Der Neue Merker

BASEL/ Kleine Bühne: DANCE LAB 8 – Choreographische Wundertüte

Basel: Theater Basel – Kleine Bühne – Ballett Theater Basel: „DanceLab 8“    –  Besuchte Aufführung: 15.06.2017

 

Choreographische Wundertüte

Ein Markenzeichen des Basler Ballettdirektors und Choreographen Richard Wherlock besteht darin, dass er mit seiner Compagnie nicht nur sich alleine verwirklicht, sondern stets Tür und Tor für Gastchoreographen öffnet und so dem Ensemble des Ballett Theater Basel die unschätzbare Chance bietet, sich intensiv in verschiedenen choreographischen Sprachen und Ausdrucksweisen zu bewähren. Dies ist natürlich eine  „Win-Win-Situation“: Einerseits entwickeln die Tänzerinnen und Tänzer ihr tänzerisches Repertoire weiter, andererseits kann Choreograph Wherlock seine eigene Tanzsprache erweitern in dem Wissen, dass seine Compagnie, welche für mich zu den vielseitigsten überhaupt gehört, auch diese Weiterentwicklungen mit grossem Engagement und Enthusiasmus meistert. Stillstand und Routine beim Ballett Theater Basel? – Fehlanzeige!

„Ein … wichtiges Ziel im Rahmen der Nachwuchsförderung ist es, meinen TänzerInnen zu ermöglichen, einmal selbst ein Stück zu kreieren und auf die Bühne zu bringen“, so der Basler Ballettdirektor im Programmheft. Damit zeigt er seinen Künstlern einen möglichen Weg für die Zeit nach der Bühnenkarriere auf – die Tänzerlaufbahn muss keine Sackgasse sein! Und so sind die „DanceLabs“ entstanden, welche heuer in die achte Runde gehen und sich allgemeiner grosser Beliebtheit erfreuen. Es sind diese Wundertüten, gefüllt mit wunderbaren, berührenden Geschichten und Bildern. Öffnet man sie gespannt, kann man über deren Inhalt nur noch staunen: Was für eine choreographische, künstlerische und inszenatorische Vielfalt steckt da in unserem Ensemble! Es ist immer wieder faszinierend zu erleben, wie die jungen (angehenden) Tanzschaffenden aus allem, was sie während ihrer Bühnentätigkeit prägt, ihre ureigene, höchst persönliche Tanzsprache entwickeln.

In Andrea Tortosa Vidals „Being Frank Pedersen“ stolpert der Tänzer Frank Fannar Pedersen durch sein Leben, kann sich nicht entscheiden, ob er diese eine Türe durschreiten soll oder nicht, weicht zurück und knallt heftig in eine schwarze Wand, an der er dann bewusstlos kleben bleibt und mit verschiedenen Situationen aus seinem Leben konfrontiert wird. Vidal bedient sich bei den Ausdrucksmitteln des Moderndances und des Tanztheaters und arbeitet mit Licht und Schatten. Besonders originell ist die Stelle, in welcher die Schatten etwas ganz anderes tun als die Personen, die sie werfen – ein Schatten verirrt sich versehentlich ohne Schattenwerfer auf die weisse Wand.

Inspiriert durch die aktuelle politische und soziale Situation in Amerika schuf Armando Braswell „Uneven Varations“. Darin geht es aber nicht um Politik sondern um „allgemein akzeptierte Ungleichheiten“ – wie z. B. die Spannungen zwischen Schwarzen und Weissen, Armen und Reichen –  welche der energiegeladene Tänzer in seiner pfiffigen Arbeit pointiert betrachtet. Auf der Bühne begeistert Braswell mit seinem kraftvollen, sprunggewaltigen und ausdrucksstarken Tanz und verlangt von sich alles ab. So verwundert es überhaupt nicht, dass auch seine Choreographie für seine Aufführenden zu einer kräftezehrenden und äusserst schweisstreibenden Angelegenheit wird. Der Zuschauer wird ebenfalls gefordert, indem er sich quasi im Minutentakt mit einem musikalisch-tänzerischen Stilwechsel konfrontiert sieht. Das Ensemble ist mit grosser Begeisterung dabei – dem Zuschauer bereitet das Ganze enormen Spass.

In „Cheap Glitter“ beschäftigt sich Max Zachrisson, welcher zudem auch noch für die Musik und die Videos verantwortlich zeichnet, mit dem Thema der Geburtstage, welche gar nicht immer so „happy“ sein müssen, wie doch so oft gemeint wird. Je älter wir werden, desto mehr wird uns auch bewusst, dass der Zahn der Zeit an uns nagt und sich auch unser Lebensumfeld oft so ändert, wie wir es eigentlich nicht wollen. Mit witzigen Ensembles und dem grossartigen, sprunggewaltigen „Geburtstagskind“ Anthony Ramiandrisoa zeigt Zachrisson mit viel Augenzwinkern das auf, was so manchen von uns beim Wiederkehren des Wiegenfestes insgeheim beschäftigt – je älter wir werden.

„Under The Table“ – Ja, unter den Tisch flieht so manches Opfer häuslicher Gewalt. In ihrer schonungslosen Arbeit klagt Luna Bustinduy Mertens laut gegen dieses Phänomen und die oftmals tatenlose Ratlosigkeit, mit welcher die Gesellschaft diesem Thema gegenübersteht. Das Opfer steht am Bühnenrand, mimt einen langen, tonlosen Hilfeschrei, der von den Betrachtern gehört wird. Bustinduy Mertens zeigt ein Paar in diesem Strudel zwischen Gewalt, „Verzeihen“, Angst und Hörigkeit.

Dies tut sie mit brutaler Intensität, welche hart an die Erträglichkeitsgrenze der Zuschauer geht. Die Choreographin beleuchtet das Thema nicht eindimensional sondern aus der Sicht beider Beteiligten, und dies ohne eigentlich Anklage gegen den Täter zu erheben. Sie zeigt den gewalttätigen furchteinflössenden Mann in seiner ganzen Brutalität auch als Opfer seines eigenen inneren Konfliktes zwischen Liebe, Verunsicherung, Eifersucht und Machtgier. Mit gewaltigen, groben Hebungen wirbelt er seine verzweifelte, gebrochene Partnerin durch die Luft. Das Drama gipfelt darin, dass der Mann die Frau auf dem Tisch, unter dem sie Zuflucht gesucht und nicht gefunden hat, erwürgt. Danach Bewusstwerdung, Reue und Trauer des Täters. Die Videoprojektion zeigt, wie sehr sich das Paar einmal geliebt hat – die Hebungen, welche bislang grenzenloser Gewalt und Brutalität darstellten, stehen hier als Sinnbild für das verliebte, neckische Spiel zweier Liebenden … Dieses verstörende Tanzdrama gelingt durch die intensive Darstellung von Vivian de Britto Schiller und Sergio Bustinduy, welche hier buchstäblich um ihr Leben tanzen. Das ganze Stück wirkt authentisch und spontan – man merkt es nie, dass alles akribisch genau einstudiert und choreographiert ist. Eindringlich auch die Sängerin Agnes Björgvinsdottir, am Klavier begleitet durch Angiola Maria Grolla, mit „Sound Of Silence“.

Der aus Kolumbien stammende Rubén Banol Herrera macht in seinem Stück die Geschichte Chambacùs zum Thema. Chambacùs war ein Slumquartier in der Stadt Cartagena, welche als schönste Kolonialstadt Lateinamerikas gilt. In diesem Quartier pulsierte das energische, starke und kämpferische Leben der ärmsten der Armen. 1971 wurde dieser „Schandfleck“ dem Erdboden gleich gemacht, 1’300 Familien verloren ihr Obdach. Herrera zeichnet ein liebevolles, sensibles Portrait der Menschen und deren Leben in Chambacù und zeigt in stimmungvollen Ensembles dass pure Lebensfreude auch in Armut funktioniert. Einen Höhepunkt für sich bildet dabei die Sängerin Aura Gutierrez Capeille.

„The Discontinuation Of An Echo“ von Sol Bilbao Lucuix ist eine Art Tanz-Perfomance, deren zentrales Element ein dickes Seil ist, mit welchem drei Tänzerinnen miteinander verbunden sind. Jede Tänzerin zieht in eine Richtung und versucht, die beiden anderen mitzuziehen. Dies gelingt selbstverständlich so lange nicht, bis eine der drei zusammenbricht und nicht mehr aufsteht. Sol Bilbao Lucuix spricht hier eine für die Basler Ballettfreunde eine ungewohnte Sprache, welche durchaus fragend irritiert.

DanceLab 8 ist ein feines, kleines Juwel am Basler Tanzhimmel und ein Paradebeispiel für funktionierende Teamarbeit: Tänzerinnen und Tänzer, welche mitreissende Arbeiten ihrer KollegInnen engagiert umsetzen. – Gespannt warten wir auf die neunte Wundertüte.

Michael Hug

Diese Seite drucken