Der Neue Merker

Barocke Kunst des Geigenspiels im 18. Jahrhundert

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Barocke Kunst des Geigenspiels im 18. Jahrhundert: Zwei exzentrische Italiener in London – Francesco Geminiani und Giovanni Stefano Carbonell

  1. FRANCESCO GEMINIANI: The Art of Playing the Violin – Gottfried von der Goltz; apartemusic CD

Was für ein eigenbrötlerischer Sturschädel, freiheitsliebender Außenseiter, begnadeter Violinvirtuose, Komponist mit pädagogischem Ehrgeiz und erfolgreicher Kunsthändler war doch dieser Geminiani, den es 1714 nach London verschlug. Noch dazu in allen Künsten bewandert, soll er alle europäischen Sprachen gesprochen haben. Sich den Regeln und Launen eines Dienstherrn anzupassen, dürfte seine Sache jedoch nicht gewesen sein. Also dann lieber auf zur europäischen Wanderschaft, die Italiener dominierten damals ohnedies allerorts den Musikgeschmack.

Dafür hat Geminiani der Nachwelt Wunderbares für die Violine in allen möglichen kammermusikalischen Varianten hinterlassen, wobei schriftlich fixierte Noten nur als struktureller Rahmen zu verstehen waren, zu deren Ausführung es der Improvisationskünste eines genialen Instrumentalisten bedurfte. Wie Gregor Herzfell im Booklet weiß, „verzierte und schmückte der Geiger diesen kargen Notentext aus“, wobei dem Zeitgeschmack entsprechende „Verzierungen (Triller, Mordents, Doppelschläge, Umspielungen, Crescendi, Diminuendi)“ in hoher Kunstfertigkeit die Ohren des Publikums verwöhnten. „Das Vorbild dabei war die Gesangskunst. Unter den verschiedenen Bogenstrichen bevorzugt Geminiani den anschwellenden Ton auch bei recht kurzen Notenwerten.“ 

Auf der vollliegenden CD stellt Gottfried von der Goltz (Violine) gemeinsam mit seinen Mitstreitern Annekatrin Beller (Cello), Torsten Johann (Cembalo) und Thomas C. Boysen (Theorbe) zwölf Kompositionen aus „The Art of Playing on The Violin“ von Geminiani  erstmals auf Tonträger vor. Ergänzt wird das Album mit den Sonaten Nr. 6 und 8, Op. 4. 

Diese pure Musik ist ein echter Ohrenputzer und Seelentröster. Mit ornamentaler Lust mäandert der Violinspieler durch blühende Landschaften, erhebt sich flott wie ein Vogel im Frühling in die Lüfte und tiriliert voller überschäumender Lebensfreude, stets der Überraschung, dem Unvorhergesehenen, den freien Assoziationen der Töne folgend. Wir entschweben mit ihm, durchleben ein rasantes Auf und Ab, lassen jede Bewegungsvolte zu, halten bisweilen bei langsamen Sätzen im pathetischen Stil inne. Die Klänge locken, schmeicheln und toben wie ein übermütiges Fohlen herum, bis der letzte Track vorbei ist. . Und weil es gar so schön war, legen wir die „Carbonelli“-CD ein.

2.GIOVANNI STEFANO CARBONELLI: Sonate da Camera Nr. 1-6; Delphian Records CD

Noch so ein jenseits des Ärmelkanals gestrandeter italienischer Tausendsassa, diesmal aus Livorno. In London als bestens beleumundeter Weinhändler noch bekannter denn als Musiker, stand er dennoch immerhin zehn Jahre lang dem Orchester des Drury Lane Theatre vor, wo er für die Zwischenaktmusiken und Solo-Violineinlagen auf der Bühne als Teil der dramatischen Aktion verantwortlich war. Eine Zeit lang bei John Manners, dem dritten Herzog von Rutland unter Vertrag, zog er sich nach und nach aus dem Musikleben zurück, das Weinbusiness war doch zu einträglich geworden.

Auf der vorliegenden CD macht uns der kroatische Virtuose Bojan Čičić samt drei Musikern des Illyria Consorts (Susanne Heinrich, David Miller, Steven Devine) mit sechs intimen Kammersonaten bekannt. Bei den Sonaten drei bis fünf handelt es sich sogar um Weltersteinspielungen. Ganz im Stile Arcangelo Corellis erfreuen bei diesem spätbarocken Tonsetzer thematisch komplexe viersätzige Sonaten, die ihre tanzcharakterliche Herkunft nicht leugnen können.

Dem unglaublich homogenen Spiel der vier Musiker und der Leuchtkraft und hohen klanglichen Differenzierungskunst des Geigers sollte zu verdanken sein, dass diese fantastischen Werke nun endlich am Tisch im Olymp barock-musikalischer Freuden ihren angestammten Platz finden werden.

Dr. Ingobert Waltenberger

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