Der Neue Merker

BASEL/ Theater Basel: „ICH BIN WIE IHR, ICH LIEBE ÄPFEL“ – Schauspiel von Theresia Walser

Theater Basel: „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“, Schauspiel von Theresia Walser nach einer Inszenierung des Schauspielhauses Wien – Pr. 20.9.2016

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© Simon Hallström

Drei Frauen warten hinter dem Vorhang auf den Beginn einer Pressekonferenz für einen gemeinsamen Film. Das Zusammentreffen gestaltet sich interessant, handelt es sich dabei doch um Imelda Marcos, die Witwe des philippinischen Präsidenten Ferdinand Marcos, Margot Honecker, die Witwe von Erich Honecker, dem Generalsekretär des ZK der SED in der DDR, und Leïla Ben Ali, die Ehefrau des vertriebenen ehemaligen Präsidenten von Tunesien, Zine el-Abidine Ben Ali. Den Frauen gemein ist ihre Uneinsichtigkeit, irgendetwas falsch gemacht zu haben. Imelda sieht sich als Vorbild an Schönheit und Extravaganz für das gemeine Volk (schliesslich hatte sie sich für Besuche in den Slums doppelt so lange zurecht gemacht wie für Staatsbesuche), liess sich von Castro persönlich herumkutschieren und war von der Hässlichkeit des Messers eines Attentäter zu angewidert, um diesen zu fürchten. Margot war als Ministerin für Volksbildung für Zwangsadoptionen, Wehrunterricht an Schulen und zahlreiche Einweisungen in Jugendwerkhöfe zwecks Umerziehung verantwortlich, würde das aber jederzeit wieder tun und idealisiert nur noch Stalin mehr als ihren Mann. Leïla wiederum häufte mit ihrem Mann Milliarden an, liess ihre Verwandten in Tunesien wie die Mafia herrschen und brachte bei Revolutionsausbruch persönlich Tonnen von Gold ausser Landes.

Genug Gemeinsamkeiten also für etwas Smalltalk, wären da nicht die Sprachbarrieren, die einen Übersetzer unabdinglich machen. Dieser entwickelt allerdings bald ein Eigenleben, erst mit flapsigen Übersetzungsfehlern, immer deutlicheren Textänderungen bis zu entstellenden Weglassungen oder puren Erfindungen, die schliesslich zu gänzlich von ihm manipulierten, völlig absurden Dialogen führen.

Nach der Uraufführung von „Der Turm zu Basel“ inszeniert Sebastian Schug auch dieses Werk der deutschen Erfolgsautorin Theresia Walser hervorragend. Der absurd-komische Text wirkt auch ohne viel Aktion auf der Bühne, wichtig ist das Timing der Pointen, und Schug kann dabei auf ein hochkarätiges Ensemble setzen: Insbesondere die geradezu zur Imelda inkarnierten glänzenden Katja Jung, die gelangweilt auf dem Stuhl hin und her lamentierend sich auf den Sekundenbruchteil präzise Makrönchen ins Maul stopft. Die spröde Frau Margot (überzeugendstarrsinnig: Franziska Hackl), die sich standhaft weigert, ihre Uhr umzustellen, ohne Feinde morgens gar nicht aus dem Bett kommt und den Exzessen ihrer beiden Mitstreiterinnen nichts abgewinnen kann (deshalb wohl auch die Sprachbarriere), wird von dem immer cholerisch werdenden Übersetzer wegen seiner unglücklichen DDR-Jugend erst diabolisch missinterpretiert, dann aggressiv angeklagt. Florian von Manteuffel schwankt dabei als Übersetzer Gottfried bewundernswert sicher zwischen genüsslicher Irreführung und steigendem Irrsinn durch die Pointen.

So bleiben dem Zuschauer denkwürdige Dialoge im Gedächtnis, etwa wenn Frau Margot immer noch darauf besteht, dass ihr Mann eines Tags noch gebraucht würde, während sich Erich Honeckers Asche bereits über die ganze Bühne verstreut und die praktische Leïla (herrlich arrogant: Nicola Kirsch) nach einem Staubsauger schreit. Oder als Imelda aus Versehen ihre Perlen über die Bühne verstreut, ihre Mitstreiter aber aufhält, sie aufzuheben, da sie für „die da unten“ seien (mit herrischer Miene ins Publikum weisend). Dass Leïla ihr selbstverfasstes Gedicht auch noch mit dem Muammar al-Gaddafi zugeschriebenen Bonmot „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ enden lassen muss, kann man aber nur mit Frau Imeldas ständigen Nörgelruf „Als sei das schön!“ betiteln.

Das Stück bietet neben glänzender Unterhaltung auch eine besonders gemeine Geschichtslektion: Ist doch neben der Uneinsichtigkeit und Rücksichtslosigkeit allen drei Frauen vor allem Straffreiheit und eine glückliche Flucht gemein: Margot starb bei ihrer Tochter im chilenischen Exil, Leïla lebt im Luxus in Saudi-Arabien und Imelda sitzt gar wieder im Repräsentantenhaus der Philippinen.

Alice Matheson

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