Der Neue Merker

BASEL/ Schauspielhaus: WOYZECK – vom Fragment zur veritablen Sprechoper. Premiere

Basel: Schauspielhaus – „Woyzeck“    –  Premiere: 15.09.2017

 Vom Fragment zur veritablen Sprechoper

 Auf der Bühne steht eine riesige, seitlich angehobene Drehscheibe. Mit dem ersten Ton beginnt sie sich im Uhrzeigersinn zu drehen. Dies tut sie ununterbrochen bis zur Pause – und danach erneut. An der „Rampe“ der Scheibe erscheinen Woyzeck und Andres. Sie gehen im Gegenurzeigersinn am Rande der Scheibe entlang und verharren so für den Zuschauer an derselben Stelle. Vorwärtsstreben und dennoch nicht weiter kommen, so ist das Leben – manchmal. Sämtliche Figuren der Aufführung sehen sich hier mit derselben Problematik konfrontiert. Regisseur Ulrich Rasche, der auch für die düstere Bühne verantwortlich zeichnet, richtet seinen „Woyzeck“ ganz in das Innere der einzelnen Personen. Zwischen ihnen findet kaum eine Berührung statt. Wenn sie reden, schauen sie sich nicht an, sondern richten ihren Blick konsequent ins Publikum. Der Text wird sehr langsam, zuweilen bewusst monoton, resigniert, hoffnungslos und mit grossem Pathos rezitiert. Ulrich Rasche verzichtet darauf eigene Textergänzungen anzubringen und richtet auch diesbezüglich die ganze Tragödie nach innen. Die Aufführung wird mit der Bühnenmusik von Monika Roscher unterlegt. Die durchgehende Komposition mit starker Minimal-Music-Tendenz ist immer präsent und intensiviert die absolute Trostlosigkeit auf der Bühne zusätzlich. Die live aufgeführte Bühnenmusik nimmt eine zentrale Stellung ein: Das Schritt- und Sprechtempo auf der Bühne richten sich voll und ganz nach ihr. Monologe werden zu gesprochenen Arien, Dialoge zu Duetten,  eindringliche Sprechchöre (Chorleitung: Toni Jessen) entstehen: Regisseur Rasche hat eine veritable „Sprechoper“ mit wagnerischen Zeitdimensionen geschaffen; durch lange Wiederholungen und Verwandlungen bringt es „Woyzeck“ auf stolze drei Stunden. Der Abend geht absolut an die Grenze des Erträglichen, die Überlänge, die niederschmetternde Schwere sorgen dafür, dass einige Zuschauer nach dem zweistündigen (!) ersten Teil den Weg in den Zuschauerraum nicht mehr finden wollen. Nachvollziehbar, denn gerade die Szenenwechsel werden in die Länge gezogen, die Sprechchöre wiederholen sich beinahe unendlich – ohne dabei etwas Neues zu bieten: Es bleibt bei „Treten an Ort“ – aber das ist ja auch Teil des Regiekonzeptes.

Die SchauspielerInnen auf der Bühne sind schlicht und ergreifend grossartig! Ulrich Rasche verlangt von ihnen alles ab. Büchners aufwühlenden Text praktisch ohne körperliche Aktion und grosse Emotion im „Dauermarsch“, getaktet auf die Akzente der Bühnenmusik stimmig zu vermitteln, stellt eine Herkules-Aufgabe dar, welche die jungen Akteure mit absoluter Textsicherheit und grossartiger Diktion bravourös meistern: Nicola Mastroberardino (Woyzeck), Franziska Hackl (Marie), Thiemo Strutzenberger (Hauptmann), Florian von Manteuffel (Doktor) Michael Wächter (Tambourmajor), Max Rothbart (Andres), Barbara Horvath (Margreth/Ausrufer/Jude) und Toni Jessen, Justus Pfankuch (Ausrufer/Handwerksburschen) verdienen den jubelnden Applaus des Publikums auf jeden Fall.

Alexander Maschke (Viola), Sebastian Hirsig (Piano), Katelyn King/Nicolas Wolf (Schlagzeug) Lucas Rössner/Gordon Fantini (Fagott/Kontrafagott) und Theo Evers (E-Bass) setzen die düstere Bühnenmusik mitreissend um.

Der Basler „Woyzeck“ – ein aufwühlender, verstörender, schier unerträglicher Schauspielabend – eine Grenzerfahrung, die nachwirkt!

Michael Hug

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