Der Neue Merker

BASEL: „DONNERSTAG“ aus „LICHT“ von Karl-Heinz Stockhausen. Premiere

BASEL: „DONNERSTAG“ aus „LICHT“   Karl-Heinz Stockhausen
Premiere. 25. Juni 2016

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©Sandra Then

Merve Kazokoğlu, Anu Komsi, Evelyn Angela Gugolz, Chor, Statisterie, Rolf Romei, Emmanuelle Grach, Paul Hübner

Warum wohl wurde das von Karl-Heinz Stockhausen „DONNERSTAG“ seit mehr als 30 Jahren (UA 1981 in Mailand) nicht mehr als Gesamtes auf die Bühne gebracht? Darauf gibt es eine Antwort, welche auf der Hand liegt: Die dreiaktige Oper mit dem Vorspiel Gruss und einem Abschied als Abschluss ist eine grosse, sehr grosse „Kiste“, also eine für ein kleines Theater fast nicht zu bewältigende, kostspielige Produktion. Die zweite Antwort ist eigentlich die Frage: Wird ein Werk, welches musikalisch und handlungsmässig schwer zu verstehen ist, auch vom Publikum angenommen.

Die Premiere in Basel gibt zumindest auf die Akzeptanz beim Publikum eine Antwort: Das Haus war voll, sehr voll sogar und der Schlussapplaus laut, lang anhaltend und frenetisch. Dies sollte eigentlich als Aufforderung zu anderen Produktionen aus Stockhausens „LICHT“ bei den Intendanten ankommen!

Der Donnerstag „GRUSS“, ebenso wie der Abschied wurde von Studierenden der Musikakademie Basel dargeboten. Die Klangästhetik der Blechbläser ist gewöhnungsbedürftig, jedoch ist der Melos, obwohl im Zwölf Ton verankert, durchaus nachzuvollziehen. Die musikalische Offenheit des Publikums wird stark gefordert. Weniger zielführend erschien mir die Inszenierung, welche als Auflockerung gedacht wurde. Die vor dem Auftritt rauchenden Musiker, welche sich ins Publikum mischen, werden dem Ernst des Werkes nicht gerecht! Reine Musik, ohne Regieeinfall! Weniger wäre hier eindeutig mehr, wesentlich mehr!

Im ersten Akt verfolgen wir „MICHAELS JUGEND“. Seine Erinnerungen erscheinen im Bühnenbild von Barbara Ehnes als Spiegelbild und Gedächtnis. Die Personenführung der Regisseurin Lydia Steier wirkt in diesem ersten Akt sehr ruhig ohne falsche Hektik. Etwas befremdlich wirkt die Darstellung der Fehlgeburt von Michaels Mutter, welche für meinen Geschmack doch sehr blutig daherkommt. Ferner ist das Ausweiden eines Hasen im Video ebenso wie auf der Bühne unnötig und meines Erachtens geschmacklos. Auch die Euthanasieszene könnte etwas subtiler dargestellt werden. Aber im Gesamten gesehen, hat mir der erste Akt sehr gefallen und ist sowohl Sehens- wie auch hörenswert.
Die Leistung der Sänger und Sängerinnen ist hervorragend. Dabei ist hervorzuheben, dass kein Dirigent die Einsätze gibt. Die AkteurInnen müssen sich selber koordinieren. 

Der zweite Akt, „MICHAELS REISE UM DIE ERDE“ ist rein INSTRUMENTAL. Wunderbar, präzise gespielt vom Sinfonieorchester Basel (SOB), unter der Stabführung von Titus Engel. Hervorzuheben ist die herausragend Leistung des Solo-Trompeters Paul Hübner, das alter Ego von Michael,
Das Orchester ist bei dieser Inszenierung beidseits der Bühne platziert und im Zentrum stellen die Protagonisten-Innen, rein pantomimisch, die Reise um die Erde dar. Unterstützt werden die KünstlerInnen dabei durch die Videoprojektion der einzelnen Stationen. Die Regie in diesem Akt ist absolut meisterhaft. Musikalisch ist dieser Teil der Oper am eingängigsten.

Im dritten Akt, „MICHAELS HEIMKEHR“ erleben wir die Metamorphose vom irdischen Michael zum himmlischen Michael. In der Basler Inszenierung wird er schon fast als Idol (Eidolon) dargestellt. Bei seiner Ankunft, wo?, wird er reich beschenkt und gefeiert. Die Vision wird mimisch geschildert, mit einer Handzeichensprache, welch entfernt an Eurythmie? erinnert. All dies wird untermalt und illustriert vom Orchester, dem Chor des Theater Basel und dem Chor des WDR, (unsichtbare Chöre Tonband). Die Personenführung der Hauptprotagonisten ist ruhig und entspricht weitgehend der Thematik. Ein wenig hektisch erschien mir die Regie des Chores auf der Bühne. Allerdings kann die Regie beim Chor auch kontrapunktisch zur ruhigen Bewegung der Solisten verstanden werden. Musikalisch sehr schön, mit hervorragender Intonation und Diktion, war der „DRACHENKAMPF“ zwischen Michael (Rolf Romei) und Luzifer (Michael Leibundgut). Beide wurden unterstützt von ihrem anderen ich.

Der „ABSCHIED“, hervorragend interpretiert von den Studierenden der Musikakademie konnte auf dem Theater-Vorplatz gehört werden. Der Genuss hielt sich in Grenzen, da der Lärmpegel, erwartungsgemäss, sehr hoch war. Schade, musikalisch ist der Abschied sehr wohl hörenswert.

Als Michael 1 hervorragend der amerikanische Tenor Peter Tantsits im ersten Akt, sekundiert von seinen zwei Alter Egos, dem  wunderbar musikalisch spielenden Trompeter Paul Hübner, und der französischen Tänzerin Emmanuelle Grach, Tänzerin und Trompeter agieren in allen drei Akten als Verkörperungen Michaels. Michael zwei wurde im dritten Akt vom Schweizer Tenor Rolf Romei brillant gesungen. Romei überzeugt in dieser Rolle auch als Schauspieler.
Die finnische Sopranistin Anu Komsi begeisterte als Eva, sekundiert von Merve Kazokoglu am Bassetthorn und der Schweizerin Evelyn Angela Gugolz. Auch dieses Trio überzeugt künstlerisch und darstellerisch.
Der Bass Michael Leibundgut interpretierte den Luzifer begeisternd und mit vertiefter Kenntnis der Werke Stockhausens, hat er doch schon drei Mal den Luzifer gegeben (in „SONNTAG“, „SAMSTAG“ und „MITTWOCH“ aus Licht.) Er wurde sekundiert vom Posaunisten Stephen Menotti und dem Tänzer Eric Lamb.
Der Chor des Theater Basel war meisterte die schwierigen Passagen einwandfrei. Die Chorleitung oblag wiederum Henryk Polus.
In weiteren Rollen waren zu sehen und hören: Vahan Markaryn, Ansi Vervey, Als Schwalbenpaar
Innhyuch Cho (Klarinette) und Markus Forrer (Klarinette/Bassetthorn) sowie die zwei „Knaben“ Emilie Chabrol und Romain Chaumont (beide Sopransaxophon).
Für die musikalische Einstudierung und als Klangregisseurin konnte Basel Kathinka Pasveer verpflichten. Sie arbeitete intensiv mit Stockhausen und kennt seine Intentionen sehr gut. Ihre Arbeit am Mischpult war so subtil, dass man keinen Moment den Eindruck hatte nur Elektronik zu hören.
Für die Kostüme war Ursula Kudrna zuständig. Das stimmungsvolle Lichtdesign stammt von Olaf Freese und alle Videos wurden von Chris Kondrek erstellt.

Donnerstag aus Licht ist ein monumentales Werk, richtungsweisend für die Opernmusik im 20. Und 21. Jahrhundert, ähnlich wie es Richard Wagner‘s Werke für das 19. und den Anfang des 20. Jahrhunderts waren. Hier wie dort ein Gesamtkunstwerk wie es Wagner vorschwebte.

Das internationale Publikum war vom Abend begeistert und lohnte die Arbeit des gesamten Teams mit lange anhaltendem Applaus.

Peter Heuberger, Basel

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