Der Neue Merker

BASEL/ Theater: PEER GYNT – Ballett. Aufarbeitung eines Künstlerlebens

Basel: Theater Basel – Grosse Bühne – Ballett Basel: „Peer Gynt“    –  Besuchte Aufführung: 24.05.17

Aufarbeitung eines Künstlerlebens

 Ibsens „Peer Gynt“ scheint dem schwedischen Ballettschaffenden Johan Inger auf den Leib geschrieben zu sein. Der Drang aus gewohnten, festgefahrenen Strukturen auszubrechen, neues zu entdecken und zu erschaffen, scheint bei Inger genau so stark ausgeprägt zu sein, wie bei Ibsens Protagonisten. Auch Inger ist dauernd auf Reisen durch die verschiedenen Ballett- sprich: Tanzcompagnien dieser Welt. Er verlässt das traditionelle klassische Ballett und lässt sich durch seine vielseitige Tätigkeit am Nederlands Dans Theater, am Cullberg Ballett und durch die Arbeit mit einer Reihe zeitgenössischer Choreographen inspirieren und formen – immer auf der Suche nach des „Pudels Kerns“, wie der „Nordische Faust“, wie Peer Gynt ja auch bezeichnet wird, ja auch. Choreograph Inger verarbeitet in seinem Basler „Peer Gynt“ alles, was ihn von jeher beeinflusst hat zu einem Ballettabend, der dieser Bezeichnung eigentlich gar nicht gerecht wird. Der Abend beginnt zwar ganz im traditionellen Stil – das Ballett Theater Basel ist auf Spitzenschuhen zu erleben (wann dies das letzte Mal der Fall war – wenn überhaupt – weiss ich nicht …) – entwickelt sich dann aber je länger je mehr zu einem veritablen Tanzschauspiel, in welchem die Solisten und die Compagnie Elemente aus Schauspiel und Oper mit verschiedensten Tanzsprachen verweben – und dies ergibt dann die sehr eigene, faszinierende choreographische Sprache des Johan Inger.

Richard Wherlocks heterogene Compagnie ist für diese faszinierende Geschichte DIE Idealbesetzung schlechthin. Wie der Direktor auch ist das Ballett Theater Basel stets neugierig auf neue Herausforderungen und stürzt sich mit grossem Enthusiasmus und Engagement in neue Abenteuer. Wherlock setzt darauf, seine Tänzerinnen und Tänzer mit einer Vielzahl ausgezeichneter Choreographen unterschiedlichster Stilrichtungen arbeiten zu lassen. Dies erweitert einerseits den persönlichen Horizont der einzelnen Künstler sowie die tänzerische Vielfalt der Compagnie. Ein Konzept, das mit grossem Erfolg aufgeht!

Frank Fannar Pedersen beweist in der Titelrolle, dass er nicht nur ein exzellenter, sprunggewaltiger Tänzer ist, sondern auch ein ausgezeichneter Schauspieler. Dem steht Sergio Bustinduy, welcher die Rolle von Peers Mutter Aase verkörpert, um nichts nach. Bustinduy meistert den Spagat von der urkomischen Mutter, welche mit ihrem Peer mit dem Teppichklopfer bewaffnet das eine oder andere Hühnchen zu rupfen hat, zur alten sterbenden Frau meisterhaft mit grosser Emotionalität. Besondere Erwähnung verdient auch Armando Braswell in der Rolle des „Krummen“. Klein ist die Partie, gross jedoch das, was der fantastische, kraftvolle Tänzer aus ihr herausholt. Braswells Sprung- und Ausdruckskraft sowie seine bedrohliche Geschmeidigkeit faszinieren ohne Ende. Die junge Sängerin Ye Eun Choi vom Opernstudio OperAvenier bezaubert ergreifend als Solvejg.

Das Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Thomas Herzog sowie der Chor des Theater Basel (Leitung: Henryk Polus) sorgen dafür, dass neben dem Optischen auch das Akustische zum Hochgenuss wird.

„Peer Gynt“ – Ein grosser, ergreifender Ballettschauspielmusikdramaabend, den man sich nicht entgehen lassen darf!

 Michael Hug

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