Der Neue Merker

BASEL/ Theater Basel: DIE TOTE STADT von Erich Wolfgang Korngold

Großer Publikumserfolg in Basel: „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold (Letzte Vorstellung: 19. 12. 2016)

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Helena Juntunen als Marietta und Rolf Romei als Paul (Copyright Sandra Then)

Mit Erich Wolfgang Korngolds Meisterwerk „Die tote Stadt“ erzielte das Theater Basel einen großen Publikumserfolg, den man auch in der letzten Vorstellung dieser Produktion am 19. Dezember 2016 spüren konnte. Der Komponist war 19 Jahre alt, als er 1916 begann, seine erste Oper zu schreiben, die ihn weltberühmt machen sollte. Es bedeutete für ihn den entscheidenden Schritt aus dem Wiener Wunderkind-Status – er hatte bereits als 11-Jähriger mit der Komposition seines pantomimischen Balletts Der Schneemann für Aufsehen gesorgt – in den eines musikalischen Genies. Das Libretto nach dem Roman „Bruges-la-Morte“ von Georges Rodenbach verfasste sein Vater Julius Korngold unter dem Pseudonym Paul Schott, was erst 1957 öffentlich bekannt wurde.

Die Uraufführung der dreiaktigen Oper Die tote Stadt, die ursprünglich Der Triumph des Lebens heißen sollte, fand am 4. Dezember 1920 sowohl in Hamburg wie auch in Köln statt. Ein Jahr später erlebte die Oper ihre Wiener Erstaufführung, die zu einem Sensationserfolg führte. Bis in die 1950er Jahre wurde sie an mehr als 80 Bühnen nachgespielt und war1921 die erste deutschsprachige Oper, die nach dem Ersten Weltkrieg an der Metropolitan Opera in New York aufgeführt wurde. Danach geriet sie längere Zeit in Vergessenheit. In den letzten Jahren jedoch stand sie wieder auf den Spielplänen vieler Opernhäuser Europas, wie zuletzt in Wien, Graz, Innsbruck, Zürich, Frankfurt / M., Chemnitz, Magdeburg, Kassel, um nur einige zu nennen.

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Neben dem Schlafzimmer die der toten Marie geweihte Kammer, in der Paul Marietta die Fotos zeigt (Copyright Sandra Then)

Der in Basel geborene australische Regisseur Simon Stone lässt die Oper in der Jetztzeit spielen. In einem im Programmheft abgedruckten Interview erläutert er seine Gedanken dazu: „Die Idee wurde vor langer Zeit erfunden, aber die Geschichte findet im Jetzt statt. Je zeitgemäßer eine Inszenierung ist, desto deutlicher unterstreicht man das Moment der Historie, das die Musik mit sich trägt. Wenn sich die Inszenierung hingegen nicht verorten lassen will und irgendwo zwischen den Zeiten larviert, finden diese Spannung und dieses Fest der Musikgeschichte nicht statt.“ Dazu ein Zitat des Dirigenten Erik Nielsen: „Diese Oper ist auf eine ganz besondere Art immer gegenwärtig, im Jetzt verhaftet.“

Dem Regisseur gelang eine packende Inszenierung zwischen Traum und Wirklichkeit, die das Publikum bis zur letzten Szene in Bann hielt. Mit verantwortlich hiefür das Bühnenbild, das ein großes Haus mit vielen Zimmern zeigte und durch die Drehbühne stets neue, oftmals verblüffende Einblicke vermittelte wie in den kleinen Raum, den Paul als Altar für seine tote Marie eingerichtet hatte (Bühne: Ralph Myers). Die Kostüme, die der heutigen Zeit entsprachen, entwarf  Mel Page. Leider nahm sie keinerlei Rücksicht auf die gesungenen Texte („die schimmernden weißen Kleidchen der Mädchen“ waren bunte, farbenprächtige Gewänder). Dafür war Marietta sportlich mit Turnschuhen gekleidet, was allerdings gut zu ihrem Rad passte, auf dem sie des Öfteren auf der Bühne kurvte. 

Die Szene mit Mariettas Theatertruppe war außerordentlich erotisch gestaltet, wobei Fritz Marietta auf einem Einkaufswagen über die Bühne schiebt, während er seine Arie „Mein Sehnen, mein Wähnen“ singt. Dass dabei manches an Stimmung verlorengeht, war klar. Die Auferstehungsszene aus Meyerbeers Robert le diable“ wurde zu einem Kinderspektakel, das Paul an den Rand der Verzweiflung trieb. Tröstlich war, dass das „glückliche“ Ende der Oper nicht geändert wurde, wie es in anderen Produktionen dieser Oper schon geschehen ist.

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Auf der Drehbühne war ein Haus mit vielen Zimmern aufgebaut, in der Mitte Paul mit seiner Haushälterin Brigitta (Copyright Sandra Then)

Der lyrische Schweizer Tenor Rolf Romei meisterte die schwierige Rolle des Paul sowohl stimmlich wie darstellerisch sehr ansehnlich. Das Zwanghafte seiner Träume brachte er genauso gut zum Ausdruck wie die glücklichen Momente seiner Wirklichkeit, in der er  Marietta sinnlich begehrt. Ein Glücksfall für diese Inszenierung war die jung und sportlich wirkende finnische Sopranistin Helena Juntunen in der Rolle der Marietta und der toten Marie. Sowohl auf dem Fahrrad wie als Tänzerin der Theatertruppe war sie exzellent, außerdem hatte sie in vielen Szenen jene erotische Ausstrahlung, die sie für ihre Rolle benötigte. Berührend ihre Auftritte als vom Tod gezeichnete Marie in den Traumsequenzen.

Der Dresdner Bariton Sebastian Wartig hatte die Doppelrolle Frank und Fritz zu bewältigen. Als guter Freund Frank gelang es ihm, Paul beizustehen und zu besänftigen, als Fritz hatte er als unglücklich verliebter Pierrot der Theatergruppe den „letzten Gassenhauer der Opernliteratur“, wie man oft die Arie „Mein Sehnen, mein Wähnen“ nennt, zu singen. Er tat es mit Inbrunst und dem nötigen Schmelz.

In Mariettas Theatertruppe waren neben Fritz noch der deutsche Tenor Karl-Heinz Brandt als Victorin, der kanadische Tenor Nathan Haller als Graf Albert sowie die koreanische Sopranistin Ye Eun Choi als Juliette und die in Deutschland geborene Mezzosopranistin Sofia Pavone als Lucienne. Sie alle spielten ihre Rollen mit sichtlicher Begeisterung, wobei die beiden attraktiven Sängerinnen durch ihr leidenschaftliches Spiel in den erotischen Szenen besonders gefielen. 

Als Haushälterin Brigitte bot die Schweizer Mezzosopranistin Eve-Maud Hubeaux eine souveräne Leistung. Trotz zurückhaltendem Spiel verstand sie es, ihre Liebe zu Paul nicht zu  verheimlichen. Die Knaben- und Mädchenkantorei Basel war sing- und spielfreudig und tobte in Scharen lautstark durch Pauls Haus, wobei sie nicht nur Paul nervten.

Das Sinfonieorchester Basel brachte unter der Leitung des in den USA geborenen Dirigenten Erik Nielsen die prachtvolle Partitur des Komponisten, dessen Musik sich wie ein Sog in die Herzen des Publikums drängt, in allen Nuancen zum Klingen. Noch ein Zitat des Dirigenten: „Was er bei diesem Stück geleistet hat, zeigt Korngolds Genie.“ 

Das restlos begeisterte Publikum stimmte am Schluss in einen Jubelchor für die beiden Hauptdarsteller Rolf Romei und Helena Juntunen ein, in den sich auch viele „Bravi“-Rufe mischten, und zollte allen Mitwirkenden verdientermaßen einen minutenlangen, nicht enden wollenden Beifall.

Udo Pacolt

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