Der Neue Merker

BASEL/ Musicaltheater: FONTANE DI ROMA – Sinfoniekonzert – Sinfonieorchester Basel – Cameron Carpenter, Orgel – Michal Nesterowicz, Leitung

Basel: Musical Theater Basel – „Fontane di Roma“ -Sinfoniekonzert – Sinfonieorchester Basel – Cameron Carpenter, Orgel – Michal Nesterowicz, Leitung    –  30.08.17

 Musikalischer Kubismus, Brunnen, Pinien und Teufeleien

 Seit Jahren schon weiss das Sinfonieorchester Basel (SOB): Ohne zufriedene Konzertbesucher geht gar nichts. Diesen Leitgedanken hat sich das SOB auch für die neue Spielzeit gross auf die Flagge geschrieben und hofft mit entsprechenden Massnahmen und Angeboten das „Schiff“ auf Erfolgskurs zu halten. Die Zeichen dafür stehen gut – sehr gut sogar. So zeigt sich Geschäftsleiter Franziskus Theurillat in seinen eröffnenden Begrüssungs- und Dankesworten zu recht über die auf die neue Saison hin gestiegene Abonnentenzahl höchst erfreut. Ebenso erfreulich ist das Resultat der brieflichen Umfrage, welche zu Beginn der Sommerpause an die Abonnenten zugestellt wurde: Von einer Rücklaufquote von 85 % können andere nur träumen. Auch die darin enthaltenen Antworten stellen das SOB mehr als nur zufrieden und bestärken die vielen guten Geister vor und hinter den Kulissen im eingeschlagenen Kurs. Besonders freut die Verantwortlichen der Wunsch der Basler Musikfreunde nach vermehrter Aufführung von Werken aus dem 20. Jahrhundert. Mit diesem Wunsch wird das Basler Publikum seinem Ruf, offen und im positiven Sinn neugierig zu sein, mehr als nur gerecht. Den engen Bezug zu ihrem Orchester bekunden die Basler Konzertbesucher in dem Wunsch, einzelne Orchestermitglieder auch einmal solistisch zu erleben. Genau diese Anregung setzt das SOB an diesem Abend mit dem ersten Werk um: Solopaukist Domenico Melchiorre erhält die Gelegenheit, sich bei Edgard Varèses „Intégrales (1924 – 25)“ als Dirigent zu beweisen. Varèse verlässt mit dieser Komposition die Tradition des streicherbetonten Orchesterklanges der Spätromantik und stellt Bläser und Schlagzeug ins Zentrum. Zudem enthält seine Musik „weder eine Geschichte noch ein Bild noch eine psychlogische oder philosophische Abstraktion …“ sondern sei „einfach Musik“, wie der Komponist anlässlich der Werkeinführung anlässlich der Uraufführung schreibt. Das Programmheft des SOB verwendet in seinem Artikel den Begriff „Kubistische Musik“ und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Das aus Holz- und Blechbläsern sowie Schlagzeugen bestehende Ensemble besticht dabei durch Klarheit, Exaktheit und Transparenz.

Niccolò Paganini wird ja nachgesagt, er habe seine Seele dem Teufel verkauft, so virtuos war sein Spiel. Dies könnte man auch mit Recht und Fug über Sergei Rachmaninow sagen, der mit seinen Werken – und insbesondere mit der „Rhapsodie über ein Thema von Paganini a-moll“ ebenso Tollkühnes schuf. Als dritter gesellt nun sich der Organist Cameron Carpenter zu diesem „teuflischen Bund“. Der Amerikaner ist dabei, die Orgel zu revolutionieren und deren Repertoire zu erweitern. Er lässt sich von Marshall & Ogletree nach seinen Angaben seine eigene „International Touring Organ“ bauen und tourt mit ihr, zwei Lastwagen und zwei Technikern um den Globus. Er sprengt die Grenzen des herkömmlichen Orgelrepertoires und arrangiert Klavierkonzerte, Sinfonien usw. für sein Instrument und verleiht den Werken seine Sichtweise und einen neuen „Touch“. Nun mag man natürlich darüber streiten, ob das nun wirklich nötig sei – interessant und gekonnt ist es allemal. Zusammen mit dem SOB unter der Leitung von Michal Nesterowicz stellt Carpenter Rachmaninows „Rhapsodie über ein Thema von Paganini a-Moll, op. 43 (1934)“, „hallunziniert von Cameron Carpenter“, wie der Solist es gerne im Programmheft lesen möchte, vor. Schon beim Auftreten macht der Künstler klar, wer in den kommenden 23 Minuten das Sagen hat: Er selbst und sein Instrument. Kurz und gut: Carpenters Orgelspiel ist der absolute Wahnsinn! Dank den Glitzersteinchen an seinen Schuhen wird die unglaubliche Kunst des bewusst mit dem Rücken zum Publikum performenden Musikers auch noch zusätzlich sichtbar. Seine Beinarbeit steht der hohen Virtuosität seiner Hände um überhaupt nichts nach. Musikalisch bietet Carpenters Bearbeitung der „Rhapsodie“ viel Neues und Originelles, ohne dabei Rachmaninows Werk zusätzlich eigenmächtig zu erweitern oder es zu verfälschen. Zuweilen geht jedoch das Orchester in der Klangwucht der Orgel etwas unter. Zudem entsteht vereinzelt der Eindruck, dass zwei voneinander unabhängige Klangkörper zugange sind, wobei der eine (die Orgel) den anderen (das Orchester) vom Podium zu verdrängen versucht. Ein akustisches Gesamtbild mag nicht entstehen.

Es war Liebe auf den ersten Blick, die Ottorino Respighi für Rom empfand, als er 1913 Bologna verliess und eine Professur in der italienischen Hauptstadt antrat. Dies Liebe gipfelte in einem Tryptichon, mit welchem der Komponist 1915 begann. Die „Fontane die Roma (1916)“ und die „Pini di Roma (1924)“ bringt das Sinfonieorchester Basel unter Michal Nesterowicz stimmungsvoll von der Bühne. Der auswendig dirigierende Maestro zaubert mit seinem Orchester stimmungsvolle Bilder der vier Brunnen Roms in erfrischenden, erquickenden Art und Weise – genau das brauchen die Konzertbesuche an einem Hitzetag, wie der 30. August einer ist! Bei den „Pinien“ wird der Wind, der durch die Bäume weht, spürbar, das Finale gerät herrlich monumental – vor dem geistigen Auge ziehen üppige Bilder eines Monumentalfilmes vorbei …

„Fontane di Roma“ – der geglückte Start des Sinfonieorchesters Basel in die neue Konzertsaison. Weiterhin – toi, toi, toi!

Michael Hug

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