt,sondern  ist ein harmonisch pöbelhaftes Verlustieren auf der Wiese.

Die Szenen des Schlussakts spielen sich wie gesagt im Gerichtssaal ab, aber ohne weitere Anspielungen auf den Kriegsverbrecherprozess gegen Deutschland. Es scheint Kosky zu genügen, einen Fingerzeig zu geben, wohin es mit dem vielbesungenen Deutschland in der Zukunft geführt hat. Erst am Ende fährt die hintere Reihe der ‚Vorsitzenen Richter‘ mit den Vier- Siegermächte- Flaggen herunter, die Meistersinger und alles Volk verschwinden, Sachs hält seine Ansprache vor leeren Rängen ans Publikum gerichtet. Der Schlusschor und das Orchester wird dann live auf auf der Bühne gespielt bzw. verdoppelt, Sachs/Wagner dirigiert.-  Eine Inszenierung, die in ihrer Heiterkeit keine Probleme aufgibt und in ihren besten Momenten fast orgiastische Kraft generiert. Die Judenenfeindlichkeit Wagners wird angesprochen, wenn Levi in der ‚Katharinenkirche‘ quasi genötigt wird, auf die Knie zu gehen, oder wenn Beckmesser nach versungenem Ständchen von zwei Nürnberger Amtspersonen weggeführt wird. Die phantastischen und inspiriertesten Kostüme stellt Klaus Bruns.

Philippe Jordan setzt ganz auf eine sehr spritzige akkurat den Meistersinger-Stil angehende Interpretion des Werks.Dabei kostet er mit dem Orchester aber auch alle musikalischen Gewagtheiten  und verschlungenen Stellen aus. Der Chor singt besonders beim ‚Wachet auf ‚ mit geballter Kraft.

Die Lehrbuben und-mädchen stellen ein gut eingespieltes klanglich reizendes Ensemble dar. Der Nachtwächter Karl-Heinz Lehner ertönt aus dem Off. Die Magdalene Wiebke Lehmkuhl, ganz folkloristisch bewamst, singt einen gar nicht dunkel klingenden ansprechenden reinen Alt. die Eva gibt Anne Schwanewilms, nicht mehr so jugendlich aber mit silbern timbriertem ausdrucksstarkem Sopran. Vielleicht viel die Wahl auf sie auch, weil sie öfter die Cosima Wagner spielt. Daniel Behle kann in höchsten Lagen den Meistergesang erklären und reussiert auch im Quintett mit feintimbrierte elastischem Tenor. Wie helle Trompetentöne klingt Klaus Florian Vogt in seiner einzigartigen Weise. Hier ist er auch immer im Rittergewand zu sehen. Alle Meistersinger, darunter auch so bekannte Namen wie Andreas Hörl und Raimund Nolte stellen auch gesanglich ein zu goutierendes Kollektiv. Den Fritz Kothner gibt Daniel Schmutzhard mit sicher intonierter Stimme, den Pogner Günther Groissböck mit balsamischem Baß und rotsamtenem Wams. Johannnes  Martin Kränzle gibt den Beckmesser wirklich exponiert und exzentrisch, dabei ist er auch sehr gut bei Stimme seines jederzeit ansprechenden feinsinnigen Baritons, aber in eher heutigem schwarzweißem Tuch. Köstlich wie er beim Ständchen zerstreut im Text herumsucht, ihn fast nur noch bläkt und zu Eva zu kriechen versucht. Eine Meisterdarstellung ist Michael Volles Sachs-Interpretation. Selten laut werdend, versteht er seinen Oberton-klangreichen Bariton zu modellieren und sich immer wieder als erster Wagner-Darsteller zu inszenieren. 

Friedeon Rosén    

 

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