Der Neue Merker

BASEL/ Stadtcasino: DIE FLEDERMAUS – halbszenische Aufführung

Im Stadtcasino Basel: DIE FLEDERMAUS

Halbszenische Aufführung / Veranstalter Postfinance Classics in Zusammenarbeit mit der Neuen Oper Austria

Besuchte Aufführung: 12. 12. 2013 (Premiere: 8. 12. 2013 in Genf)

Instrumental und vokal voll überzeugend

Was war das doch für ein gelungener Abend! Die im Rahmen einer Tournee von PostFinance Classics erfolgte Aufführung von Strauss’ „Fledermaus“ im Konzertsaal des Baseler Casinos bereitete vom ersten bis zum letzten Augenblick ungetrübte Freude und wurde von dem zahlreich erschienenen Publikum am Ende dann auch zurecht mit stürmischen Ovationen gefeiert. Diese hoch gelungene Vorstellung war etwas ganz Besonderes. Sie wird noch lange in Erinnerung bleiben.

Unbenannt
Marysol Schalit (Adele)

Dass der Abend ungemein kurzweilig und vergnüglich geriet und wie im Fluge verging, ist zuerst einmal Wolfgang Gratschmaier zu verdanken, der zusammen mit dem hochkarätigen Ensemble eine von ihm selbst erstellte halbszenische Fassung von Strauss’ Meisteroperette präsentierte, die sich durch moderne Diktion und viel Wortwitz auszeichnete und manchmal Erinnerungen an die alte Münchner Inszenierung von Otto Schenk wachrief. Man vergaß schnell, dass es kein Bühnenbild gab, denn die lustvolle, temporeiche und mit zahlreichen Gags gespickte Personenführung entwickelte sich schnell zum Selbstläufer. Es kommt nicht von ungefähr, dass auf einer leeren Bühne oft die besten Inszenierungen stattfinden, sofern der Regisseur nur sein Handwerk versteht. Und das war bei Gratschmaier der Fall. Mit versiertem technischem Können animierte er das spielfreudige, hervorragend aufgelegte Ensemble, dem er sich auch selber in drei kleineren Rollen – Schani, Ivan und Kröte – zugesellte, zu darstellerischen Höchstleistungen voller Witz und ausgelassenem Esprit, wobei er in Brecht’scher Manier zeitweilig auch den Zuschauerraum und sogar Besucher in das Spiel mit einbezog, die sich insbesondere beim Auffangen der von den Protagonisten über den Rücken von sich geworfenen Champagnergläsern trefflich bewährten. Hier konnte sich einem der Eindruck aufdrängen, es handele sich um bestens vorbereitete Statisten, was indes nicht der Fall war. Die Rollen von Dr. Blind und Frosch waren gänzlich unkonventionell mit einer Frau besetzt, was dem Ganzen einen ganz besonderen Reiz verlieh. Dem weiblichen Gefängniswärter stellte Gratschmaier zudem noch ein männliches, von ihm selbst gespieltes Pendant an die Seite. In einer dem ursprünglichen Libretto hinzugefügten Szene lässt er zu Beginn den ebenfalls von ihm selbst verkörperten Conférencier, Dr. Falke und Orlowsky den Racheplan der Fledermaus aushecken, für dessen Durchführung der Prinz bereitwillig seine Villa zur Verfügung stellt. Dabei ergibt sich, dass dies augenscheinlich nicht der erste Vergeltungsschlag von Dr. Fledermaus und dem russischen Adligen ist. Derartiges kam wohl schon öfters vor.

Im weiteren Verlauf des Abends waren Jubel, Trubel, Heiterkeit angesagt, wozu auch Dirigent Thomas Rösner und die ausgelassen und mit großem Schwung aufspielende Philharmonie Baden-Baden einen gehörigen Teil beitrugen. Strauss’ Meisteroperette erklang in einer Fulminanz und Spritzigkeit, wie man es bei diesem Stück lange nicht mehr erlebt hat. Da die Tournee von keinem Chor begleitet wurde, mussten dessen Passagen gestrichen werden. Teilweise wurden sie von den Solisten übernommen, so am Ende bei „O Fledermaus“, oder die Melodie vom Orchester gespielt, wie es bei der ersten Nummer des zweiten Aktes geschah, die hier an den Beginn des nach der Pause folgenden zweiten Teils verlegt wurde.

Und auf welch hohem Niveau bewegten sich doch die gesanglichen Leistungen. Von diesem mit großer Sorgfalt ausgesuchten excellenten Sängerensemble, das sich aus mehr und weniger bekannten Namen zusammensetzte, können auch große Häuser nur träumen. Während man bei Aufführungen der „Fledermaus“ sogar an Staatstheatern oft nur mittelmäßige, dünne Stimmen zu hören bekommt, hatte man es hier mit einem glanzvollen Fest der Stimmen zu tun, bei dem ein Solist besser war als der andere. Italienische Gesangstechnik wurde an diesem bemerkenswerten Abend ganz groß geschrieben. Bravo!

Das begann schon bei dem blendend aussehenden und trefflich spielenden Paul Armin Edelmann, der nicht nur darstellerisch, sondern auch gesanglich ein Glücksfall für den Eisenstein war. Seine Tongebung war bis zum hohen ‚as’ hinauf in jeder Lage voll und rund. Dazu gesellte sich eine enorme Ausdrucksintensität seines klangvollen Baritons. Als Rosalinde vermochte Ks Michaela Kaune für sich einzunehmen, die ihrem Part nicht nur äußerlich gut entsprach, sondern diesem mit ihrem sauber verankerten Sopran auch vokal gehöriges Gewicht zu geben verstand. Einen bestens sitzenden Bariton, dessen beträchtliche Legatofähigkeiten insbesondere bei „Brüderlein und Schwesterlein“ offenkundig wurden, brachte Matthias Hausmann für den Dr. Falke mit.

Stimmlich nicht weniger profund gab Carlo Hartmann den Frank. Ein Hochgenuss war es auch, César Augusto Gutiérrez zuzuhören, der mit seinem prachtvollen, farbigen Tenor nicht nur die eigentlichen Passagen des in seinem rot-blauen Kostüm ein wenig wie Supermann wirkenden Alfredo ausgezeichnet sang, sondern daneben als stückimmanente Kostproben seines großen Könnens auch zahlreiche Stellen aus diversen italienischen Opern zum Besten gab. Dass Rosalinde bei diesem Schmelz des Sängers regelrecht zerfloss, war nur zu verständlich. Prinz Orlowski war hier mit einem Sopran besetzt: Renée Schüttengruber verlieh ihm großen, bestens gestützten Wohlklang. Solide intonierend und darstellerisch köstlich bewältigte Sigrid Hauser Dr. Blind, Ida und Frosch, wobei sie vor allem im dritten Akt oft ungemein schnell zwischen den verschiedenen Partien hin und her zu wechseln hatte, was ihr vortrefflich gelang.

Bleibt noch die Adele der der jungen, bezaubernd aussehenden Marysol Schalit; ihr schien die Rolle des kecken, temperamentvollen Stubenmädchens gleichsam auf den Leib geschrieben. Frau Schalit hat alles, was man von einer idealen Adele erwartet. Schon mit der Spielfreude, die sie an den Tag legte, vermochte sie zu gefallen. Und erst recht gesanglich. Sie verfügt über einen schön italienisch focussierten, klangvollen und bereits recht metallischen Sopran, den sie ausgezeichnet zu führen verstand und der in jeder Lage bis zu den Spitzentönen gleichermaßen voll und rund ansprach. Ihre beiden Solodarbietungen „Mein Herr Marquis“ im zweiten und „Spiel ich die Unschuld vom Lande“ im dritten Akt, bei denen sie mit einem Klimt- Fächer ausgestattet einfach köstlich kokettierte, wurden vom Publikum mit spontanem Zwischenapplaus und Bravorufen bedacht. An diesem Abend erwies sich Frau Schalit als Meistersoubrette. Rein stimmlich ist sie aber bereits im lyrischen Fach angelangt.

Fazit: Herzliche Gratulation an alle Beteiligten. Die beste Fledermaus, die ich je gehört habe! Der Besuch dieser unvergesslichen Aufführung, die das nächste Mal am 27. 12. 2013 in der Tonhalle Zürich gegeben wird und von der man sich eine CD-Aufnahme wünschen würde, wird sehr empfohlen!

Ludwig Steinbach

 

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