Der Neue Merker

Barbara Stollberg-Rilinger: MARIA THERESIA

BuchCover Stollberg, Maria Theresia

Barbara Stollberg-Rilinger:
MARIA THERESIA
Die Kaiserin in ihrer Zeit
Eine Biographie
1084 Seiten, Beck Verlag, 2017

Vor 300 Jahren, am 13. Mai 1717, wurde am Wiener Hof eine Erzherzogin geboren, die 23 Jahre später gegen alle denkbaren Widerstände vier Jahrzehnte lang die Schicksale Europas entscheidend mitbestimmen würde. Die Distanz von drei Jahrhunderten setzt uns scheinbar in eine komfortable Situation, dieses Leben der „Kaiserin Maria Theresia“ zu betrachten und zu bewerten, sind doch die Dokumente und Materialen vielfach aufgearbeitet.

Tatsächlich gab es zu diesem Jahrhundert-Termin eine große Zahl neuer Betrachtungen des Themas. Wenn der Wettkampf der bedeutenden neuen Biographien zum großen Maria-Theresia-Jahr nach der Dicke der Bücher entschieden wird, dann siegt der Beck-Verlag mit seinem Werk um Längen: Barbara Stollberg-Rilinger, Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Münster, verbreitet sich auf 1084 Seiten, davon reicht der geschriebene Text bis Seite 855, der Rest ist Anmerkungsapparat. Mehr Platz als alle anderen.

Wenn Barbara Stollberg-Rilinger gleich zu Beginn an die Maria-Theresia-Hype der Habsburger-Monarchie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erinnert, dann betont sie neben der Aufstellung des Denkmals auf der Ringstraße auch das damals erschienene Standard-Werk von Alfred Ritter von Arneth, jene zehn Bände, die heute nur noch selten und teuer in Antiquariaten zu finden sind, die aber jeder, der über Maria Theresia arbeitet, für ihr Grundlagenwissen anzapft.

Man kann sagen, dass Barbara Stollberg-Rilinger ein ähnliches Basis-Werk für unsere Zeit geschrieben hat, obwohl (und weil) sie die Probleme der Geschichtsschreibung einräumt: Objektiv ist da gar nichts, jede Betrachtung nimmt ihren Standpunkt ein, der politisch gefärbt ist oder national, feministisch oder populistisch, in jedem Fall entscheidet das „Auge des Betrachters“. Immerhin gibt sich Barbara Stollberg-Rilinger selbst den Standpunkt: Die „Gräben, die die Gegenwart vom 18. Jahrhundert trennen“ sollen „gerade nicht eingeebnet und die scharfen Kanten der Figur gerade nicht abgeschliffen werden. Kurzum: Es soll keine falsche Vertrautheit mit Maria Theresia aufkommen. Man muss sich die Heldin vom Leibe halten.“

Dennoch kommt ihr die Autorin in ihrer klassisch chronologischen Sicht der Ereignisse, in die immer wieder Schwerpunktkapitel über das reale Leben eingefügt werden, Maria Theresia sehr nahe, wenn sie auch vielfach anders erscheint als sonst. Dass das „liebende Gattin“ und „liebende Mutter“-Klischee steinhart verfestigt war, weiß man. Wie wenig daran stimmt, wird hier klar, vor allem in der Schilderung des Gatten. Dass sie ihn liebte – keine Frage. Dass Maria Theresia immer zuerst Herrscherin war, auch keine Frage. Dass sie ab 1745, als Franz Stephan (mit ihrer starken Hilfe) zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs wurde, ihm als Herrscherin ihrer Erblande (ein Reich, dem damals noch eine Bezeichnung fehlte, das war noch nicht „k.u.k“, noch nicht die „Habsburger-Monarchie“, noch nicht das „Kaisertum Österreich“) politisch pro forma „untertan“ war, hat sie zweifellos gestört. Dass sie dem Gatten in der Regierung ihrer Länder scheinbar Rechte einräumte, die in der Realität nicht existierten, entsprach ihren herrscherlichen Umgangsformen – sie versuchte alles, was sie tat, so freundlich zu bemänteln, dass keine offensichtlichen Kränkungen für Menschen daraus wurden, sie aber letztlich genau erreichte, was sie wollte.

Wie dieser Franz Stephan wirklich war – die Nachwelt kann nur aus der Fülle der widerstrebenden Überlieferungen entscheiden, welches Bild sie sich von ihm machen möchte. Der Widerspruch zwischen dem Mann einerseits, der sich ins Private zurückzog, und dem andererseits, der vielleicht ganz gern mitregiert hätte, ist nicht aufzulösen. Auch nicht die groteske Situation, dass in Maria Theresias Staat dauernd Geldnot herrschte und er nebenbei seine Privatgeschäfte betrieb (die Autorin greift nicht den Verdacht auf, dass er den feindlichen Preußen Waffen geliefert hätte) – und man nach seinem Tod ganze Kisten mit Geld gefunden hat. Letztendlich definiert die Autorin das schwankende und meist negative Bild Franz Stephans aus der Tatsache heraus, dass die meisten (männlichen, traditionellen) Historiker ihm nicht verzeihen wollten, dass er den „Rollentausch“ zwischen seiner Frau und sich selbst doch so widerspruchslos akzeptiert hat – vielleicht um seiner persönlichen Ruhe und Bequemlichkeit willen.

Ähnlich genau und gnadenlos betrachtet Barbara Stollberg-Rilinger die „gute Mutter“ Maria Theresia, die diese nach unserem Verständnis keinesfalls war. Ihre Kinder waren dynastisches Material, wurden als solches geformt, benützt, vorgeführt, die Urteile der Mutter waren im allgemeinen harsch und gnadenlos, Verliebtheit in die Sprösslinge findet man nicht. Tatsächlich ist das Kapitel über das „Kapital der Dynastie“ eines der beklemmendsten, so genau ausgeführt wie alles andere auch, und was die „getreuen Untertanen“ betraf, die Maria Theresia als ihre hoch stilisierte „Mutter“ lieben sollten, so vermied sie doch tunlichst jede direkte Berührung mit dem „Volk“. Und wie später ihr Sohn Joseph entschied sie (in manchen Fällen – ob Juden, ob „gefallene Frauen“ – bis zur Brutalität), was gut für sie sei.

Die Autorin hat, da muss sie dem Verlag danken, sehr viel Platz – mehr als (Arneth ausgenommen) alle anderen Kollegen einst und heute. Und sie nützt es zu Überlegungen, die man in dieser Ausführlichkeit lange nicht angeboten bekam und die man – der Stil ist mitnichten professoral trocken – teilweise mit voller Faszination liest, ob es um Kriege geht oder Reformen, was ja im allgemeinen nicht die unterhaltendsten Themen sind. Der Kunstgriff der Autorin besteht darin, nicht trockene Fakten wiederzukäuen, sondern die Entwicklungen anhand der beteiligten Menschen zu erzählen. Tatsächlich lässt man sich hier auf eine nahezu wochenlange Beschäftigung mit dem Thema ein, schneller wird man das Buch, das seine Fragen nicht partiell, sondern wirklich gründlich angeht, kaum bewältigen, das ja auf den beiden Ebenen verläuft – die Frau und die Herrscherin.

Genaues Hinsehen auf die Überlieferung war für die Autorin wichtiger, als zuerst eigene Interpretationen anzubieten, wobei es vor allem die Quellen sind, die Barbara Stollberg-Rilinger ausführlich befragt hat: So zieht sie beispielsweise auch immer wieder die Aufzeichnungen des Grafen Khevenhüller heran, dessen Tagebücher (sofern sie vorliegen, leider herrschen große Lücken) penibel von Tag zu Tag das Leben am Hof aufzeichneten. Von vielen Historikern als „Klatsch“ abgetan, weiß sich Barbara Stollberg-Rilinger hier vorzüglich zu bedienen, ebenso wie bei dem Grafen Podewils, der der genau beobachtende „Spion“ Friedrichs II. von Preußen am Wiener Hof war.

Dass Barbara Stollberg-Rilinger viel zitiert, gehört bei einem Buch dieser Art dazu, dass man in dem voluminösen „Schinken“ immer hin-und herblättern muss, erleichtert die gewinnbringende Lektüre nicht wirklich – aber wer sagt, dass es ein Buch dieser Art den Lesern leicht machen muss (so gern sie die Fußnoten auch am Ende der Seiten fänden…)

Zu den Quellen, die man kritisch heranziehen muss, gehören auch die Selbstrechtfertigungs-Schriften der Kaiserin, die auf genauem Kalkül beruhten – dass diese Aussagen zur eigenen Person es schafften, von Historiker-Generationen als Fakten tradiert zu werden, zeigt, dass Maria Theresia (nach Meinung der Autorin) ihren Zweck erreicht hat, nämlich ihr Bild in der Geschichte über weite Strecken und Epochen selbst zu bestimmen.

Eines steht fest: Dass Maria Theresia eine Frau war, die über ihre Rolle als Herrscherin genau reflektierte und ihr Verhalten danach einrichtete, wenn es ihr nicht emotional entglitt, was selten der Fall war. Innere Stärke zeichnete sie selbst in den Perioden depressiver Niedergedrücktheit noch aus: Die Autorin konzediert ihr letztlich auch die bewundernswerte Leistung, dass Maria Theresia „ihre erstaunliche Willenskraft und Disziplin“ am Ende noch einmal verwendete, um „einen schönen Tod zu sterben“, wie es ihr als Christin ziemlich schien.

Nehmt alles nur in allem: Barbara Stollberg-Rilinger hat nicht nur das dickste Buch zum Jubiläum geschrieben, es ist auch das genaueste, es durchleuchtet die komplexen Strukturen der damaligen Zeit so sorgfältig wie informativ, und es kommt Maria Theresia und den Menschen ihrer Welt so nahe, wie man es sich als interessierter Leser nur wünschen kann.

Renate Wagner

 

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