Der Neue Merker

BASEL/ Grosse Bühne: LUCIO SILLA. Premiere

BASEL/ Theater – Grosse Bühne: Lucio Silla – Premiere

Theater Basel: „Lucio Silla“ Inszenierung: Hans Neuenfels, musikalische Leitung: Erik Nielsen

Premiere 14. September 2017

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Copyright: Theater Basel/ Sandra Then

Wenn der NameWolfgang Amadeus Mozart fällt, ist das musikalische Drama „Lucio Silla“ bestimmt nicht das Werk, an welches als erstes gedacht wird. Das Theater Basel eröffnet jedoch die Saison 2017/2018 mit genau dieser eher unbekannten Oper und schenkt dem Publikum einen Abend, in dem es hinsichtlich der musikalischen und inszenatorischen Interpretation einen Hochgenuss erlebt. Dazu trägt das gesamte Team des Theater Basel bei.

Wenn die ersten Töne der Ouvertüre erklingen, wird einem schnell bewusst, was dies für ein Abend werden wird. Der Generalmusikdirektor des Theater Basel, Erik Nielsen, überzeugt mit einem transparenten, frischen und gefühlsvollen Dirigat. Er gibt klare Einsätze für die Sänger und gestaltet die Übergänge auf dem Cembalo in die Rezitative sehr geschmackvoll. Dabei wird er von der jungen Irina Krasnovskaam Cembalo zusätzlich unterstützt.

Das Sinfonieorchester Basel (SOB) ist jedoch der geheime Favorit des Abends. Jede Orchestergruppe musiziert perfekt ausbalanciert, leidenschaftlich und sehr exakt. Es gelingt dem SOB das Publikum in die musikalische Raffinesse Mozarts hineinzuziehen und eine Spannung aufzubauen, die bis in die Galerie hinauf zu spüren ist.

Auf der Bühne agiert ein sehr junges Sängerensemble, welches eine sehr solide bis sogar vortreffliche Darbietung liefert. Die Titelpartie Lucio Silla wird von Jussi Myllys verkörpert, welcher eine vortreffliche Diktion und Intonation aufweist.Hila Fahima singt die Rolle der Giunia sehr glaubwürdig und bestimmt. Man kann ihre Verachtung gegenüber dem Diktator aus ihrem Gesang heraus hören. Eine interessante Figur ist jene des Aufidios, welcher vom jungen Tenor Matthew Swensen verkörpert wird. Er gibt der Rolle des Beraters einen unsicheren und „tapsigen“ Touch, obwohl er doch mehrmals dem Diktator zu Gewalttaten rät. Das Libretto der Oper verfasste Giovannni di Gamerra, welcher sehr düstere Szenerien entwarf. Die Tatsache, dass die eigentlich finstere Rolle des Aufidios in dieser Inszenierung fast schon komische Züge aufweist, ist in diesem Fall sehr speziell – passt jedoch sehr gut in die sowieso eher lustige Atmosphäre der Inszenierung. Stimmlich überzeugt Swensenjedoch in jedem Masse, da er über eine sehr ausgeglichene und kernige Stimme verfügt, deren Volumen er jedoch noch weiter entwickeln kann. Sarah Brady singt eine ebenfalls sehr solide Interpretation der Celia, welche die Schwester des Diktators ist. Kristina Stanek, welche die Rolle des verbannten Senators Cecilio interpretiert und Hailey Clark, welche die Rolle des Lucio Cinna darstellt, sind die zwei beeindruckendsten Partien des Abends. Beide glänzen mit einer hervorragenden darstellerischen, sowie auch gesanglichen Leistung.

Der Chor des Theater Basel unter der neuen Leitung des Australiers Michael Clark bietet dem Publikum ebenfalls eine musikalische Darbietung der höchsten Güteklasse.

Der renommierte Regisseur Hans Neuenfels inszeniert die Oper sehr amüsant. Vortrefflich fällt dabei die Personenregie der einzelnen Sängerinnen und Sänger aus. Es sind  überspitzte, zweidimensionale Charaktere ohne viel Tiefgang – was der Inszenierung jedoch überhaupt nicht schadet. Sie wirkt dadurch frisch und ansprechend, obwohl es keine sehr turbulente Inszenierung ist. Zwei Maskierte (Mirjam Karvat und Mukdanin Daniel Phongpachith) tauchen zusätzlich immer wieder auf und stellen die psychischen Befindlichkeiten der Sängerinnen und Sänger auf eine physische Art und Weise dar. Zusätzlich zu erwähnen bleibt, dass die Oper in einer um eine Stunde gekürzten Fassung gezeigt wird. Das ist eigentlich schade, weil man hinsichtlich der vortrefflichen musikalischen und szenischen Interpretation gerne noch mehr von der Oper gesehen hätte. Für die Dramaturgie ist Henry Arnoldverantwortlich.

Das Bühnenbild von Herbert Murauer passt perfekt in die Inszenierung und hält die eine oder andere ästhetische Überraschung bereit, wie zum Beispiel die hinter einer Tür erscheinende Skulptur eines weiblichen Geschlechtsorganes, welche sich mit den Rachegelüsten des Diktators in Verbindung bringen lässt und so Bezug zur Handlung nimmt. Die Lichtgestaltung von Stefan Bolliger ist sehr stimmig; auch die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer sind sehr ansprechend.

Man kann vor dem Theater Basel nur den Hut ziehen, dass es sich an diese eher unbekannte Oper von Mozart gewagt hat und einen gelungen Saisonstart verbuchen kann, den alle Beteiligte redlich verdient haben. Hoffen wir, dass das Theater Basel seine Saison so erfolgreich fortführen kann.

Philipp Borghesi

 

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