Der Neue Merker

BASEL/ Theater Grosse Bühne: LA TRAVIATA. Premiere

Basel: Theater Basel – Grosse Bühne – „La Traviata“    –  Premiere: 21.10.17

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Copyright: Sandra Then / Theater Basel

 Die Vorfreude ist gross, die Erwartungen an diese Premiere sind bei den Premierengästen besonders hoch: Kein Wunder, wird doch an diesem Abend Verdis „Traviata“ in einer neuen Inszenierung. Regie führt der Amerikaner Daniel Kramer, der seit 2016 die künstlerische Leitung der English National Opera innehat. Kramer setzt mehr auf Opulenz, Spiegel und die Drehbühne (Bühne: Lizzie Clachan) und effektvolle Kostüme (Kostüme: Esther Bialas) als auf Aussage. Im ersten Akt feiert der Chor ausgelassene Orgien (Choreographie: Teresa Rotemberg). Da ist schon ganz schön was los, auch im zweiten Bild des zweiten Aktes. Die Sängerinnen und Sänger sind da wenig bis gar nicht einbezogen und zelebrieren weitgehend Gesang von der Rampe. Man wird den Eindruck nicht los, Kramer wolle hauptsächlich eine bildstarke Aufführung schaffen. Dies gelingt auch weitgehend. Sie findet jedoch keine inszenatorische Tiefe. Selbst die kleinen erotischen Provokationen können problemlos konsumiert werden. So beschränkt sich der Abend optisch auf einen gewaltigen Bilderbogen der Eitelkeiten, in welchem sich die Protagonisten wegen der weitgehend fehlenden Personenregie nicht integrieren bzw. sich nicht deutlich genug distanzieren können. Schöne Bilder, wenig Aussagekraft, die „Traviata“ als Abendunterhaltung für das Cüpli-Publikum. Schade, denn in dieser Oper steckt weit mehr.

Nach einem leicht holprigen Auftakt mit etwas Humtätäää im Vorspiel steigert sich das Sinfonieorchester Basel (SOB) unter der Leitung von Titus Engel deutlich und liefert eine differenziert gestaltete musikalische Leistung. Titus Engel setzt die Sängerinnen und Sänger ins Zentrum und sorgt mit viel Geschick dafür, dass sie im Orchesterklang nicht untergehen. Corinne Winters gibt eine ergreifende Violetta. Im ersten Akt kämpft sie noch etwas mit der Höhe, weiss aber die Hürden mit viel Geschick zu umgehen. Sie setzt nicht auf hohe, lange gehaltenen Spitzentöne, sondern auf Emotion. Im dritten Akt läuft sie Höchstform auf – manch ein Besucher wischt sich ein Tränchen der Rührung von der Wange.

Pavel Valuzhyn ist mit seinem jugendlich timbrierten Tenor eine ausgezeichnete Wahl für Alfredo. Auch er setzt auf Emotion und verzichtet auf jegliche stimmliche Akrobatik – wunderbar!

Ivan Inverardi vermag als Giorgio Germont nur wenig zu überzeugen. Zu wenig schwarz gerät ihm die Rolle, im zweiten Akt bekundet er in der Szene mit Violetta ein paar Unsicherheiten. Er vermag sich stimmlich nicht gegen Winters und Valuzhyn durchzusetzen.

Zuverlässig und souverän singt Andrew Murphy die Rolle des Dottore Grenvil. Karl-Heinz Brandt wurden als Gastone High Heels und ein schrilles Kostüm verpasst. Brandt ist bekanntlich für jeden Spass zu haben – entsprechend gut gerät ihm der Part. Kristina Stanek und Anastasia Bickel (Mitglied vom Opernstudio OperAvenier) gefallen als Flora Bervoix bzw. als Annina.

Es sind nur wenige Takte, die er zu singen hat – diese sind aber aufgefallen: Vladimir Vassilev zeigt als Commissionario eindrücklich, was man stimmlich aus einer Kleinstrolle herausholen kann! Hoffentlich dürfen wir diesen Sänger bald auch in grösseren Rollen erleben!

Der Chor des Theater Basel unter seinem neuen Leiter Michael Clark liefert eine saubere, zuverlässige Leistung.

Tosender Applaus für die Aufführenden und ein einzelnes, dafür beherztes Buh für die Regie sind die Ausbeute der jüngsten Premiere am Theater Basel.

Diese gefällige „Traviata“ wird ihr Publikum finden, denn gerade für Operneinsteiger hat die Aufführung einiges zu bieten.

Michael Hug

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