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BASEL: URFAUST – Biografie ohne Gretchen?

BASEL: URFAUST – Biografie ohne Gretchen?

Theater Basel – Schauspielhaus – Goethes „URFAUST“ – Premiere 20.10.2016

 urfaust
In Marthens Garten kommt man sich näher: Nicola Mastroberardino (Mephistopheles), Myriam Schröder (Marthe), Max Rothbart (Faust), Lisa Stiegler (Margrethe/Gretchen), Foto: Simon Hallström

Über sechs Jahrzehnte setzte sich Goethe mit dem Faust-Mythos auseinander. Zwischen 1772 und 1775, der Sturm und Drang Zeit, entstand die erste Fassung des ‚Stück Weltliteratur‘, der sogenannte „Urfaust“, dessen einzige erhaltene Abschrift 1887 entdeckt worden ist.

Nora Schlocker gibt sich jedoch allein mit dem „Urfaust“ nicht zufrieden, sondern bauscht ihre Inszenierung mit Elementen aus dem bekannten „Faust I“ auf, wie dem Pakt zwischen Faust und Mephistopheles oder dem Tod Valentins durch Fausts Verschulden. Auch stellt sie dem Stück einen Prolog (von Ann Cotten) voran – analog zum „Prolog im Himmel“ („Faust I“). Darin treten Gretchen als 35-Jährige und Mephistopheles auf, die am Ende gar eine Wette abzuschliessen scheinen. Schon hier zeigt sich, dass Schlocker die Figur des Gretchens in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung stellt. Das eigentliche Stück, Gretchens Schicksal, wird als Flashback erzählt. Folgerichtig überlässt ihr Schlocker im Gegensatz zu Goethe auch die Schlussworte des Abends „Mir grauts vor dir Heinrich“.

Mit Lisa Stiegler wurde die ideale Besetzung des Gretchens gefunden. Stiegler verkörpert eben gerade nicht das hübsche, zarte Naivchen mit den Zöpfen, sondern eine bereits vom Leben gezeichnete junge Frau, der man es ohne Weiteres abnimmt, dass sie zuhause den Haushalt macht und sich um die Mutter und das kleine Schwesterchen kümmert. Herausragend gelingt ihr die Kerkerszene am Ende des Stückes zwischen Wahn und Verzweiflung im kurzen, leicht durchsichtigen Jumpsuit zusammengekrümmt in der hintersten Ecke des leeren, kalten Zimmers (Bühne und Kostüme: Marie Lotta Roth) auf ihr Todesurteil ausharrend.
Obschon Schlocker Gretchen zur Hauptfigur erhebt, bietet sie zu Beginn des Stückes eine Art ‚Alternative Ending‘ ohne Gretchentragödie an: Faust trinkt das Giftfläschchen aus, legt sich auf den Boden hin und stirbt. Ein Klatschen aus dem Zuschauerraum unterbricht den flüchtigen Moment der Stille. Die ZuschauerInnen sind kurz irritiert: War’s das? Ist das Stück schon fertig? Das Applaudieren wird heftiger. Mephistopheles ist es, der dem Schauspiel Beifall schenkt. Er erhebt sich aus seinem Stuhl, tritt auf die Bühne, haucht Faust neues Leben ein und setzt das Stück fort. Was wäre, wenn Mephistopheles nicht aufgetaucht wäre? Faust hätte sich das Leben genommen. Er wäre Gretchen nie begegnet. Gretchen wäre nicht von ihm schwanger geworden, hätte weder Kinds- noch Muttermord begangen, wäre nicht zum Tod verurteilt worden. Es hätte eine Biografie ohne Gretchen gegeben.

Allein Mephistopheles ist der Spielleiter und Drahtzieher der Tragödie. Nicola Mastroberardino ist ein teuflisch-satirischer Arlecchino, der die Figur mit grosser Spielfreude sichtlich auskostet. Er führt die anderen Figuren mit teils guten teils weniger geglückten Scherzen an der Nase rum. Max Rothbart gibt den im Prolog geforderten „kläglichen“ Faust, der sich nervös hin und her drückt. Myriam Schröder überzeugt als Marthe.

Die episodenhafte Struktur des Werkes unterstreicht Schlocker, indem sie die einzelnen Szenen durch Blacks voneinander abgrenzt. Nur die Live-Geräusch-Sound-Kulisse läuft weiter. Doch gerade dieser Szenen-Rhythmus mag unter anderem dazu beitragen, dass die Inszenierung in der ersten Hälfte noch ein wenig schleppt und nicht so richtig in die Gänge kommt. Vielleicht hätte man auch die Saufszene der lustigen Gesellen in Auerbachs Keller (mit Elias Eilinghoff, Florian von Manteuffel, Michael Wächter und Liliane Amuat) streichen können. Der zweite Teil nach der Pause hat deutlich mehr Zug und Stringenz. Alles in Allem zeigt das Schauspielhaus Basel einen sehenswerten Theaterabend, der vom Publikum mit grossem Beifall gewürdigt wird.

Carmen Stocker

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