Der Neue Merker

BASEL: „DONNERSTAG AUS LICHT“ von Karlheinz Stockhausen. Wiederaufnahme

Opernrarität in Basel: „Donnerstag aus Licht“ von Karlheinz Stockhausen (Wiederaufnahme: 29. 9.2016)

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Ein opulentes Bühnenbild bot der 3. Akt, der im Weltall spielt (Foto: Sandra Then)

Am Donnerstag, dem 29. September 2016, nahm das Theater Basel seine erfolgreiche Produktion der Oper „Donnerstag aus Licht“ von Karlheinz Stockhausen – sie hatte am 25. Juni 2016 ihre Schweizer Erstaufführung – wieder auf. Die mehr als fünfstündige Oper, die im Jahr 1981 an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde, gilt als das Meisterwerk des deutschen Komponisten. Es zählt zu seinem siebenteiligen Zyklus „Licht“, dessen letzter Teil „Sonntag aus Licht“ erst nach seinem Tod in Köln 2011 szenisch uraufgeführt wurde (Der „Online-Merker“ brachte damals einen ausführlichen Bericht über die mehr als neun Stunden dauernde Vorstellung!).

Karlheinz Stockhausen (1928 – 2007) gilt als Klangvisionär und „Vater“ der Neuen und elektronischen Musik. Mit seinem monumentalen Opernzyklus „Licht“ schuf er eine musikalische Schöpfungsgeschichte, die anhand der sieben Wochentage die Entstehung der Welt aus dem Geiste des Musiktheaters zelebriert. „Donnerstag aus Licht“ ist eine spirituelle, weltumspannende Reise durch Raum und Zeit: ein musikalischer Urknall, der mit spielerischer Leichtigkeit und berührender Poesie eine hypnotische Sogkraft zu entfalten vermag.

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Peter Tantsits als junger Michael, im Hintergrund die Psychiatrie, in der seine Mutter liegt (Foto: Sandra Then)

Der Inhalt der Oper, deren Libretto der Komponist selbst verfasste, in Kurzfassung: Im Mittelpunkt steht Michael, ein moderner Orpheus, dessen Bestimmung es ist, „die Himmelsmusik den Menschen und die Menschenmusik den Himmlischen“ zu bringen. Auf seinem Weg durchs Leben, den die Oper in verschiedenen Stationen nachzeichnet, gelangt Michael an mehrere exotische Orte auf der Erde und im Weltall und wird dabei immer wieder mit der dunklen Macht des Luzifers konfrontiert. Doch alle Prüfungen, denen sich Michael auf seiner Suche nach sich selbst zu stellen hat, meistert er souverän – nicht zuletzt mit Hilfe seiner Trompete und der tröstenden Zauberkraft der Musik.

Zur Musik der Oper schreibt der Reclam-Opernführer: „Obwohl der Dichterkomponist Stockhausen seinem Licht-Zyklus eine strenge Zahlensymbolik unterlegt, z. B. treten nur drei in dreifacher Gestalt figurierende Personen auf, deren musikalischen Ausdrucksbereich zudem drei jeweils siebenfach unterteilte Tonreihen darstellen, bestehend aus 13 (Michael), 12 (Eva) und 11 Tönen (Luzifer), wurde die Oper aus bereits vorhandenen Teilen montiert. Den vielfach nur rein instrumental ausgedeuteten Inhalt (2. Akt) präzisiert Stockhausen durch eine von ihm festgelegte Reihe von Aktionen und Gesten, die seinen Privatmythos aus verschiedenen Heilslehren, esoterischem Bekenntnis und selbstgefällig verklausulierter Biographie (in der Jugend Michaels) zu einem theatralischen Œuvre verschweißen, das sich vollkommen von den zeitgenössischen Werken für das Musiktheater unterscheidet.“

 Die amerikanische Regisseurin Lydia Steier war in ihrer Inszenierung bemüht, das Werk in realistischen Bildern umzusetzen, wobei sie wirkungsvoll von ihrem Regieteam unterstützt wurde, das die Drehbühne mit opulenten Glasbauten versah (Bühnengestaltung: Barbara Ehnes). In einem im Programmheft abgedruckten Gespräch unter dem Titel „Das Trauma einer Generation“ äußerte sie: „Als ich Stockhausens Musik während meines Studiums zum ersten Mal begegnete, war ich sofort fasziniert, weil ich in ihr einen überbordenden Idealismus gespürt habe hinsichtlich dessen, was Musik sein kann. Stockhausen glaubte zeitlebens an das große Heil der Musik, was ich als Regisseurin sehr aufregend finde.“

 Die Regisseurin bereicherte die Oper mit teils witzigen Einfällen, wie zum Beispiel beim „Gruß“ vor dem 1. Akt im Foyer des Theaters, der wie eine Persiflage auf die Beatles ablief, wobei auch der Dirigent auf witzige Art mitspielte. Überdies lässt sie Michael und seine Eltern im Hintergrund als Puppen auftreten, was des Öfteren einen komödiantischen Effekt erzielte. Im 1. Akt, „Michaels Jugend“, der viele Parallelen zu Stockhausens Jugend aufweist – seine Mutter wurde im Rahmen des Euthanasieprogramms des Dritten Reichs in der Tötungsanstalt Hadamar umgebracht, sein Vater fiel als Soldat im Krieg – nehmen manche allzu realistischen Szenen schwer verdauliche Formen an. So erleidet die schwangere Mutter eine Fehlgeburt, ein Hase wird gehäutet und der Vater erschießt von seinem Pferd mit dem Jagdgewehr nacheinander die Freundinnen seines Sohnes.

Mit viel Phantasie wurde der 2. Akt, „Michaels Reise um die Erde“, gestaltet, wobei viele Videosequenzen die Handlung begleiten (Video: Chris Kondek). Dass die Regisseurin diesen Akt in eine Psychiatrie verlegte, mag nachvollziehbar sein, um Michaels Jugendtrauma in dieser Anstalt behandeln zu lassen, hinterließ aber doch einen zwiespältigen Eindruck.

Auch der 3. Akt, „Michaels Heimkehr“, in dem Michael seine Erlebnisse Revue passieren lässt, ist phantasievoll inszeniert: so erwies sich die himmlische Residenz als Weltall, in dem der Chor des Theaters Basel (Chorleitung: Henryk Polus) in Weltraumanzügen agierte (Kostüme: Ursula Kudrna). Der etwa zehn Minuten dauernde Abschied wurde auf dem Theatervorplatz zelebriert, wobei fünf Trompeter auf Balkonen und Dächern postiert waren, was dem staunenden Publikum einen originellen musikalischen Eindruck vermittelte.

Ein wichtiges Element der Aufführung war die Klangregie, die Kathinka Pasveer als langjährige künstlerische und persönliche Weggefährtin Stockhausens übernahm, da auch Live-Elektronik zum Einsatz kam. Alle Sänger und Instrumentalisten waren mit Mikrophonen ausgestattet, sodass auch extrem leise und filigrane Töne überall im Raum gut hörbar waren.

Der Part der Hauptrolle war zweigeteilt: Den jungen Michael sang mit samtener Stimme der amerikanische Tenor Peter Tantsits, den älteren Michael ein wenig markiger der deutsche Tenor Rolf Romei. Beide konnten sowohl stimmlich wie darstellerisch voll überzeugen. Mit einer exzellenten Leistung wartete der Trompeter Paul Hübner auf, der die musikalische Begleitung beider Sänger innehatte und dies souverän meisterte. Glänzend auch die französische Tänzerin Emmanuelle Grach, die quasi in der Hosenrolle Michael begleitete und tröstend zur Seite stand.

Seine Mutter Eva wurde von der finnischen Sopranistin Anu Komsi dargestellt, die stimmlich jede Höhe bewältigte, mimisch jedoch etwas blass blieb. Umso stärker im Ausdruck die Tänzerin Evelyn Angela Gugolz und hervorragend die türkische Musikerin Merve Kazokoğlu, die mit ihrem Bassetthorn betörende Töne hervorzauberte und dazu noch im Federkleid –  halb Vogel, halb Frau – als Sternenmädchen Mondeva Michael zu verführen trachtete.

Luzifer, Michaels Vater, wurde von dem Stockhausen-erfahrenen Bass Michael Leibundgut – er sang auch in der Uraufführung „Sonntag aus Licht“ in Köln eine Hauptrolle – mit ausdrucksstarker Mimik gespielt – einfach teuflisch gut. Glänzend auch seine beiden Begleiter, der amerikanische Posaunist Stephen Menotti und der Tänzer Eric Lamb.  

In zwei kleineren Rollen waren noch Vahan Markaryan als Bote und Ansi Verwey, die Studienleiterin am Theater Basel, als Begleiterin Michaels im Examen im Einsatz. Sie hielt im Foyer des Hauses vor der Vorstellung auf lebendige Art und Weise auch den gut besuchten Einführungsvortag – und das in einem eleganten Kleid in Blau, der Farbe Stockhausens für den Donnerstag.

Zu erwähnen ist auch die Statisterie des Theaters Basel, die besonders in den Szenen der Psychiatrie starke mimische und gestische Akzente setzte, wie die Darstellerin der Oberschwester und die Darsteller der Patientenbetreuer. Für das Publikum irritierend waren diese Szenen allemal…

Dem Sinfonieorchester Basel und den acht Soloinstrumentalisten gelang es unter der musikalischen Leitung von Titus Engel, den oftmals faszinierenden Sog aus virtuoser Instrumentalkunst und meditativem Chorgesang zu rauschhaften Klangteppichen mit gewaltigen Orkanen der Blechbläser und extremen Geräuschkulissen zu formen.

Das großteils begeisterte internationale Publikum – in den Pausen erfuhr man, dass viele Besucher u. a. aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, ja sogar aus Australien angereist waren – zeigte sich am Schluss gar nicht ermüdet und belohnte alle Mitwirkenden und das Regieteam mit nicht enden wollendem Beifall und vielen Bravorufen, ehe es zum Theatervorplatz strömte, um dort auch noch den „Abschied“ zu hören.  

Udo Pacolt

 PS: Am 1. und 2. Oktober finden im Theater Basel noch zwei Vorstellungen von Stockhausens „Donnerstag aus Licht“ statt, wobei die Aufführung am 1. Oktober auch als Live-Stream im Internet verfolgt werden kann. Den Live-Stream, der kostenlos ist, muss man bei sonostream.tv anmelden.  

 

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