Der Neue Merker

BASEL/ Theater: SCHWANENSEE“Choreografie: Stijn Celis. Premiere

Theater Basel:„ SCHWANENSEE“Choreografie: Stijn Celis
Premiere  17. November 2017
prpra
© Werner Tschan Annabelle Peintre                    Annabelle Peintre Frank Fannar Pedersen

Wer an der Premiere von „SCHWANENSEE“ die klassische Inszenierung dieses Ballettklassikers, die herkömmliche Choreografie erwartete, wurde, nein – er wurde nicht enttäuscht. Der belgische Choreograf Stijn Celis hat der Bühne eine vollständig neue Sichtweise auf dieses Werk geschenkt. Uraufgeführt wurde Celis Ballettfassung 2006 im Konzerttheater Bern. Für das Theater Basel überarbeitet und erweitert wurde die Premiere ein voller Erfolg.

Die Neuausrichtung in der Choreografie von Schwanensee legt extrem Wert auf expressionistische, fast übertriebene Gestik, nähert sich so stark dem Tanztheater des 20. Jahrhunderts. Die einzelnen Figuren werden nicht nur durch die Musik, die Leitmotive gezeichnet, auch der Tanz verstärkt die Darstellung der Emotionen und macht auf diese Weise die Handlung leicht nachvollziehbar.

Das ursprünglich vieraktige Werk von Piotr I. Tschaikowsky hat in der Basler-Version nur zwei Akte und dauert 90 Minuten. Das ist eine hervorragende Verdichtung der Handlung. Für die grossartige Dramaturgie zuständig waren Bettina Fischer und Armin Kerber. Sie reduzierten das Libretto auf das Wesentliche. Tschaikowskys Partitur wurde von Thomas Herzog und Stijn Celis umgestellt und gekürzt. Auch musikalisch wurden ausufernde Längen vermieden. Die Handlung wird so musikalisch und dramaturgisch klarer, zwingender. Der Ballett-Liebhaber, die Ballett-Liebhaberin wird auch vergebens nach der ätherischen Schwerelosigkeit Ausschau halten. Das Märchen wird in Basel eher als „Comic“, als doch erdgebundene Geschichte erzählt. Tutus sind zwar vorhanden, die Schwäne tragen diese, tanzen aber barfuss.

Ein Zitat aus dem Programmheft des Basler Theater:
>Wo aber bleibt das *Werk*? Je genauer man die `Überlieferungsgeschichte von Schwanensee unter die Lupe nimmt, je eifriger man sich auf die Suche nach einem `Original‘ begibt, umsomehr lösen sich die Bilder und festen Umrisse auf und umso klarer hebt sich der Charakter dieses Balletts als „work in progress“ ab. Jede der vielen Inszenierungen seit der ersten Aufführung ist bis zu einem gewissen Grad eine Verwandlung, eine Metamorphose seiner Gestalt und damit ein schöpferischer Akt am Mythos“SCHWANENSEE“. (© 1995 Gabriele Brandstetter, Bayerische Staatsoper München)

Dieser „schöpferische Akt“ ist Thomas Herzog, Armin Kerber und Stijn Celis hervorragend gelungen.

Thomas Herzog dirigierte das Sinfonieorchester Basel (SOB)mit viel Liebe und die Musikerinnen und Musiker belohnten Herzog und die Zuschauer mit einer glanzvollen Leistung, welche von einem Einfühlungsvermögen in Tschaikowskys Meisterwerk geprägt wurde, die ihresgleichen sucht.
Das Bühnenbild von Jann Messerli gefiel durch seine schnörkellose Einfachheit. Die Kostüme der Tänzerinnen und Tänzer wurden farbenfroh gestaltet von Catherine Voeffray. Ausserordentlich gefiel mir auch die Lichtführung, erdacht von Fred Pommerehn. Für die Videoeinspielung, subtil und aussagekräftig, war Philipp Contag-Lada zuständig.

Die wunderbar dargestellte Odette/Odile wurde von Annabelle Peintre getanzt. Dies mit einer Leichtigkeit, einer Freude, welche ihresgleichen sucht.
Frank Fannar Pedersen überzeugte das Basler Publikum aufs Neue, diesmal als Siegfried. Als Königin durften wir das Basler Ensemblemitglied Ayako Nakano bewundern und als ihr Hofnarr stand/tanzte Deborah Maiques Marin auf der Basler Bühne. Einen dämonisch/herrischen Rotbart tanzte Jorge Garcia Pérez. Dazu performte das ganze Basler Ballett in gewohnt hoher Qualität, sowohl darstellerisch als auch tänzerisch.
Das in grosser Zahl erschienene Publikum belohnte den sehr gelungenen Premierenabend mit lautstarkem, lange anhaltendem Applaus. Wie am Anfang vermerkt: Niemand wurde enttäuscht. Alle erlebten einen grossartigen Ballettabend. Es macht Freude zu sehen, dass auch eine nicht herkömmliche Inszenierung dieses Ballett-Klassikers das Publikum zu Beifallsstürmen bewegt.

Peter Heuberger

Basel

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